Knapp 800.000 Euro für gekipptes Denkmal
Seit Jahren wird über das Karl-Lueger-Denkmal in der Wiener Innenstadt gestritten, kaum ein Standbild ist so politisch aufgeladen. Das 1926 errichtete Monument am Stubentor steht im Zentrum gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen, weil der frühere Bürgermeister als prägende Figur des modernen Antisemitismus gilt.
Forderungen nach Entfernung begleiten das Denkmal ebenso wie der Ruf nach künstlerischer Einordnung – und genau darauf setzt die Stadt nun: nicht Abbau, nicht Verhüllung, sondern eine symbolische Intervention, die das Monument sichtbar aus dem Lot bringt.
„Schieflage“ als künstlerische Antwort: 3,5 Grad Irritation
Die Stadt entschied sich nach einem Wettbewerb für den Siegerentwurf mit dem Titel „Schieflage“. Wie Krone berichtete, soll die Statue dabei um exakt 3,5 Grad geneigt werden. Das Ziel sei, beim Betrachter eine „Irritation“ auszulösen und den „Anspruch der Monumentalität“ zu brechen. Aus dem aufrecht inszenierten Denkmal soll ein sichtbar gekipptes werden – eine Art Kommentar in Stein. Während man über die Wirkung dieser Neigung diskutieren kann, ist eine andere Frage deutlich weniger interpretationsfähig: Was kostet diese Irritation eigentlich?
Ein Bürger fragt nach – und die Stadt liefert die Rechnung
Genau das wollte ein Bürger wissen. Gestützt auf das Informationsfreiheitsgesetz verlangte er eine vollständige Aufstellung aller Gesamtkosten: Demontage, Transport, Lagerung, Reinigung, Wiederaufstellung mit Neigung – sowie sämtliche weiteren notwendigen Arbeiten samt aktueller Schätzung. Nun liegt die Aufschlüsselung der zuständigen Stelle der Stadt, der Stadt Wien Kunst GmbH, vor. Und die Zahl, die dort steht, sorgt selbst für Irritation: Für Wettbewerb, Bauleistung, Restaurierung und Nebenkosten werden insgesamt 776.167,45 Euro veranschlagt.
Die Kosten im Detail: Wettbewerb, Bau, Restaurierung – und massive Nebenkosten
Die Aufstellung zeigt, wie sich die Gesamtsumme zusammensetzt. Alleine der künstlerische Wettbewerb inklusive wissenschaftlicher Aufarbeitung kostet 136.256,71 Euro. Die Bauleistung wird mit 237.547,91 Euro beziffert. Für die Restaurierung im Zuge der Neigung – „unter Berücksichtigung von Vorgaben nach Vandalismus“ – sind 137.549,40 Euro vorgesehen. Besonders ins Gewicht fallen die Nebenkosten: Gutachten, Ausschreibungsverfahren und weitere künstlerische Leistungen schlagen mit 246.553,34 Euro zu Buche. Die Stadt hält fest, dass es sich teils um bereits angefallene, teils um prognostizierte Aufwendungen handelt.
Denkmalamt, Schäden, Vorgaben – warum die Stadt auf Verpflichtungen verweist
Zusätzlich verweist die Stadt auf Verpflichtungen gegenüber dem Bundesdenkmalamt. Restaurierungsarbeiten seien auch wegen früherer Beschädigungen erforderlich. Damit wird klar: Die Neigung ist nicht nur ein technischer Eingriff, sondern hängt an einem ganzen Paket aus Vorgaben, Verfahren und Begleitmaßnahmen – und genau das treibt die Summe weiter nach oben.
In der Innenstadt befürchtet man durch das Schrägstellen auch einen Schaden für die Platane. Das Projekt, das „Irritation“ auslösen will, erzeugt damit gleich mehrere Ebenen von Unruhe: politisch durch das Denkmal selbst, praktisch durch die Sorgen rund um den Standort – und finanziell durch die Dimension der Rechnung.
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