Skandal um „Märtyrer“-Gebet für Khamenei in Wien – ÖVP: „radikales Gedankengut“
Eine Wiener Moschee ehrt den getöteten Ali Khamenei als „Märtyrer“ – der exxpress berichtete. Die ÖVP warnt vor radikalem Gedankengut und fordert ein Ende des Wegschauens. Experten sehen brisante Drähte nach Teheran. Eine Politologin verlangt die Schließung – wie in Deutschland nach dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg.
Irans Revolutionsführer Ali Khamenei war fast vier Jahrzehnte lang mächtigster Mann des Landes, bis er bei Luftangriffen von den USA und Israel getötet wurde.APA/AFP/KHAMENEI.IR
Wirbel um ein Gebet für „Märtyrer“ Ali Khamenei in Wien: In einer Moschee in Floridsdorf wurde der getötete iranische Revolutionsführer mit religiösen Ehren bedacht. Die Wiener ÖVP reagiert empört. Integrationssprecherin Caroline Hungerländer sagt gegenüber dem exxpress: „Hier zeigt sich – mal wieder – welch radikales Gedankengut in Wien vertreten wird. Allen Warnungen zum Trotz anerkennt die Stadtregierung immer noch nicht die wahren Probleme.“
Hintergrund ist eine Trauerfeier im Islamischen Zentrum Imam Ali. In einer offiziellen Erklärung beklagt das Zentrum Khameneis „ungerechten Märtyrertod durch gewalttätige Terroristen, die Zwietracht säen und den Frieden bekämpfen“. Mehrere Fragen des exxpress an das Zentrum – zur Wortwahl und zu Berichten über schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen während Khameneis Herrschaft – blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Brisant sind auch die internationalen Verbindungen: Laut Politologin Nina Scholz kooperierte die Wiener Einrichtung lange eng mit dem Islamischen Zentrum Hamburg – einer Iran-nahen Institution, die in Deutschland kürzlich verboten wurde.
Experte: „Ideologische Bindung an den Iran“
Der Wiener Islamwissenschaftler Ednan Aslan sieht in der Wiener Einrichtung eine klare politische Einbindung. Der Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien berichtet dem exxpress: „Die Moschee gehört faktisch zum iranischen Einflussbereich. Ähnlich wie ATIB Union für die Türkei steht, erfüllt dieses Zentrum eine vergleichbare Funktion für den Iran.“
Im Unterschied zu den türkischen Strukturen gehe die Verbindung hier jedoch noch weiter, unterstreicht Aslan. „Während im türkischen Fall vor allem eine institutionelle und finanzielle Verbindung besteht, kommt in diesem Zentrum neben der finanziellen auch eine geistige bzw. ideologische Bindung an den Iran hinzu.“
Verbindung zur iranischen Zentrale in Hamburg
Politologin Nina Scholz wartet gegenüber dem exxpress mit brisanten Informationen auf. Das Islamische Zentrum Imam Ali habe lange eng mit dem Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) kooperiert, das als europäische Zentrale der Islamischen Republik Iran galt. „Das Wiener Zentrum fungierte dabei faktisch als inoffizielle österreichische Vertretung des Irans“, erklärt Scholz.
In Deutschland geriet das IZH zunehmend ins Visier der Behörden. Im November 2022 forderte der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auf zu prüfen, ob und wie das Zentrum als „Drehscheibe der Operationen des iranischen Regimes“ geschlossen werden könne. Es folgten großangelegte Durchsuchungen in sieben Bundesländern, bei denen umfangreiche Beweismittel sichergestellt wurden.
Im Juli 2024 verbot das deutsche Innenministerium das IZH schließlich als „extremistische Organisation des Islamismus, die verfassungsfeindliche Ziele verfolgt“. Auch mehrere Ableger in Berlin, Frankfurt und München sind von dem Verbot betroffen. Das Zentrum hat dagegen geklagt; eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig wird noch in diesem Jahr erwartet.
