Schenkelklopfer: Merz und Trump verstehen sich vor laufenden Kameras prächtig
Die Strategie des Kanzlers ist so einfach wie erfolgreich: Als Friedrich Merz (CDU) rund 35 Minuten zu spät mit Donald Trump im Oval Office vor der Presse erscheint, lässt er die Dinge einfach laufen. Merz lässt den US-Präsidenten reden, gönnt ihm seine Show vor der Reporter-Meute, die sich mit Zurufen um die Aufmerksamkeit der beiden Regierungschefs balgen müssen.
Was Kanzlerin a.D. Angela Merkel (CDU) mit akribischer Vorbereitung nicht gelang, schafft Merz am Dienstagvormittag, Washingtoner Zeit, bei seinem dritten Besuch mit demonstrativer Gelassenheit. „Merz hat eine großartige Leistung gebracht“, sagt Trump in seinem typischen Superlativ-Sprech über den Gast. „Er ist sehr beliebt. Er hilft uns. Das ist sehr nett.“ Das alles bedeutet nicht viel, ist vielmehr eine allgemeine atmosphärische Freundlichkeit, die den ganzen Auftritt umwölkt.
Merz ist klug genug, den Wortschwall Trumps fließen zu lassen. Der geht ohne Überleitung zum Iran-Konflikt über: „Iran hat keine Luftwaffe mehr. So ziemlich alles wurde ausgeschaltet.“ Dann kommt er zu Merz zurück: „Es ist eine große Ehre, Sie hier im Weißen Haus zu haben.“
Merz spielt Trumps Spiel mit
Der Bundeskanzler nutzt den knappen Raum, der ihm für ein paar Worte zugedacht ist, für einige federleichte Rückspielbälle, die Trumps Freundlichkeiten aufgreifen und doch an das heimische Publikum augenzwinkernd Signale senden: „Ich bin wirklich froh, mit Ihnen zu sprechen in diesen herausfordernden Zeiten“, sagt Merz. „Wir sind auf derselben Seite.“ Eine Bestätigung, die Trump hören will, um dann die heimischen Sorgen um eine tiefergehende Strategie aufzugreifen.
„Wir müssen darüber sprechen, was danach geschieht“, sagt Merz. Und: „Wir müssen über die Ukraine sprechen. Die Ukraine muss ihr Territorium bewahren können, ihre Souveränität bewahren.“ Dann bedankt er sich dafür, wiederum im Gästehaus des Präsidenten übernachten zu dürfen, diesem „berühmten Ort“.
Was dann folgt, ist eine regelrechte Lehrstunde in politischer Kommunikation. Was für deutsche und europäische Ohren wie eine flach-dümmliche Endlosschleife des US-Präsidenten klingt, kennen Politik-Profis aus mühsamen Sitzungen mit Trainern für öffentliche Auftritte: Wiederhole deine Botschaft, bis die anderen sie genervt nachbeten können. Pattern Drill (Musterübung) nennen sie das. Und: Beantworte nicht, was du gefragt wirst, sondern sage, was sie hören sollen.
Immer wieder wird Donald Trump bei diesem Auftritt die Übel des iranischen Mullah-Regimes im Laufe des Auftritts beschwören. „Wir hatten Verhandlungen mit diesen Spinnern. Ich glaubte, dass sie zuerst angreifen würden (…) Das wollte ich nicht geschehen lassen. Die Nachbarländer blieben neutral. Die Iraner haben Länder angegriffen, die gar nichts mit diesem Konflikt zu tun haben, haben zivile Standorte angegriffen. Wir haben sie sehr hart getroffen (…) die haben keine Luftverteidigung mehr.“
Mitunter springt Trump übergangslos zum Iran-Thema zurück, beschreibt immer wieder seine „großartigen“ Erfolge und die Verkommenheit der Gegner. „Das sind böse Menschen. Wir haben 49 Führungskräfte ausgeschaltet. Auch die neue Führung haben wir getroffen. Viele von denen beantragen jetzt Immunität.“ Botschaft: Diese feigen Bücklinge geben auf, laufen über, ergeben sich. Ob irgendetwas davon stimmt, wie viel und gegebenenfalls was, ist unwichtig. Wichtig ist das vermittelte Gefühl von Überlegenheit. „Unser Militär ist die Nummer eins in der Welt. Venezuela war eine große Sache. Alles, was wir anfassen, wird eine große Sache.“ Niemals kleine Münze, niemals nachdenklich und abwägend. Grautöne verwirren nur.
Merz sitzt gelassen dabei, hat ein Bein übergeschlagen und die Hände im Schoß gefaltet. Wenn Trump seine Show hat, läuft es auch für den deutschen Gast. Was denn er für das Szenario im schlimmsten Falle halte, wird Trump gefragt: „Wir haben sie sehr hart getroffen“, sagt er stoisch, um nach mehreren Gloriolen einzuräumen, dass ein Misserfolg darin bestünde, wenn „jemand die Macht übernimmt, der so schlimm ist wie der Vorgänger. Wir wollen, dass das Volk wieder über den Iran bestimmen kann. Die meisten, die wir im Kopf hatten, sind jetzt tot.“ Eine realistische Antwort, eingebettet in ein Sandwich aus Erfolgen.
