Österreichs größter Buchhändler bietet bzw. bot Islamisten und denen, die es werden wollen, eine prall gefüllte Bibliothek. Die bei Thalia angebotenen Werke prominenter Wortführer des Politischen Islam strotzen vor Antisemitismus, Dschihadismus und Frauenfeindlichkeit. Nach einer exxpress-Anfrage entrümpelt Thalia sein Angebot.
„Absicht des Weltjudentums ist es, alle durch den Glauben und die Religion auferlegten Grenzen zu eliminieren, so dass die Juden in den Körper der Politik der ganzen Welt eindringen, um ihre schlechten Absichten aufrechtzuerhalten.“ Dieses Zitat entstammt dem Buch „Wegzeichen“ von Sayyid Qutb, von dem Thalia die englischsprachige Ausgabe „Milestones“ im Angebot hat bzw. hatte. Obwohl vor mehr als 60 Jahren erschienen, hat es maßgebliche Bedeutung für die aktuelle Weltlage.

Als Chefideologe der Muslimbruderschaft hat Qutb mit „Wegzeichen“ den ideologischen Unterbau für den modernen Dschihadismus geliefert. Nichtmuslimische Staaten, aber auch viele muslimische Staaten erklärte er für illegitim, weil sie nicht ausschließlich nach der Scharia, Gottes Gesetz, regiert würden. Dschihadisten leiten daraus ihre Pflicht ab, jede ihrem islamistischen Weltbild widersprechende Ordnung gewaltsam zu bekämpfen.
Terror-Wegweiser
„’Wegzeichen‘ wird bis heute sowohl von legalistischen Islamisten als auch von gewaltbereiten Strömungen als vorbildlich angesehen und rezipiert“, sagt die Wiener Politologin und Islamismus-Expertin Nina Scholz. Qutb weist darin die Vorstellung eines rein defensiven Dschihads zur Verteidigung des Islam strikt zurück. Er kritisiere sogar jene, die mit Bezug auf die islamische Rechtsliteratur erklären, dass Widerstand in Form von Dschihad nur bei Gefahr für die Muslime verpflichtend sei. Als wäre das nicht schon eine höchst problematische Ansage, denn ein solcher Grund ist schnell zur Hand, geht Qutb noch einen Schritt weiter: „Der ‘Dschihad mit dem Schwert’ sei vielmehr ein notwendiges Instrument zur Ausbreitung des Islam und zur Errichtung göttlicher Herrschaft weltweit“, so Scholz, die gerade mit dem Historiker Heiko Heinisch und dem Sicherheitspolitikexperten Gustav E. Gustenau das viel beachtete Buch „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der Civilization Jihad der Muslimbruderschaft“ veröffentlicht hat. Qutbs Denken habe die Ideologie der Muslimbruderschaft nachhaltig geprägt. Sie folge zwar nicht Qutbs Idee vom revolutionären gewaltsamen Umsturz, so Scholz, „gleichwohl hat sie sein striktes dichotomes Freund-Feind-Denken, sein antiwestliches Ressentiment und die Deutung des Westens als von Juden gesteuerter Gegenpol des Islam übernommen“.
Antisemitische Schatten
Exxpress fand bei Thalia nicht nur „Wegzeichen“, sondern 19 weitere Bücher des 1966 in Ägypten hingerichteten Hirns der Muslimbruderschaft. Darunter auch die Schriftenreihe „Im Schatten des Koran“ – ebenfalls in der englischen Version. In Band 1 beschreibt Qutb den Konflikt zwischen der frühen muslimischen Gemeinschaft und jüdischen Gruppen in Medina und generalisiert ihn in die Gegenwart: „Der Krieg, den die Juden gegen den Islam und die muslimische Gemeinschaft in Medina begonnen haben, dauert bis heute unvermindert an.“ In Band 4 schreibt er etwa: „Die Geschichte der Juden ist eine durchgehende Abfolge von Feindseligkeit gegenüber den Gläubigen.“

