Neue Details zum Abkommen: Inder wollen mehr Veltliner, Mannerschnitten & Nudeln
Nach fast zwei Jahrzehnten der Verhandlungen haben die EU und Indien ein umfassendes Handelsabkommen vereinbart. Vorgesehen sind weitreichende Zollsenkungen, unter anderem bei Autos, Wein, Nudeln und Schokolade. Bis zur Unterzeichnung und Ratifizierung sind jedoch noch mehrere Schritte erforderlich.
Die EU und Indien haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi gaben die Einigung am Dienstag in Neu-Delhi bekannt. Die Vereinbarung soll Handelsbarrieren abbauen und den Austausch von Waren und Dienstleistungen ausweiten. Zugleich wird sie auch als geopolitisch bedeutsam beschrieben – unter anderem vor dem Hintergrund der Handelspolitik der USA und des Machtstrebens Chinas.
„Wir schreiben heute Geschichte“
Von der Leyen bezeichnete die Einigung als historisch: „Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt.“ Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Handel angekurbelt werden. Zudem sende man ein „Signal in die Welt“, dass regelbasierte Zusammenarbeit Ergebnisse liefern könne.
Die EU nennt als Ziel, Wachstum und Arbeitsplätze zu fördern und zugleich unerwünschte Abhängigkeiten von anderen Staaten zu reduzieren.
Zollsenkungen bei Autos, Wein, Nudeln und Schokolade
Laut EU-Kommission sieht das Abkommen eine Senkung der Zölle auf fast alle Produkte aus der EU vor – insbesondere auf Autos, Wein und Nudeln. So sollen die indischen Zölle auf Autos schrittweise von 110 auf zehn Prozent sinken. Die Importaufschläge auf Wein sollen von 150 auf 20 Prozent reduziert werden. Zölle auf Pasta und Schokolade sollen demnach komplett entfallen.
Außerdem sollen die Zölle auf Pharmaprodukte und Chemikalien deutlich sinken. Auch die europäische Landwirtschaft möchte mehr nach Indien exportieren. Neben Pasta und Schokolade sollen auch die Zölle auf Olivenöl vollständig wegfallen.
Landwirtschaft: Ausnahmen und EU-Standards
Die EU-Kommission betont, dass „empfindliche europäische Agrarsektoren“ durch Ausnahmen „vollständig geschützt“ würden. Nicht Teil des Abkommens sind demnach andere Agrarprodukte wie Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch sowie Reis und Zucker.
Für indische Einfuhren gelten weiterhin die strengen Gesundheits- und Lebensmittelsicherheitsvorschriften der EU. Gleichzeitig sieht die EU neue Exportchancen: So sollen indische Zölle auf Wein bei Inkrafttreten des Abkommens zunächst auf 75 Prozent gesenkt und später auf bis zu 20 Prozent reduziert werden. Zölle auf verarbeitete Agrarprodukte wie Brot und Süßwaren von bis zu 50 Prozent sollen sogar vollständig abgeschafft werden.
Mögliche Effekte für Österreich
Laut WIFO-Ökonom Harald Oberhofer könnten in Österreich vor allem der Maschinen- und Anlagenbau, die Fahrzeugzulieferindustrie, die Chemie- und Kunststoffindustrie sowie die Umwelttechnik profitieren. Auch die heimische Bauwirtschaft könnte bei großen Infrastrukturprojekten in Indien zum Zug kommen. Eine Flut indischer Autos auf dem europäischen Fahrzeugmarkt erwartet Oberhofer jedoch nicht.
Marktgröße, Unternehmen und Exporterwartungen
Mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt. In der EU leben rund 450 Millionen Menschen. Die EU erwartet, dass das Abkommen bis 2032 zu einer Verdoppelung der Exporte aus der EU nach Indien führen wird. Dies wird damit begründet, dass Zölle auf 96,6 Prozent des Werts der EU-Warenexporte nach Indien abgeschafft oder gesenkt werden. Laut Angaben der EU sind bereits heute mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien vertreten.
Unterzeichnung dauert noch
Bis das Abkommen unterzeichnet werden kann, wird es noch dauern. Zunächst muss der Vertragstext rechtlich überprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden. Anschließend ist die Zustimmung der Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments erforderlich.
Bereits von 2007 bis 2013 wurde mit Indien über ein Freihandelsabkommen verhandelt, doch die Gespräche scheiterten und wurden erst 2022 wieder aufgenommen. Zuletzt stieg auf beiden Seiten das Interesse an einer Einigung, nicht zuletzt angesichts des Verhaltens der USA unter Präsident Donald Trump.
Auf indische Produkte erheben die USA inzwischen Zölle in Höhe von 50 Prozent, darunter 25 Prozent aufgrund von Handelsgeschäften Indiens mit Russland. Indien pflegt Beziehungen sowohl zu Moskau als auch zum Westen und bezieht einen großen Teil seines Öls und Gases aus Russland, das die Einnahmen in den Angriffskrieg gegen die Ukraine steckt.
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