Stehen wir vor einem Weltkrieg? Militärexperte spricht Klartext
Kriege werden heute nicht mehr nur mit Panzern, sondern auch mit Narrativen und Desinformationen geführt. Oberst Markus Reisner warnt vor einer gefährlichen globalen Entwicklung. Seine Diagnose: Wir befinden uns bereits in der Vorphase eines Weltkonflixt.
Oberst Markus Reisner warnt vor einer globalen Eskalation und spricht von einer Vorphase zum Weltkrieg.IMAGO/ZUMA Press Wire
Ob Ukraine, Naher Osten, China, Rohstoffe oder Handelswege – die Zahl der Konfliktregionen nimmt zu, die Fronten verhärten sich. Für Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer ist dies kein Zufall, sondern Teil einer größeren Entwicklung. In der neuen Folge von „Message, Macht, Medien“, die in der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt aufgezeichnet wurde, spricht der Militärexperte offen über Propaganda, geopolitische Machtkämpfe und die Frage, wie nah die Welt tatsächlich an einem großen Krieg ist.
„Wir sind in einer Vorphase einer globalen Auseinandersetzung“
Reisner wählt klare Worte. Angesichts der parallelen Konflikte weltweit sieht er eine gefährliche Zuspitzung: „Wir sind in einer Vorphase einer globalen Auseinandersetzung, die sich im schlimmsten Fall weiter verschlechtern kann …“
Kriegsführung bedeute heute weit mehr als militärische Gewalt. Das Kommunikationsfeld sei selbst zum Schlachtfeld geworden, Beeinflussung sei das eigentliche Ziel. „Sie können heute auf Knopfdruck Milliarden Menschen erreichen“, sagt Reisner mit Blick auf moderne Propaganda und Desinformation, die besonders im Ukraine-Krieg sichtbar werden.
Russland setze dabei gezielt auf Desinformation, die auch nach Österreich, Deutschland und Frankreich wirke. Die russische Propaganda setze dabei vor allem auf die Botschaft: Nicht Russland kämpft gegen die Ukraine, sondern der Westen gegen Russland. Die Ukrainer seien „verhext“ worden – ein Narrativ, das auf historischen Feindbilder basiert.
USA, China, Russland: Kampf um Ordnung und Kontrolle
Ob Venezuela oder Grönland – hinter den aktuellen Spannungen vermutet Reisner die strategischen Interessen der Großmächte. Entgegen vereinfachenden Erklärungen gehe es nicht nur um Rohstoffe. Die oft zitierte These, Trump wolle nur an die Rohstoffe gelangen, greife zu kurz. Tatsächlich gehe es um „etwas viel Größeres, nämlich die Neuordnung der Welt“.
Russland folge dabei einem konstanten Muster. Laut Reisner setzt Moskau weder auf Ökonomie noch auf Diplomatie, sondern auf das Militär. Der Zweck sei Kontrolle, getragen von einem imperialistischen Ausdehnungsgedanken. „Russen haben nie Demokratie erlebt“, betont der Militärexperte.
China hingegen könne sich in der aktuellen Lage zurücklehnen, Macht demonstrieren und beobachten. Der globale Süden gewinnt zunehmend Selbstvertrauen und will die Weltordnung aktiv mitgestalten, während Europa nur über begrenzte Rohstoffe verfügt.
NATO, Grönland und Österreichs Wehrdienst
Zur Debatte um Grönland gibt Reisner Entwarnung – vorerst. „Wir sind noch weit davon entfernt, dass wir eine militärische Eskalation erleben“, sagt er. Doch sollte es tatsächlich zu einer US-Intervention in der ehemaligen dänischen Kolonie kommen, wäre für ihn klar: „Das wäre das Ende der NATO“ – eine Einschätzung, die er mit der dänischen Premierministerin Mette Frederiksen teilt.
Auch innenpolitisch wird Reisner deutlich. Mit Blick auf den Endbericht der Expertenkommission des Bundesheeres und mögliche Reformen bekräftigt er die Notwendigkeit einer Verlängerung des Grundwehrdienstes. Seine klare Linie: „Alles, was die Miliz stärkt, ist entsprechend zu unterstützen.“
Einen dritten Weltkrieg sieht Reisner dennoch nicht unmittelbar bevorstehend. Weder Donald Trump wolle einen solchen riskieren, noch strebe Wladimir Putin einen „absoluten“ oder „totalen Krieg“ an.
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