Und Dengler lässt keinen Zweifel daran, dass er die Entscheidung für die Dreierkoalition bis heute kritisch sieht. Auf die Frage, ob es ein Fehler war, in diese Regierung zu gehen, sagt er: „Ich hätte es nicht gemacht.“ Gleichzeitig räumt er ein: „Ich glaube, es ist nachvollziehbar, dass wir es gemacht haben.“

Der Subtext ist deutlich: Wer in die Regierung geht, trägt Verantwortung – und die Messlatte liegt hoch. Dengler sagt es so: Das erhöhe „die Verantwortung, die wir haben, dass sich auch wirklich was ändert im Land“.

„Das Parlament ist machtlos“ – Denglers Systemkritik

Besonders hart fällt Denglers Urteil über das Parlament aus. Er beschreibt seine Ernüchterung nach dem Wechsel in die Politik: „Wie machtlos das Parlament in Österreich ist“ – und wie sehr es sich „der Regierung“ unterwerfe. Sein Befund: „… das Konzept der Gewaltentrennung in Österreich ziemlich ausgehebelt.“

Er schildert den Ablauf im parlamentarischen Alltag als formal, aber wenig wirksam: Im Ausschuss werde „nicht wirklich gearbeitet an den Gesetzen“, vieles sei vorher „akkordiert“, Oppositionelles werde „praktisch immer vertagt oder abgelehnt“.

Dengler setzt dem ein Idealbild entgegen: Er verweist auf seine Erfahrungen in der Schweiz und sagt, im Vergleich sei das in Österreich „relativ trivial“ – und: „Es werden nicht wirklich Gesetze gemacht im Parlament.“

„Mut“ als Mangelware – und die Angst vor dem FPÖ-Szenario

Dengler spricht mehrfach über fehlenden Reformwillen. Es gebe zwei Denkschulen: die einen wollten „große Würfe“, die anderen würden „das Land so vor uns hin verwalten, bis die FPÖ dann nimmt“.

Er nennt das einen gefährlichen Fatalismus und sagt klar: „Das würde ich gerne verhindern, wenn es geht.“ Und er warnt vor einer Dynamik, die sich selbst verstärkt – er nennt es (aus dem Englischen übersetzt) eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“.

Denglers Reform-Rezept: Wahlrecht, Parteiengeld – und ein Tabubruch

Warum geht in Österreich so wenig weiter? Dengler liefert eine Diagnose, die im Podcast immer wieder auftaucht: „Wahlrecht und die Parteienfinanzierung.“

Er fordert ein Wahlrecht, bei dem Abgeordnete stärker den Wählern verpflichtet sind: „… nicht mehr meiner Partei verpflichtet … sondern ich bin den Wählern verpflichtet“. Das solle eine „Kulturänderung“ auslösen – weg vom Parteiapparat, hin zum Wählerauftrag.

Beim Thema Parteienfinanzierung wird Dengler besonders scharf. Er nennt die österreichische Parteienförderung „obszön“ und spricht von einem „Parteienoligopol“. Seine These: Das System sei so bequem finanziert, dass Reformdruck verpufft.

Politisch brisant: Dengler erzählt, er habe bei einer Erhöhung der Parteienfinanzierung am Ende doch mitgestimmt, kritisiert sie aber als „symbolisch“ falsch. Es gehe um die Möglichkeit, dass öffentlich bezahlte Mitarbeiter auch private Social-Media-Accounts betreuen. Dengler: „… symbolisch glaube ich ganz falsch.“

„Wir sind nur der kleinste Partner“ – und trotzdem unter Zugzwang

Dengler macht auch klar, wie begrenzt der Einfluss der NEOS in der Koalition ist: „… wir sind halt nur der kleinste Partner dieser Koalition.“

Er nennt große Baustellen, die noch kommen müssten: Föderalismus, Pensionen, Wirtschaft. Zur Pensionsdebatte sagt er: „Ich glaube, es ist auch unausweichlich, dass wir in Österreich eine große Pensionsreform machen.“

Und er beschreibt das Dilemma der Demokratie: Kompromiss sei normal – aber wenn Probleme Jahrzehnte „aufgestaut“ seien, werde es schwer. Dengler spricht von „Reformstau“ und davon, dass der „Ernst der Lage“ groß sei.