Qutb ist nicht der einzige bei Thalia vertretene Autor, dessen hierzulande verbreitete Schriften ein Teil der Erklärung für unter Muslimen überdurchschnittlich verbreitete antisemitische Neigungen sind. Der türkische Zweig der Muslimbruderschaft wird vertreten durch Necmettin Erbakan, dem Gründer der auch in Österreich einflussreichen Milli-Görüs-Gemeinschaft. Der 2011 verstorbene türkische Ex-Premier predigte die Überwindung der säkularen durch eine islamische Staatsordnung und vertrat unter anderem die Ansicht „Juden regieren seit 5700 Jahren die Welt“. Propagiert wird diese verschwörungstheoretische Ideologie auch im bei Thalia zielgruppengerecht auf Türkisch für 9,99 Euro angebotenen Buch „Adil Ekonomik Düzen“. Die gegenwärtig in der Türkei im wirtschaftlichen Bereich geltende „Sklavenordnung“ sei nicht von selbst entstanden, doziert Erbakan, „sondern Ergebnis des vom Imperialismus und Zionismus auf dieser Erde betrieben modernen Kolonialismus“. Die große Mehrheit des Volkes werde unterdrückt. Erbakan: „Letztlich nährt dieses System den Weltimperialismus, den Zionismus, Israel und dessen Handvoll kollaborierender, champagnertrinkender Holdingbesitzer.“
Solche Formulierungen bewerten vielen Historikern und Antisemitismusforscher als antisemitisch oder zumindest als Träger antisemitischer Motive, auch wenn der Text formal von „Zionismus“ spricht und nicht ausdrücklich von „Juden“. Das Buch kann – im Gegensatz zu anderen extremistischen Elaboraten – noch bei Thalia noch immer immer in den Warenkorb gelegt werden.

Schariatreuer Autor
Eine andere Größe des türkischen Islamismus ist bei Thalia gleich mit 68 Büchern vertreten: Mahmut Ustaosmouglu (Mahmoud Efendi), 2022 verstorbener Gründer der – ebenfalls in Österreich aktiven – „Ismailaga“-Sekte. In einem Teaser auf der Thalia-Webseite wird der Autor auf Türkisch so beworben: „Eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein Wegweiser für die Umma, der Wissen (ʿilm) und Sufitum (Tasawwuf) vereinte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von der edlen Scharia zu entfernen…“.
Diese Treue zur Scharia kommt im hier angebotenen mehrbändigen Werk „Sohbetler” zum Ausdruck. Ustaosmanoglu vertritt darin eine exklusive Wahrheitsauffassung des sunnitisch-hanefitischen Islams und eine patriarchale Geschlechterordnung, in der die dem Mann untergeordnete Frau auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert wird, wobei Hausfrau wörtlich zu nehmen ist: Frauen sollen möglichst das Haus nicht verlassen. Dieses Prinzip setzte der prominente Prediger auch bei seinem Begräbnis durch, auf dem Staatschef Recep Tayyip Erdogan seine Bewunderung für Ustaosmanoglu als Sargträger zum Ausdruck brachte: Frauen waren bei dem Trauerakt ausdrücklich nicht erwünscht.
Ein Wegbegleiter Ustaosmanoglus, der ebenfalls prominente Prediger Cübbeli Ahmet Hoca, ist bzw. war bei Thalia nicht nur mit einem Buch über seinen Mentor vertreten, sondern gleich mit 90 weiteren Titeln. Der Erdogan-Unterstützer forderte einmal, dass Wählern der oppositionellen HDP die Staatsbürgerschaft entzogen werden solle und erklärte das Paradies unerreichbar für jene Muslime, die glaubten, dass auch Christen und Juden dorthin kommen könnten.
Auslistung begonnen
Eine THALIA-Pressesprecherin beteuert auf Anfrage, dass aufgrund der „sehr großen Zahl an Titeln, darunter auch fremdsprachige und über externe Datenbanken gelistete Bücher, eine vollständige inhaltliche Vorabprüfung jedes einzelnen Titels nicht möglich ist“. Hinweise auf potenziell strafbare, gewaltverherrlichende, menschenfeindliche oder jugendgefährdende Inhalte würden jedoch sehr ernst genommen und entsprechende Titel im Einzelfall sorgfältig geprüft. Die Pressesprecherin: „Wenn sich aus einer Prüfung ergibt, dass ein Titel rechtlich oder inhaltlich nicht mit unseren Standards vereinbar ist, kann dies auch zu einer Auslistung führen.“ Tatsächlich ist die Durchforstung des Angebotes nach einschlägiger Literatur aufgrund der exxpress-Hinweise voll im Gang. Die Zahl der Bücher vom Muslimbruder-Chefideologen ist bei Thalia online von 20 auf eines geschrumpft.
Ob das Problem damit gelöst ist, bleibt aber fraglich. Es sei nämlich möglich, so Mikhaeel, dass ausgelistete Titel in leicht veränderten Ausgaben wieder auftauchen: „Die Verlage sind hier teilweise sehr findig.“

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