Wiener Zentrum weiterhin aktiv
In Österreich blieb das Zentrum in Wien trotz der Entwicklungen in Deutschland unangetastet. Laut Scholz kann die Imam-Ali-Moschee in Floridsdorf weiterhin offen auftreten. Der Imam des Zentrums werde direkt vom Büro des Obersten Führers im Iran bestimmt. Zudem werde dort regelmäßig der Jahrestag der Islamischen Revolution begangen. Auch die anti-israelische „Al-Quds“-Demonstration wird von dort organisiert. Sie sorgte wiederholt für Schlagzeilen – unter anderem wegen Kindern in Kampfuniformen, Hisbollah-Fahnen und judenfeindlichen Parolen.
Das Zentrum stehe zudem in engem Kontakt mit der iranischen Botschaft in Wien. Während der Atomverhandlungen in der österreichischen Hauptstadt wurde es mehrfach vom damaligen iranischen Außenminister Mohammad-Javad Zarif besucht. Ein Teil der Geistlichen des Zentrums besteht laut Scholz aus Konvertiten, die ihre religiöse Ausbildung im iranischen Qom absolviert haben.
Forderung nach Debatte über Schließung
Vor diesem Hintergrund fordert die Politologin eine politische Debatte auch in Österreich. Angesichts der engen ideologischen und institutionellen Verbindungen zum iranischen Regime sei es „an der Zeit, auch hierzulande über eine Schließung dieser inoffiziellen Vertretung des Mullah-Regimes nachzudenken“.
Viele vor dem Regime geflüchtete Iraner hätten bereits wiederholt auf die Aktivitäten regimetreuer Anhänger des Zentrums hingewiesen. Ein Vorgehen dagegen wäre aus ihrer Sicht „ein wichtiger Schritt für die österreichischen Sicherheitsinteressen – und zugleich ein Zeichen der Solidarität mit jenen Menschen im Iran, die für Freiheit kämpfen“.
Aslan: Khamenei auch religiöse Autorität
Ednan Aslan verweist gegenüber dem exxpress auch auf die Wirkung, die der Tod Khameneis innerhalb muslimischer Communities entfalten kann. „Man muss verstehen, dass Khamenei nicht nur ein politischer Führer, sondern zugleich auch eine religiöse Autorität ist. Diese religiöse Autorität gilt nicht ausschließlich für die Iraner, sondern hat – zumindest aus schiitischer Perspektive – eine Bedeutung für viele Schiiten in der gesamten islamischen Welt.“
Sympathien für Iran bei jungen Muslimen
Zugleich spiele die Außenwahrnehmung Irans eine Rolle, so Aslan: „Der Iran genießt in Teilen der muslimischen Öffentlichkeit Sympathie, weil er sich als Staat präsentiert, der Widerstand gegen eine als übermächtig wahrgenommene Allianz von den USA und Israel leistet. Ein solcher Widerstand wird in vielen Teilen der islamischen Welt grundsätzlich positiv wahrgenommen.“
Das wirke besonders bei Jüngeren, sagt Aslan: „Deshalb findet die Politik Irans, insbesondere unter jungen Menschen Zustimmung oder Sympathie. Generell gilt: Jeder politische Widerstand gegen Israel stößt in Teilen der islamischen Welt auf Resonanz – im Fall Irans führt dies häufig zu einer noch stärkeren Zustimmung.“
Trauer und Jubel: Europas Communities gespalten
In Europa löst Khameneis Tod auch entgegengesetzte Reaktionen aus: Die Fronten verlaufen quer durch Communities. Während schiitische und iranisch geprägte Zentren in mehreren Ländern Trauer und Gedenken organisieren, feiern viele Exil-Iraner in europäischen Städten den Tod des Revolutionsführers als Ende eines Unterdrückers.
Wo Trauerfeier und Gegenprotest aufeinandertrafen, griff oft die Polizei ein, trennte Gruppen und verstärkte Schutzmaßnahmen. Auffällig bleibt: Große muslimische Dachverbände äußerten sich bisher kaum öffentlich. Die Debatte läuft stattdessen über Medien, Politik und Sicherheitsbehörden – und zeigt, wie stark der Konflikt um den Iran längst auch Europa erreicht hat.
Mehrere tausend, überwiegend iranischstämmige Personen protestieren derzeit am Wiener Ring.
— Esterreicherr (@Esterreicherr) March 1, 2026
Hier zu sehen der ganze Demozug.#w0103 #Iran pic.twitter.com/J8Q2S5oNIG
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