Russisches Spionageschiff nimmt Europas Unterseekabel ins Visier – FT deckt auf
Ein ziviles Forschungsschiff – so lautet die offizielle Version. Doch die Yantar ist laut Financial Times ein High-Tech-Spionageschiff der russischen Marine. Seine geheimen Missionen führen direkt zu Europas Unterseekabeln und Pipelines. Brisant: Diese unsichtbaren Lebensadern sichern Internet, Energie und Finanzströme.
Unscheinbar, aber hochgerüstet: Die „Yantar“ im Einsatz für geheime Unterwassermissionen.Andrey Luzik/http://мультимедиа.минобороны.рф/multimedia/photo/gallery.htm?id=57721@cmsPhotoGallery/Bildausschnitt
Ein unscheinbares Schiff sorgt für wachsende Unruhe in Europa: Die Yantar, offiziell ein ziviles Forschungsschiff, steht im Zentrum brisanter Enthüllungen. Eine umfassende Recherche der Financial Times zeigt: In Wahrheit ist die Yantar ein hochmodernes Spionagewerkzeug des russischen Militärs.
Ihre geheimen Missionen richten sich gegen Europas Unterseekabel – jene unsichtbare Lebensader, durch die fast alle digitalen Verbindungen und große Teile der Energieversorgung laufen.
Spionage statt Forschung
Schon lange kursierten Gerüchte, dass die Yantar mehr ist als ein harmloses Forschungsschiff. Nun belegen Satellitendaten und Analysen, dass an Bord Mini-U-Boote und Unterwasserroboter stationiert sind. Mit diesen lassen sich Glasfaserkabel nicht nur beobachten, sondern auch gezielt anzapfen oder für Sabotage vorbereiten.
Die Dimension dieser Gefahr ist gewaltig: 99 Prozent der britischen digitalen Kommunikation laufen durch Unterseekabel. Drei Viertel des Gasbedarfs werden über Pipelines am Meeresgrund transportiert.
Schon ein Eingriff an wenigen Stellen könnte dramatische Folgen haben – von lahmgelegten Finanztransaktionen bis zu großflächigen Stromausfällen.
Auffällige Manöver in der Irischen See
Besonders brisant: Im November 2024 stoppte die Yantar stundenlang in einem kleinen Abschnitt der Irischen See – genau dort, wo gleich drei zentrale Datenleitungen Irland und Großbritannien verbinden.
Auch im Norden, vor Norwegen und Spitzbergen, wurde das Schiff beobachtet – in einer Region, die für die militärische Kommunikation der Nato-Staaten entscheidend ist.
GUGI – Russlands geheime Einheit
Hinter der Yantar steht die Direktion für Tiefseeforschung, kurz GUGI. Diese geheime Einheit existiert seit dem Kalten Krieg, arbeitet unabhängig von der Marine und ist direkt dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt.
GUGI verfügt über eine Flotte von rund 50 Schiffen, Spezial-U-Booten und Mini-Tauchbooten. Offiziell als Forschungsdirektion bezeichnet, dient sie in Wahrheit der Spionage. Experten zufolge hat sich der Fokus zuletzt verschoben – weg von defensiven Aufgaben hin zu offensiven Operationen wie gezielter Sabotage gegnerischer Infrastruktur.
Besonders geheim: GUGIs Hauptbasis liegt in der Bucht von Olenya Guba nahe der norwegischen Grenze. Dort wurden zuletzt neue Verteidigungsanlagen errichtet, um fremde Schiffe fernzuhalten. Schon seit den 1960er-Jahren wird dieser Stützpunkt von westlichen Geheimdiensten überwacht.
„Wir sehen euch“ – London schlägt Alarm
Die Aktivitäten der Yantar bleiben im Westen nicht unbemerkt. Der britische Verteidigungsminister John Healey fand ungewöhnlich klare Worte: „Wir sehen euch. Wir wissen, was ihr tut.“
Tatsächlich registrierte die britische Marine allein von Oktober 2023 bis November 2024 insgesamt elf russische Schiffe in ihren Gewässern. Experten sprechen von einem systematischen Auskundschaften kritischer Infrastruktur.
Irland als Schwachpunkt
Besonderes Augenmerk gilt Irland. Anders als Finnland oder Schweden ist das Land kein Nato-Mitglied. Traditionell verlässt es sich auf den Schutz durch die USA und Großbritannien. Damit gilt Irland als verwundbare Stelle in Europas Verteidigung.
Ein britischer Marineoffizier formulierte es deutlich: „Es wäre schwer, alle Datenströme ins Vereinigte Königreich zu kappen. Aber Irland ließe sich vergleichsweise leicht isolieren – mit gravierenden Folgen.“
Antwort des Westens: Atlantic Bastion
Die Nato und Großbritannien wollen reagieren. Geplant ist das Projekt „Atlantic Bastion“ – ein Netz aus Sensoren, Drohnen und Sonarstationen, das Sabotageakte am Meeresboden frühzeitig erkennen soll.
Schon jetzt patrouillieren Überwachungsflugzeuge der RAF über dem Atlantik, Kriegsschiffe beschatten russische Bewegungen. Doch Experten warnen: Die Verteidigungsfähigkeiten hinken der Bedrohung hinterher. Und: Kabel und Pipelines am Meeresgrund sind heute genauso umkämpft wie Grenzen an Land.
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