„Peinlich“: Berlin blamiert sich mit „Wandertag der Bundeswehr“ in Grönland, sagt Experte
Kaum eingereist, schon wieder weg: Der Rückzug der Bundeswehr aus Grönland nach nur zwei Tagen ist für Politikwissenschaftler Gerhard Mangott ein Offenbarungseid. Berlin agiere „peinlich“, Deutschland wirke international „unglaubwürdig“ – ein weiteres Zeichen außenpolitischer Schwäche.
Außenpolitisch geschwächt? Unter Kanzler Friedrich Merz (Bild) endet der Bundeswehr-Auftritt in Grönland nach nur zwei Tagen.APA/AFP/POOL/Ludovic MARIN/Alessandro RAMPAZZO
Dass Deutschland seine 15 Soldaten nach nur zwei Tagen aus Grönland zurückholte, hält der Politikwissenschaftler Prof. Gerhard Mangott (Universität Innsbruck) für „peinlich“. Wenn – wie die Bundeswehr erklärt – die Mission tatsächlich bereits abgeschlossen gewesen sein soll, müsse man sich fragen, „ob die Bundeswehr am Freitag einen Wandertag gehabt hat“. Das sei völlig „unglaubwürdig“. Für Mangott spricht vieles dafür, dass der Einsatz abgebrochen wurde – und dass Berlin politisch zurückruderte. Deutschlands außenpolitische Reputation leide darunter erheblich, warnt er.
Der Zeitpunkt sei dabei kein Zufall: Der Rückzug folgte unmittelbar auf die Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump. „Die Folgen sind fatal“, sagt Mangott gegenüber der Berliner Zeitung. Deutschland erteile damit einer unabhängigen Außenpolitik de facto eine klare Absage.
Gehorsam statt Führung
Während Frankreich und Großbritannien gegenüber Washington deutlich härter auftreten, falle Deutschland durch besondere Nachgiebigkeit auf. „Wenn die Amerikaner den Mund aufmachen, dann gehorchen wir und kommen zum Rapport“, kommentiert Mangott. Die oft beschworene deutsche Führungsrolle in Europa sei „hohl“. Provokant fragt er: „Wer wünscht sich denn überhaupt eine deutsche Führungsrolle in Europa?“
Selbst Trump-nahe Politiker wie Nigel Farage hätten zuletzt kritischere Töne angeschlagen als Berlin.
Unterwerfung funktioniert nicht
Die Hoffnung, Trump durch Nachgiebigkeit zu besänftigen, hält Mangott für grundfalsch. „Die Strategie, sich vor Trump in den Staub zu werfen, hat nichts gebracht.“ Als warnendes Beispiel nennt er NATO-Generalsekretär Mark Rutte: Trump eskaliere weiter, weil er keinen Widerstand verspüre. Wer sich unterwerfe, lade geradezu zur nächsten Machtdemonstration ein.
Ukraine offenbart Europas Ohnmacht
Besonders deutlich werde Europas Schwäche in der Ukraine. Ohne amerikanische Unterstützung sei jede europäische Initiative zum Scheitern verurteilt. Eine Stationierung von Truppen sei ohne US-Rückendeckung schlicht zu riskant. Zudem fehlten den Europäern die militärischen Fähigkeiten, eine solche Mission durchzuhalten.
„Die Meinung Europas interessiert weder Russland noch die USA“, fasst Mangott zusammen.
Gas-Abhängigkeit als zusätzliches Druckmittel
Auch im Energiesektor wächst die Abhängigkeit. Rund 27 Prozent der europäischen Gasimporte stammen mittlerweile aus den USA. „Die USA unter Trump sind bereit, europäische Abhängigkeiten als Hebel für ihre Außenpolitik zu nutzen“, warnt Mangott. Ein Plan, wie Europa sich daraus lösen könnte, sei nicht erkennbar.
Führungs-Vakuum in Europa
Deutschland habe mit dem Rückzug aus Grönland seinen Führungsanspruch verspielt. „So kann Führung nicht aussehen.“ Zwar seien Frankreich und Großbritannien als Nuklearstaaten grundsätzlich führungsfähig, doch innenpolitische Probleme schränkten ihre Handlungsfähigkeit massiv ein.
Das Ergebnis: „Es entsteht ein Vakuum in Europa.“ Niemand sei derzeit in der Lage, einen mutigeren Kurs anzuführen. Und auch das zuletzt härtere Auftreten einzelner Staaten werde wohl nicht von Dauer sein.
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