Politologe Varwick: „Ukraine-Krieg 2026 vorbei – Trump liegt richtig“
Der Ukraine-Krieg endet schon 2026: Der deutsche Politologe Johannes Varwick hält das tatsächlich für realistisch – weil die USA strategisch umschalten, Europa finanziell an Grenzen stößt und die militärische Lage kaum noch Bewegung zulässt. Hier habe Trump „den richtigen Kompass“. Merz stehe hingegen „auf der falschen Seite“.
Der Krieg in der Ukraine dauert nun seit vier Jahren. Die Fronten sind verhärtet, die Verluste hoch, die wirtschaftlichen Belastungen enorm. Ein militärischer Durchbruch ist nicht in Sicht. Genau aus dieser Lage heraus entwickelt Johannes Varwick seine Prognose: „Ich sehe die Chance, dass dieser Krieg im ersten Halbjahr 2026 endet“, erklärt er gegenüber der Berliner Zeitung.
Der 57-jährige Politikwissenschaftler lehrt seit 2013 Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle-Wittenberg. In seinem neuen Buch „Stark für den Frieden“ kritisiert er einen aus seiner Sicht gefährlichen sicherheitspolitischen Alarmismus in Deutschland und Europa.
Und dennoch soll der Ukraine-Krieg schon 2026 enden? Für Varwick ist das kein Wunschdenken, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren, die gleichzeitig wirken.
Die strategische Wende in Washington
Erstens: Die USA haben nach Varwicks Einschätzung ein fundamentales Interesse daran, eine weitere Eskalation zu verhindern. Nicht aus Idealismus, sondern aus strategischer Vorsicht. Eine direkte Konfrontation zwischen Nato und Russland – womöglich mit nuklearer Dimension – wäre für Washington ein unkalkulierbares Risiko.
„Die Amerikaner wollen den Krieg jetzt beenden“, sagt Varwick. Man berücksichtige mittlerweile auch russische Sicherheitsinteressen – nicht aus Sympathie, sondern aus Angst vor einer Ausweitung des Konflikts. In der Ukraine-Frage, so sein Urteil, „liegt Trump richtig“.
Für Varwick ist klar: Wenn Washington umschaltet, verändert sich die gesamte Dynamik.
Europas finanzielle Belastungsgrenze
Zweitens sieht Varwick Europa finanziell unter Druck. Das jüngste EU-Paket von mehr als 90 Milliarden Euro sollte ursprünglich aus eingefrorenem russischem Vermögen finanziert werden. Doch dieser Plan ging nicht auf.
Neue milliardenschwere Unterstützungsprogramme würden politisch immer schwerer durchsetzbar. Je länger der Krieg dauert, desto größer werde die Haushaltsbelastung – und desto fragiler der politische Konsens. „Inzwischen ist vielen in Europa klar, dass der bisherige Kurs finanziell nicht länger durchzuhalten ist.“
Militärische Realität statt Siegfantasien
Drittens verweist Varwick auf die militärische Lage. Nach vier Jahren Abnutzungskrieg habe sich eine faktische Patt-Situation herausgebildet. Ein vollständiger militärischer Sieg der Ukraine erscheine unter den gegebenen Kräfteverhältnissen kaum realistisch. Ebenso wenig sei ein vollständiger russischer Durchbruch wahrscheinlich.
Bleibe also nur das, was Varwick eine „realpolitische Frontbegradigung“ nennt – ein Kompromiss, der die militärische Realität anerkennt.
Kriegsmüdigkeit auf allen Seiten
Viertens wächst nach Varwicks Beobachtung die Erschöpfung. „Die Kriegsmüdigkeit nimmt auf allen Seiten zu“, sagt er – in der Ukraine, in Russland, aber auch im Westen.
Demokratische Systeme reagieren sensibel auf Kosten, Dauer und gesellschaftliche Belastung. Irgendwann entsteht politischer Druck zur Beendigung eines Konflikts – selbst wenn die ursprünglichen Ziele ambitionierter waren.
Europas Kurs kippt
Varwick sieht noch einen weiteren, entscheidenden Punkt: Europas politische Linie stoße an ihr eigenes Limit. Zurzeit hätten „die Europäer nichts Besseres zu bieten als Durchhalteparolen und ein weiteres Verheizen der Ukraine“. Doch diese Haltung verliere an Überzeugungskraft. „Immer mehr Menschen im Westen und in der Ukraine erkennen, dass das nicht mehr aufgeht.“
Nach vier Jahren Krieg, unterstreicht Varwick, „gibt es keine guten politischen Optionen mehr. Es gibt jedoch schlechte und noch schlechtere Optionen.“ Die beste dieser schlechten sei „der Versuch einer realpolitischen Frontbegradigung, wie ihn die Trump-Administration spätestens seit Alaska im August des vergangenen Jahres anstrebt.“
Wie ein Ende aussehen könnte
Die Eckpunkte einer möglichen Lösung seien seit Langem bekannt: keine Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine, bewaffnete Neutralität und territoriale Veränderungen.
„Das ist nicht schön“, sagt Varwick. Aber nach vier Jahren Krieg bleibe kaum eine realistische Alternative. Unangenehm? Ja. Realistisch? Ebenfalls ja.
Das Kanzleramt auf Konfrontationskurs
Deutschland hingegen halte am bisherigen Durchhalte-Kurs fest. Die Annahme: Wenn Russland militärisch und wirtschaftlich lange genug geschwächt werde, werde es irgendwann einlenken.
Varwick hält das für eine Fehleinschätzung. Russland habe trotz massiver Sanktionen seine Kriegsfähigkeit stabilisiert. Ein Strategieansatz ohne klare politische Exit-Perspektive verlängere den Konflikt eher, als ihn zu beenden.
Sein Urteil fällt deutlich aus: „Insofern ist die Politik im Kanzleramt eine glatte Sechs.“ Statt Diplomatie dominiere Durchhalte-Rhetorik. Statt Interessenausgleich: moralische Selbstvergewisserung.
Ein verengter sicherheitspolitischer Diskurs
Varwicks Kritik geht über die Tagespolitik hinaus. Er sieht eine problematische Entwicklung im öffentlichen Diskurs.
Sicherheitspolitische Fragen würden zunehmend militärisch gedacht. Wer Diplomatie, Rüstungskontrolle oder eine Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen ins Spiel bringe, gelte schnell als „russlandfreundlich“. „Solange man einen regierungsamtlichen Mainstream-Kurs vertritt, darf man mitspielen.“
Das sei gefährlich, warnt er. Politik werde schlechter, wenn Kritik nicht als Herausforderung, sondern als Störung verstanden werde – und wenn sicherheitspolitische Debatten nur noch in eine Richtung liefen.
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