Auch zur Festnahme von Venezuelas Diktator Maduro kommt Trump immer wieder zurück, prügelt kurz auf seine „bescheuerten“ Vorgänger ein, die im Irak versagt hätten oder wie Biden Waffen an die Ukraine verschenkten. „Wenn ich das tue, müssen sie dafür bezahlen.“
Auch Spanien kommt nicht gut weg, weil es die US-Basen gesperrt habe und zu wenig für Verteidigung ausgibt, und die Briten zierten sich aus Sicht Trumps zu lange, den pazifischen Luftlande-Stützpunkt auf der Insel Diego Garcia zur Nutzung freizugeben. Und welche Erwartungen hat er an Deutschland?
Alles prima sagt Trump: „Die lassen uns landen und starten. Wir erwarten nicht, dass die jetzt Soldaten schicken. Ich hatte meine Meinungsverschiedenheiten mit Angela.“ Merz sitzt gelassen mit gefalteten Händen dabei. „Ich denke, der macht das sehr gut.“
Energiepreise „schädlich für unsere Volkswirtschaft“
Wie sich der steigende Öl-Preis auf die Volkswirtschaften auswirke, lautet eine Frage: „Das ist natürlich schädlich für unsere Volkswirtschaften“, sagt Merz. „Deshalb hoffen wir, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet wird.“ Trump nickt. Anstatt aber die Öl-Preis-Sorgen im Raum stehen und womöglich auf die Stimmung drücken zu lassen, springt er in Sekundenbruchteilen unvermittelt zum Iran zurück: „Seit 47 Jahren bringen sie Menschen weltweit um“, nennt den demokratischen Minderheitsführer Jack Shumer einen „Loser“ und verkündet dann: „Sobald das beendet ist, werden die Öl-Preise niedriger sein als zuvor.“
Letztes großes Thema sind die vom obersten Gerichtshof kassierten Zölle Trumps, die der Präsident ebenfalls nicht als Niederlage sieht. „Wir haben da gewonnen im Bereich der Zölle. Diese Zölle haben unser Land reich gemacht. Wir haben das Recht, alle Geschäfte zu unterbrechen. Wir haben das Recht dazu. Ich kann aber Lizenzen vergeben. Ich habe das Recht, alles abzubrechen. Ich kann alles tun, was ich will“, sagt er und deutet an, dass er die vom Gericht verhängte Frist von fünf Monaten zur Neuregelung nutzen will.
Was das für Deutschland bedeute, ruft es aus der unsichtbaren Reporter-Traube vor den beiden Delegationen. „Wir sollten Deutschland wirklich hart treffen als Land“, scherzt Trump und haut Merz weit ausholend aufs Knie. Kumpel-Vertraulichkeiten, wie man sie kaum vorher gesehen hat.
Es sind Szenen, die für deutsche Augen und Ohren befremdlich wirken, irgendwie irre, nicht ernsthaft und schon gar nicht politisch, wie man es in Europa begreift. Szenen, die sich an ein apolitisches Publikum wenden und keine Übersetzung in einfache Sprache brauchen. „Sie (die Mullahs) haben 35 000 Menschen getötet. Unbewaffnete Menschen mit Maschinengewehren erschossen, mit Scharfschützen in die Augen (…), weil sie böse sind. Es sind schlechte Menschen. Eine böse Saat.“
Merz zeigt während der Trump-Show lächelnde Gelassenheit. Er weiß, dass die Sache gut für ihn läuft, wenn Trump seine Show abziehen kann. Es wird eine Atmosphäre bereiten, in der die anschließenden Gespräche beim gemeinsamen Essen produktiv sein können. Und so kommt am Ende auch das für den Kanzler wichtigste Thema fast von allein bei Trump zur Sprache: die Ukraine.
„Ukraine ist ganz oben auf meiner Liste“, sagt er, um seine bekannte Friedensliste gleich mit einzufügen. „Ich habe ja acht Kriege beendet.“ Der Hass zwischen Putin und Selenskyj sei aber zu groß gewesen, so Trump. „Manchmal gebe ich dem einen die Schuld, manchmal dem anderen.“ Und mittendrin fällt ein Satz mit tiefer Wahrheit für den Präsidenten und viele Amerikaner: „Es betrifft die USA ja nicht so sehr. Es ist ja sehr weit weg. Ich wünsche, dass das endet. Es ist der schlimmste Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Die hassen einander. Das ist schlecht für beide.“
Dann wieder zum Iran zurück. „Wenn wir sie nicht aufgehalten hätten (…) Das sind kranke Menschen, die sind krank im Kopf.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
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