Wie die APA unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, seien sich SPÖ und ÖVP grundsätzlich einig, ein Verbot noch heuer auf den Weg zu bringen. In der Regierung wird dabei vor allem mit dem Schutz von Kindern argumentiert: Junge Menschen würden in sozialen Netzwerken mit problematischen Inhalten, unrealistischen Idealen und psychischen Belastungen konfrontiert, weshalb Handlungsbedarf bestehe. Auch Digitalstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) drängt auf Tempo und will eine Lösung möglichst schon bis zum Beginn des neuen Schuljahres umsetzen. Da auf europäischer Ebene keine rasche Einigung in Sicht ist, bereitet die Regierung parallel eine nationale Regelung vor. Die NEOS signalisieren zwar grundsätzlich Zustimmung, warnen jedoch vor Eingriffen in den Datenschutz. Bundeskanzler Christian Stocker hatte sich beim Neujahrsempfang der ÖVP  bereits für eine Klarnamenpflicht ausgesprochen.

Alterskontrolle als Knackpunkt

Das Alter kontrollieren könnte man durch die offizielle digitale Identität der Republik, eine Weiterentwicklung der Handy-Signatur, die im Zuge der Digitalisierung staatlicher Dienste – insbesondere seit der Corona-Zeit – massiv ausgebaut wurde. Bürger können sich damit online eindeutig identifizieren, etwa bei Behördenwegen oder digitalen Unterschriften.

Wie ServusTV berichtetet nutzen bereits (Stand August 2025) rund vier Millionen Menschen die ID Austria, mit der über 200 Behördenwege digital erledigt werden können – vom Pensionskonto bis zum Handwerkerbonus. Eine echte Erleichterung im Alltag. Es gibt jedoch eine Kehrseite: So berichteten viele Medien im vergangenen Jahr über eine Wiener Lehrerin, die sich weigerte die ID Austria verpflichtend zu nutzen – bis sie entlassen wurde. Auch Pensionisten und Landwirte schildern Schwierigkeiten oder wachsenden Druck, die digitale Identität zu verwenden, etwa bei Förderanträgen oder im Alltag, man kommt kaum noch drum herum.

Bedeutet das: Pflicht-Login für alle?

Genau hier beginnt die eigentliche Kontroverse. Denn sollte ein Social-Media-Verbot technisch über die ID Austria umgesetzt werden, würde das in der Praxis bedeuten: Jeder Nutzer müsste sich vor der Verwendung sozialer Netzwerke digital ausweisen.

Kritiker sehen darin einen fundamentalen Eingriff. Bereits Anfang Februar warnte Datenschützer Thomas Lohninger von der NGO epicenter.works: „Nicht nur Jugendliche, sondern alle Nutzerinnen und Nutzer müssen sich dann digital ausweisen.“

Die Sorge geht jedoch noch weiter. Kritiker argumentieren, dass mit einer verpflichtenden Nutzung der ID Austria eine Art vorgeschaltete staatliche Kontrollschicht im Internet entstehen könnte. Über eine zentrale App würden Zugänge gesteuert – und potenziell auch nachvollziehbar gemacht. Hinzu kommt: In der digitalen Identität sind künftig zahlreiche persönliche Daten gebündelt – von Ausweisdokumenten wie Reisepass oder Führerschein bis hin zu weiteren sensiblen Informationen – die besonders schützenswerte sind.

Bei einer Pressekonferenz zur digitalen Souveränität, der exxpress berichtete, wurde zudem darauf hingewiesen, dass im aktuellen System Transaktionen nachvollziehbar sein könnten. Datenschützer Thomas Lohninger erklärte in diesem Zusammenhang, dass bei der derzeitigen Architektur der ID Austria jede Nutzung – etwa eine Altersabfrage oder ein Login – technisch mit einer konkreten Identität verknüpft werden könne. Dadurch entstehe die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wann und wo sich eine Person im Internet ausweist. Auch wenn diese Daten laut Behörden nicht aktiv ausgewertet würden, bleibe laut Lohninger das strukturelle Risiko bestehen, dass solche Informationen gespeichert oder später analysiert werden könnten.

Experten warnen vor Überwachung und Datenabfluss

Auch technisch gibt es massive Bedenken. Wie ORF.at berichtete, warnt IT-Security-Experte Fabian Knirsch davor, dass bei vielen Altersverifikationssystemen sensible Daten an internationale Konzerne oder Drittanbieter weitergegeben werden könnten. „Man muss sich genau ansehen, welche Dienstleister diese Dienste durchführen – und wofür diese Daten verwendet werden“, so Knirsch. Gleichzeitig sehen Kritiker die Gefahr, dass mit solchen Systemen langfristig die Grundlage für weitere digitale Steuerungsinstrumente geschaffen werden könnte.

Internationale Beispiele zeigen, wie weit Systeme gehen können

Wie weit solche Systeme in der Praxis gehen können, zeigt ein Blick nach Australien. Dort wird die Verantwortung direkt den Plattformen übertragen: Sie müssen sicherstellen, dass Unter-16-Jährige keinen Zugriff auf soziale Netzwerke haben – bei Verstößen drohen Strafen in zweistelliger Millionenhöhe.

Zur Altersüberprüfung sind verschiedene Technologien erlaubt, solange sie auch Betrugsversuche mit gefälschten Ausweisen, KI-Tools oder Deepfakes verhindern können. Neben einer digitalen Identität, die der ID Austria ähnelt, kommen auch Stimm- und Gesichtserkennung sowie spezielle Verfahren zur Altersschätzung zum Einsatz. Letztere analysieren sogar das Verhalten von Nutzern – etwa, was sie liken oder welchen Accounts sie folgen.