NEOS versprachen Deutsch – heute kann jeder zweite Wiener Schulanfänger kaum folgen
2020 traten die NEOS mit großen Worten an: Früh fördern, Deutsch sichern, Bildung neu denken. Knapp sechs Jahre später – bereits in der zweiten rot-pinken Stadtregierung – ist die Realität ernüchternd. Die Zahlen sind eindeutig.
Große Gesten, große Versprechen: NEOS-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr und Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) beim Start der rot-pinken „Fortschrittskoalition“. Fünf Jahre später kann jedes zweite Wiener Kind beim Schuleintritt kaum Deutsch.APA/HERBERT PFARRHOFER
Im Wien-Wahlkampf 2020 kündigten die NEOS eine „mutige Reform des Wiener Bildungssystems“ an – vom Kindergarten bis zur Schule. Sprachförderung sollte früher, gezielter und wirksamer werden. Deutsch vor Schuleintritt galt als Schlüssel für Integration, Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit.
Ausgerechnet Bildung und Integration erhielten die NEOS nach der Wahl als Ressort – ihr Kernthema, ihr politisches Aushängeschild. Seit dem Eintritt in die Stadtregierung 2020 sind sie dafür durchgehend zuständig: zunächst Christoph Wiederkehr als Bildungs- und Integrationsstadtrat, seit 2025 Bettina Emmerling. Damit tragen die NEOS nicht punktuell, sondern seit Jahren Verantwortung – ausgerechnet dort, wo sich die Lage beim Schulstart dramatisch verschärft hat.
Die Realität
Mit Stichtag 1. Oktober 2025 gelten 50,9 Prozent der Wiener Schulanfänger (Vorschule und erste Klasse) als außerordentliche Schüler, wie die Krone zunächst berichtete. Übersetzt heißt das: Mehr als jedes zweite Kind kann dem Unterricht sprachlich nicht folgen.
2020 lag dieser Anteil noch bei 41 Prozent. Seither ging es jedes Jahr bergauf – ein Plus von fast zehn Prozentpunkten unter jener Stadtregierung, in der die NEOS den Bildungsbereich verantworteten.
Besonders brisant: Fast 60 Prozent dieser Kinder sind in Österreich geboren, rund ein Viertel besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft. Das Problem lässt sich also nicht mit „frischer Zuwanderung“ erklären – es ist hausgemacht.
Die Verantwortung
Gerade Kindergärten und Pflichtschulen, also der entscheidende Bereich vor dem Schuleintritt, fallen überwiegend in die Zuständigkeit des Landes Wien.
Die Zahlen zeigen ein massives Vollzugsdefizit: Mehr als 16.800 Kinder hatten im Kindergartenjahr 2024/25 Deutschförderbedarf. Rund ein Drittel erhielt keine gezielte Sprachförderung durch Fachkräfte. Die Vorschule wurde zur Auffangstufe: 82 Prozent der Vorschüler gelten als außerordentlich.
In manchen Bezirken – etwa Favoriten, Ottakring oder Margareten – verstehen laut Schätzungen nur fünf von 22 Kindern in einer Klasse den Lehrer ausreichend.
Der Kontrast zur NEOS-Rhetorik
Während die NEOS 2020 noch einen pädagogischen Ansatz verfolgten – die Förderung der Erstsprache als Grundlage für den Deutscherwerb –, änderte sich ab 2024 der Ton deutlich. Unter dem Schlagwort „Mission Deutsch“ dominierten plötzlich Ankündigungen wie „Deutschoffensive“, „Deutsch-Start“-Kurse, Sommerdeutschkurse, Alphabetisierung und kurzfristige Aufholprogramme, begleitet von gut vermarktbaren Ausbauzahlen.
Das markiert einen klaren Perspektivwechsel: weg von jahrelanger, verbindlicher Sprachentwicklung im Kindergarten, hin zu Reparaturmaßnahmen kurz vor oder nach dem Schuleintritt. Der Ton wurde schärfer, die Schlagworte größer – die Ergebnisse schlechter. Denn Sommerdeutschkurse, Lernhilfeprogramme und Pilotprojekte können jahrelange Defizite im Kindergarten nicht kompensieren. Wer mit sechs Jahren kaum Deutsch spricht, kommt zu spät ins System.
Der Fairness halber
Die NEOS weisen die Kritik zurück, denn tatsächlich haben sie ja auch Maßnahmen umgesetzt. So wurden die Sommerdeutschkurse auf rund 5.000 Plätze pro Jahr ausgebaut – mehr als doppelt so viele wie 2020. Programme wie das Wiener Bildungsversprechen und Wiener Bildungschancen erreichen zehntausende Kinder, zusätzlich kamen rund 300 Sprachförderkräfte, School Nurses sowie eine spürbare administrative Entlastung der Schulen hinzu. Insgesamt flossen dafür trotz Budgetdrucks mehr als 28 Millionen Euro in den Bildungsbereich. In einzelnen Bereichen zeigen diese Maßnahmen Wirkung, etwa bei sinkenden Schulabbrüchen.
Allerdings sind die NEOS auch mit dem Anspruch angetreten, Bildungspolitik messbar zu verbessern. Beim entscheidenden Indikator – der Deutschkompetenz zum Schulstart – ist Wien heute mit 50,9 Prozent außerordentlichen Schulanfängern deutlich schlechter aufgestellt als 2020 (41 Prozent). Ähnliche Entwicklungen gibt es auch bundesweit, werden in Wien jedoch durch die Geburtenzahlen samt Zuwanderung zusätzlich verschärft. Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, verbindliche Sprachförderung im Kindergarten tatsächlich flächendeckend umzusetzen – denn was vor dem Schuleintritt versäumt wird, lässt sich später kaum mehr aufholen.
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