Schlimmer als sein Vater? Das ist Irans neuer Oberster Führer Modschtaba Khamenei
Wer ist Modschtaba Khamenei, der neue Machthaber im Iran? Der Sohn des getöteten Ayatollahs Ali Khamenei gilt als enger Verbündeter der Revolutionsgarden, als unnachgiebig und skrupellos. Offenbar hat sich das Mullah-Regime entschieden, bis fünf nach zwölf durchzuhalten.
Acht Tage nach der Tötung seines Vaters ist Modschtaba Khamenei von den greisen Geistlichen zum neuen obersten Führer bestimmt worden. US-Präsident Donald Trump, der ihn zuvor als „Leichtgewicht“ bezeichnet hatte, sagte gegenüber ABC News: „Wenn er unsere Zustimmung nicht bekommt, wird er sich nicht lange halten. Wir wollen sicherstellen, dass wir nicht alle zehn Jahre wieder zurückkommen müssen, wenn man keinen Präsidenten wie mich hat, der so etwas durchzieht.“
Aus Moskau waren hingegen ganz andere Töne zu hören. Russland pflegt zum Iran traditionell sehr enge Beziehungen, ist im vergangenen Jahr sogar eine strategische Partnerschaft mit Teheran eingegangen, die militärische Kooperation mit einschließt. Laut eines vom Kreml veröffentlichten Schreibens gratulierte Wladimir Putin Khamenei mit den Worten: „Jetzt, da der Iran mit bewaffneter Aggression konfrontiert ist, wird Ihre Arbeit in diesem hohen Amt sicher viel Mut und Selbstaufopferung erfordern. Ich bin sicher, dass Sie das Werk Ihres Vaters mit Ehre fortsetzen und das iranische Volk angesichts der schweren Prüfungen zusammenhalten werden.“ Putin bekräftigte „unsere unveränderte Unterstützung für Teheran und unsere Solidarität mit unseren iranischen Freunden“.
Frühes Mitglied der Revolutionsgarden
Obwohl er nie in ein Regierungsamt gewählt oder berufen wurde, galt Modschtaba Khamenei schon lange als Anwärter auf den Posten des nächsten Obersten Machthabers im Iran. Khamenei wurde 1969 in der Stadt Maschhad geboren, etwa zehn Jahre vor der Islamischen Revolution von 1979. Nach dem Sturz des Schahs zog die Familie in die Hauptstadt.
Modschtabas Kindheit war geprägt von der Revolution von 1979, die die vorherige Dynastie stürzte, aber auch vom politischen Aufstieg seines Vaters (1981 wurde dieser zum Präsidenten gewählt). Mit 17 trat er den paramilitärischen Revolutionsgarden bei und diente während des Iran‑Irak‑Krieges im Habib-ibn-Mazahir-Bataillon, das von einem Mitbegründer der Hisbollah geführt wurde und für seinen ideologischen Fanatismus berüchtigt war. Viele der ehemaligen Mitglieder wurden später hochrangige Funktionäre in den Sicherheits- und Geheimdienstorganen des Regimes.
Als Geistlicher studierte Modschtaba bei fundamentalistischen Geistlichen in den Seminaren der Stadt Qom, dem Zentrum schiitischer theologischer Ausbildung, unter dem Ajatollah Mohammad Taghi Mesbah Yazdi, der sogar dazu aufgerufen hatte, iranische Jugendliche zu töten, die „westliche Unmoral“ verbreiten.
„Torwächter“ mit eigener Machtbasis
Als der erste Revolutionsführer, Ayatollah Ruhollah Khomeini, 1989 starb, wurde Modschtabas Vater Ali Khamenei zum Obersten Führer berufen. Modschtabas eigene Macht wuchs parallel zu der seines Vaters, während er in dessen Büros im Zentrum Teherans arbeitete. Im Laufe der Jahre wurde Modschtaba ständig in Begleitung seines Vaters gesehen und galt auch als einflussreiche Persönlichkeit hinter den Kulissen.
In den späten 2000er-Jahren veröffentlichten diplomatische US-Depeschen, die durch WikiLeaks bekannt wurden, bezeichnete man den jüngeren Khamenei als „die Macht hinter den Roben“. Vorwürfe wurden erhoben, Modschtaba Khamenei habe sogar das Telefon seines eigenen Vaters abgehört, als dessen „wichtigster Torwächter“ fungiert und begonnen, im Land eine eigene Machtbasis aufzubauen.
Laut Atlantic Council, einer Denkfabrik in Washington D.C., soll er hinter den Kulissen die Wahl von Mahmud Ahmadinejad zum Präsidenten im Jahr 2005 sowie 2009 dessen Wiederwahl organisiert haben. Mahdi Karroubi, Präsidentschaftskandidat in den Jahren 2005 und 2009, bezeichnete Khamenei als „Sohn eines Meisters“ und warf ihm vor, sich in beide Wahlen eingemischt zu haben. Sein Vater soll damals geantwortet haben, Khamenei sei „selbst ein Meister und nicht nur der Sohn eines Meisters“.
