Im Wien-Wahlkampf 2020 kündigten die NEOS eine „mutige Reform des Wiener Bildungssystems“ an – vom Kindergarten bis zur Schule. Sprachförderung sollte früher, gezielter und wirksamer werden. Deutsch vor Schuleintritt galt als Schlüssel für Integration, Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit.

Ausgerechnet Bildung und Integration erhielten die NEOS nach der Wahl als Ressort – ihr Kernthema, ihr politisches Aushängeschild. Seit dem Eintritt in die Stadtregierung 2020 sind sie dafür durchgehend zuständig: zunächst Christoph Wiederkehr als Bildungs- und Integrationsstadtrat, seit 2025 Bettina Emmerling. Damit tragen die NEOS nicht punktuell, sondern seit Jahren Verantwortung – ausgerechnet dort, wo sich die Lage beim Schulstart dramatisch verschärft hat.

Die Realität

Mit Stichtag 1. Oktober 2025 gelten 50,9 Prozent der Wiener Schulanfänger (Vorschule und erste Klasse) als außerordentliche Schüler, wie die Krone zunächst berichtete. Übersetzt heißt das: Mehr als jedes zweite Kind kann dem Unterricht sprachlich nicht folgen.

Der Schulstart entscheidet: Wer hier sprachlich zurückbleibt, holt den Rückstand später kaum mehr auf.APA/HARALD SCHNEIDER

2020 lag dieser Anteil noch bei 41 Prozent. Seither ging es jedes Jahr bergauf – ein Plus von fast zehn Prozentpunkten unter jener Stadtregierung, in der die NEOS den Bildungsbereich verantworteten.

Besonders brisant: Fast 60 Prozent dieser Kinder sind in Österreich geboren, rund ein Viertel besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft. Das Problem lässt sich also nicht mit „frischer Zuwanderung“ erklären – es ist hausgemacht.

Die neue Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) übernimmt ein schwieriges Erbe: Immer mehr Kinder starten mit massiven Deutschdefiziten ins Wiener Schulsystem.APA/ROLAND SCHLAGER

Die Verantwortung

Gerade Kindergärten und Pflichtschulen, also der entscheidende Bereich vor dem Schuleintritt, fallen überwiegend in die Zuständigkeit des Landes Wien.

Die Zahlen zeigen ein massives Vollzugsdefizit: Mehr als 16.800 Kinder hatten im Kindergartenjahr 2024/25 Deutschförderbedarf. Rund ein Drittel erhielt keine gezielte Sprachförderung durch Fachkräfte. Die Vorschule wurde zur Auffangstufe: 82 Prozent der Vorschüler gelten als außerordentlich.

Was im Kindergarten versäumt wird, zeigt sich in der Schule: Sprachdefizite begleiten viele Kinder vom ersten Tag an.APA/DPA/LBN/ROLF HAID

In manchen Bezirken – etwa Favoriten, Ottakring oder Margareten – verstehen laut Schätzungen nur fünf von 22 Kindern in einer Klasse den Lehrer ausreichend.

Der Kontrast zur NEOS-Rhetorik

Während die NEOS 2020 noch einen pädagogischen Ansatz verfolgten – die Förderung der Erstsprache als Grundlage für den Deutscherwerb –, änderte sich ab 2024 der Ton deutlich. Unter dem Schlagwort „Mission Deutsch“ dominierten plötzlich Ankündigungen wie „Deutschoffensive“, „Deutsch-Start“-Kurse, Sommerdeutschkurse, Alphabetisierung und kurzfristige Aufholprogramme, begleitet von gut vermarktbaren Ausbauzahlen.

Christoph Wiederkehr als Bildungsstadtrat mit Ludwig im Hintergrund: Fünf Jahren lang lagen Bildung und Integration in der Verantwortung des jetzigen Bildungsministers.APA/HANS PUNZ

Das markiert einen klaren Perspektivwechsel: weg von jahrelanger, verbindlicher Sprachentwicklung im Kindergarten, hin zu Reparaturmaßnahmen kurz vor oder nach dem Schuleintritt. Der Ton wurde schärfer, die Schlagworte größer – die Ergebnisse schlechter. Denn Sommerdeutschkurse, Lernhilfeprogramme und Pilotprojekte können jahrelange Defizite im Kindergarten nicht kompensieren. Wer mit sechs Jahren kaum Deutsch spricht, kommt zu spät ins System.

Der Fairness halber

Die NEOS weisen die Kritik zurück, denn tatsächlich haben sie ja auch Maßnahmen umgesetzt. So wurden die Sommerdeutschkurse auf rund 5.000 Plätze pro Jahr ausgebaut – mehr als doppelt so viele wie 2020. Programme wie das Wiener Bildungsversprechen und Wiener Bildungschancen erreichen zehntausende Kinder, zusätzlich kamen rund 300 Sprachförderkräfte, School Nurses sowie eine spürbare administrative Entlastung der Schulen hinzu. Insgesamt flossen dafür trotz Budgetdrucks mehr als 28 Millionen Euro in den Bildungsbereich. In einzelnen Bereichen zeigen diese Maßnahmen Wirkung, etwa bei sinkenden Schulabbrüchen.

Allerdings sind die NEOS auch mit dem Anspruch angetreten, Bildungspolitik messbar zu verbessern. Beim entscheidenden Indikator – der Deutschkompetenz zum Schulstart – ist Wien heute mit 50,9 Prozent außerordentlichen Schulanfängern deutlich schlechter aufgestellt als 2020 (41 Prozent). Ähnliche Entwicklungen gibt es auch bundesweit, werden in Wien jedoch durch die Geburtenzahlen samt Zuwanderung zusätzlich verschärft. Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, verbindliche Sprachförderung im Kindergarten tatsächlich flächendeckend umzusetzen – denn was vor dem Schuleintritt versäumt wird, lässt sich später kaum mehr aufholen.