Zunächst behielt der britische Premierminister die Fassung. Keir Starmer trat ans Mikrofon vor der Downing Street 10, seine Frau Victoria an seiner Seite. Als er aber schließlich über seine Familie sprach, kämpfte er mit den Tränen.

Es war ein menschlicher Moment. Aber auch ein aufschlussreiches politisches Bild.

Isabel Hardman bemerkt im Spectator: Starmer sei sichtlich bewegt gewesen – aber nur bei Worten über seine Familie, nicht über seine politische Mission. Er habe „nie wirklich herausgefunden, wofür er stand.“

Triumph auf schwachem Fundament

Im Juli 2024 war Starmer mit einem historischen Erdrutschsieg in die Downing Street eingezogen. Labour beendete 14 Jahre konservative Herrschaft, gewann 411 von 650 Unterhaussitzen. Doch das Fundament war schmaler, als die Mandate vermuten ließen: Labour kam nur auf rund 34 Prozent der Stimmen. Viele Briten wählten Starmer nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung über die Tories.

Er versprach das Ende der politischen Seifenoper. Am Ende wurde seine Regierung zur nächsten Folge.

Gewaltige Unzufriedenheit im Land: Ein Anhänger der Rechtsaußen-Partei Britain First trägt beim „March for Remigration“ in Manchester eine Starmer-Maske mit der Aufschrift „Liar“.
Gewaltige Unzufriedenheit im Land: Ein Anhänger der Rechtsaußen-Partei Britain First trägt beim „March for Remigration“ in Manchester eine Starmer-Maske mit der Aufschrift „Liar“.

Er wusste, wogegen er war

Starmers Grundproblem trat früh zutage. Er konnte klar benennen, was er bekämpfte: den Antisemitismus unter seinem Vorgänger Jeremy Corbyn, das Tory-Chaos, das Bild einer wirtschaftlich unverantwortlichen Linken.

Doch daraus entstand kein Regierungsprojekt.

In den eigenen Reihen wuchs die Unzufriedenheit mit Starmers Führungsstil – oder besser gesagt: mit seiner fehlenden Führung. „In der Downing Street passiert nichts. Er führt nicht. Er treibt nicht an. Er stellt keine Fragen. Er gibt keine Richtung vor“, berichtet Spectator-Redakteur James Kirkup, der mit zahlreichen Ministern, Beratern und Beamten sprach.

Starmer habe die Probleme Großbritanniens oft richtig beschrieben – stagnierende Produktivität, schwache Investitionen, marode Infrastruktur. Doch Beschreiben sei nicht Regieren. Die Politikentwicklung habe er an Sue Gray ausgelagert, eine Karrierebeamtin ohne jede Politik-Erfahrung.

Lesen Sie auch

Breaking Polit Beben In London Premier Starmer Wirft Hin

Das U-Turn-Kabinett

Was Starmers Ansehen zerstörte, war nicht das eine große Versagen. Es waren die vielen kleinen Kapitulationen.

Geplante Kürzungen bei Invaliden- und Sozialleistungen: Rückzieher nach Parteirevolte. Abschaffung des Winterheizgeldes für Millionen Pensionisten: Rückzieher nach öffentlichem Aufschrei. Ernennung des Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum US-Botschafter: Entlassung nach Veröffentlichung der Epstein-Akten. Chefstabschef McSweeney trat im Februar 2026 zurück. Der Kommunikationsdirektor einen Tag später.

Jede Entscheidung schien eine neue Gelegenheit, die eigene Schwäche vorzuführen.

Nachgeben half nicht

Besonders aufschlussreich ist, wie Starmer auf den Druck des linken Parteiflügels und der muslimischen Wählerschaft reagierte: mit Konzessionen. Schritt für Schritt rückte die Regierung von ihrer anfänglich israelfreundlichen Haltung ab. Es half nichts.

Demoskop John Curtice stellte nach den Kommunalwahlen fest: Die Grünen – die schärfste politische Stimme gegen britische Israel-Unterstützung – richteten bei Labour mehr Schaden an als die rechtspopulistische Reform UK. Das Nachgeben nach links hatte die Abwanderung nach links nicht gestoppt.

Gleichzeitig verlor Labour im alten Industrienorden massiv an Reform UK. Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai büßte die Partei über 1.000 Sitze ein. Tameside bei Manchester – seit 1979 ununterbrochen Labour-regiert – fiel besonders deutlich: Reform gewann dort 18 von 19 umkämpften Sitzen. Labour holte einen. Die Verluste strömten von überall: von links, von rechts, aus der Mitte.

Wirtschaft ohne Erholung

Dazu kam die wirtschaftliche Realität. Im Oktober 2024 legte Finanzministerin Rachel Reeves das größte Steuererhöhungspaket seit 1993 vor: 40 Milliarden Pfund. Die versprochene Erneuerung blieb aus. Die OECD prognostiziert für 2026 nur 0,9 Prozent Wachstum bei 3,7 Prozent Inflation und steigender Arbeitslosigkeit – schwaches Wachstum, hartnäckige Preise, ein Arbeitsmarkt unter Druck.

Im Jänner 2026 hatten 75 Prozent der Briten eine ungünstige Meinung von Starmer persönlich. Demoskop Luke Tryl formulierte es präzise: Starmer verkörpere in der Zwischenzeit „nur noch die Frustration der Menschen mit dem System“.

Der Mann, der Verlässlichkeit versprochen hatte, wurde zum Verwalter der Erschöpfung.

Burnham wartet schon

Starmers wahrscheinlicher Nachfolger ist Andy Burnham. Der Ex-Bürgermeister von Manchester gewann am 19. Juni die Nachwahl in Makerfield und ebnete sich damit den Weg zur Parteispitze. Er gilt als volksnäher und kommunikationsstärker.

Doch auch Burnham übernimmt kein leichtes Erbe. Denn Starmers Scheitern war nicht nur persönlich.

Er wollte Labour entgiften – und verlor die Partei. Er wollte Israels Sicherheit ernst nehmen – und wich unter Druck zurück. Er wollte Kompetenz zeigen – und stolperte über Mandelson. Er wollte Stabilität verkörpern – und hinterlässt den nächsten Machtkampf.

Kirkup nannte es „eine persönliche Niederlage in nationalem Maßstab“. Mit Burnham bekommt Großbritannien seinen siebten Premier innerhalb von zehn Jahren. Das Land verschleißt Regierungschefs wie Glühbirnen – sieben in zehn Jahren, ausgewechselt, bevor sie je richtig leuchteten.