Dazu muss man wissen, dass der jeweilige Präsident, dessen Kandidatur vom Wächterrat zuvor gebilligt worden sein muss, keine echte Macht besitzt und eher eine Art Frühstücksdirektor ist, während die Kontrolle über das Militär, die Justiz oder strategische Außenpolitik dem Obersten Führer vorbehalten bleibt.
Niederschlagung der „Grünen Bewegung“
„Innerhalb des Regimes gilt Khamenei weithin als fähiger und entschlossener Führer und Manager, der eines Tages zumindest einen Anteil an der nationalen Führung übernehmen könnte; sein Vater könnte ihn ebenfalls so sehen“, hieß es in einer US-Einschätzung von 2008. Faktisch war Modschtaba damals eine Art „Mini-oberster Führer“.
Bei der umstrittenen Wahl Ahmadinedschads 2009 gingen Demonstranten massenhaft auf die Straße, um gegen die Wahlfälschung zu protestieren. Berichten zufolge überwachte Modschtaba persönlich, wie die Revolutionsgarden (IRGC) und Basidsch-Milizen die Proteste der „Grünen Bewegung“ blutig niederschlugen.
Mit den Kommandeuren arbeitet der Khamenei-Sohn seit jeher eng zusammen, was ihn zu einer Schlüsselfigur in nationalen und internationalen Sicherheitsangelegenheiten machte. Aber er kontrolliert nach Angaben von Bloomberg auch ein riesiges Geschäftsnetzwerk mit Luxusimmobilien und Investitionen weltweit. Offiziell laufen die Investitionen nicht auf seinen Namen, dennoch soll er beträchtlichen Reichtum angehäuft haben – trotz der US-Sanktionen von 2019 gegen ihn wegen seiner Rolle im inneren Machtkreis seines Vaters.
Ein Privatleben im Dunkeln
Dessen Ernennung zum Nachfolger Khomeinis verschaffte der Familie Zugang zu Milliardenbeträgen und Geschäftsvermögen, die über Irans zahlreiche Stiftungen verteilt sind – Organisationen, die durch staatliche Industrien und Vermögen finanziert werden, das einst dem Schah gehörte.
Privat ist nur wenig über Modschtaba Khamenei bekannt. Der 56-jährige Familienvater ist mit Zahra Haddad Adel verheiratet, der Tochter des ehemaligen iranischen Parlamentspräsidenten Gholam Ali Haddad-Adel. Sie soll beim Bombenangriff auf Ali Khamenei getötet worden sein.
Wie Bild kürzlich berichtete, wurde Modschtaba laut diplomatischen Indiskretionen wegen schwerer Impotenz behandelt, weswegen er mehrfach ins Krankenhaus musste, einmal für ganze zwei Monate. Dies gehe ebenfalls aus den US-Diplomatendepeschen von 2008 hervor. Später soll seine Frau endlich schwanger geworden sein, was insofern von Bedeutung ist, als dass für strenggläubige Schiiten die Erfüllung ehelicher Pflichten ein wichtiges Anliegen ist.
Es drohen noch brutalere Repressionen
Dass Modschtaba Khamenei nun an der Macht ist, bedeutet, dass die Mullahs entschlossen sind, bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Allerdings war eine Hardliner-Entscheidung erwartet worden, zumal es für das Regime längst ums nackte Überleben geht. Es setzt jetzt offen auf Konfrontation, Vergeltung und Durchhaltevermögen.
Modschtaba wird die Kontrolle über ein iranisches Militär übernehmen, das im Krieg mit den Vereinigten Staaten und Israel schwer getroffen wurde, sowie über einen Vorrat hoch angereicherten Urans, der zum Bau einer Atomwaffe genutzt werden könnte, sollte er dies denn anordnen.
Wenn sich das iranische Volk gegen sein Unterdrücker-Regime erhebt, ist zu erwarten, dass Modschtaba Khamenei die Repression ausweiten und die Proteste mit eiserner Faust niederzuschlagen versuchen wird. Auch eine Ausweitung der Befugnisse der Islamischen Revolutionsgarden ist denkbar, wenngleich auch diese gerade schwer dezimiert werden.
Kurze Restlaufzeit?
Die Amtszeit des Obersten Führers im Iran ist nicht definiert. Bisher endete sie in beiden Fällen mit dem Tod des Machthabers. Khomeini wurde zwischen 86 und 89 Jahre alt (sein Geburtsdatum ist nicht gesichert), Khamenei 86. Dass Modschtaba Khamenei dieses hohe Alter erreicht, ist fraglich.
Denn: Israel hat gewarnt, dass auch jeder Nachfolger Khameneis ein Ziel sein werde. Trump erklärte, der Krieg könne erst enden, wenn die militärische Führung und die herrschende Elite des Iran ausgeschaltet seien. Das iranische Volk wird dem neuen Machthaber ohnehin keine Träne nachweinen: Auf in sozialen Medien kursierenden Videos ist zu hören, wie aus den Wohnblöcken Teherans der Ruf erschallt: „Tod dem Modschtaba!“
Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
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