Skandal in Deutschland: Tausende Asylwerber verschwunden – wie viele in Österreich?
Ein Asyl-Skandal erschüttert Deutschland: Fast jeder zehnte Asylbewerber verschwand aus staatlichen Unterkünften. Der Aufenthaltsort von Zehntausenden ist unbekannt. Und Österreich? Auf exxpress-Anfrage nennt das Innenministerium zwar eine Zahl – bleibt aber auffallend vage.
Deutschlands Bürokratie scheitert an der Bewältigung der Migration. Zehntausende Asylwerber sind verschollen. Doch wie ist die Lage in Österreich?APA/HELMUT FOHRINGER
Was zunächst wie ein regionales Problem klingt, entpuppt sich als bundesweiter Skandal. Aufgeflogen ist der Fall zunächst durch ein internes Datenleck in Rheinland-Pfalz. Das Ausmaß wurde vor allem durch Recherchen der Tageszeitung Welt öffentlich.
In Rheinland-Pfalz sind innerhalb von nur 18 Monaten 923 Asylbewerber aus staatlichen Unterkünften verschwunden. Offiziell gelten sie als „abgängig“, ihr Aufenthaltsort ist unbekannt. Bezogen auf alle aufgenommenen Personen entspricht das einer Quote von 9,1 Prozent – fast jeder Zehnte.
Besonders brisant: Unter den Verschwundenen befinden sich auch polizeibekannte Personen. Allein aus einer Aufnahmeeinrichtung in Bitburg waren mindestens sieben Personen zuvor wegen Körperverletzung, Diebstahl oder Drogendelikten auffällig geworden. Wie viele der insgesamt 923 Abgängigen landesweit polizeilich registriert waren, ist unklar.
Zehntausende bundesweit „nach unbekannt verzogen“
Doch nun zeigt der Blick auf ganz Deutschland, dass Rheinland-Pfalz kein Einzelfall ist. Laut Ausländerzentralregister (AZR) waren Ende 2025 bundesweit 40.952 abgelehnte Asylbewerber mit dem Meldestatus „Fortzug nach unbekannt“ erfasst – innerhalb von nur 18 Monaten.
Hinzu kommt: Allein im ersten Halbjahr 2025 stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mehr als 7.000 Asylverfahren ein, weil Antragsteller untergetaucht oder für Behörden nicht mehr erreichbar waren. Bei der Migration versage Deutschlands Bürokratie „in einer Weise, die man als politisches und administratives Scheitern bezeichnen muss“, kommentiert die Welt.
Die Zahlen befeuern eine hitzige politische Debatte. Opposition und Teile der Regierung sprechen von Kontrollverlust, Menschenrechtsorganisationen mahnen zur Zurückhaltung. In mehreren Bundesländern ist das Thema inzwischen Wahlkampfsthema.
Und Österreich? exxpress fragt nach
Angesichts der deutschen Zahlen stellte exxpress dem österreichischen Innenministerium (BMI) eine detaillierte Anfrage: Wie viele Asylwerber verlassen hierzulande ihre Unterkunft oder die Grundversorgung, ohne sich abzumelden? Wie oft werden Asylverfahren wegen Nicht-Erreichbarkeit eingestellt? Und wie viele tauchen später wieder im System auf?
Die Antwort des BMI fällt deutlich knapper aus als die Fragen.
BMI: Rund 1.600 entzogen sich dem Asylverfahren
Das Innenministerium teilt mit, dass sich im vergangenen Jahr rund 1.600 Personen dem laufenden Asylverfahren entzogen hätten. In solchen Fällen verlieren Betroffene ihren Anspruch auf Grundversorgung und Krankenversicherung, das Verfahren gilt faktisch als selbst beendet.
Nach Einschätzung des BMI reisen viele dieser Menschen entweder in ihr Herkunftsland zurück oder versuchen, in anderen Staaten Fuß zu fassen. Die oft geäußerte Annahme, dass alle Abgängigen dauerhaft „untertauchen“, treffe nur auf einen sehr geringen Teil zu – nicht zuletzt, weil mit dem Entzug aus dem Verfahren sämtliche staatliche Leistungen wegfallen.
Viele Details bleiben offen
Was das Ministerium jedoch nicht mitteilt: Es gibt keine Aufschlüsselung nach Bundesländern, keine zeitliche Differenzierung, keine genaue Zuordnung zu § 24 AsylG (Einstellung wegen Nicht-Erreichbarkeit) – und auch keine Angaben dazu, wie viele der Betroffenen später wieder im System auftauchen.
Damit ist klar: Die österreichische Zahl ist nicht direkt mit den deutschen Daten vergleichbar. Während in Deutschland auch kurzfristige Abwesenheiten aus Unterkünften statistisch erfasst werden, spricht das BMI in Österreich ausschließlich von Personen, die sich dem Asylverfahren insgesamt entziehen.
Zurück nach Deutschland: Das eigentliche Problem
Der Vergleich zeigt vor allem eines: Unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Begriffe – und keine einheitliche Transparenz. Deutschland liefert hohe, detaillierte Zahlen, ringt aber um Kontrolle. Österreich verweist auf bestehende Regeln und Sanktionen, bleibt bei der Datentiefe jedoch zurückhaltend.
Der eigentliche Skandal ist daher nicht, dass Menschen Unterkünfte verlassen. Migration ist Bewegung. Der Skandal ist, dass Staaten, die Ordnung versprechen, keinen klaren Überblick darüber haben, wer sich noch im System befindet – und wer nicht.
Deutschland zeigt, wohin das führen kann, wenn das Thema unterschätzt wird. Und Österreich steht vor der Frage, wie viel Transparenz nötig ist, um Vertrauen zu schaffen – bevor aus Zahlen eine politische Krise wird.
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