Es ist eine kleine Sprachänderung mit großer Sprengkraft. Die schwedische Regierung will den Begriff „Islamophobie“ in ihrer offiziellen Kommunikation nicht mehr verwenden. Außenministerin Maria Malmer Stenergard begründete den Schritt im Parlament klar: Der Ausdruck sei „problematisch“, weil er den Blick auf vermeintlich irrationale Ängste lenke – und gleichzeitig die Grenze zwischen Kritik an einer Religion und Hass auf Menschen verwische.
Schwedische Behörden sollen künftig präziser formulieren. Wo es um echte Feindseligkeit, Diskriminierung oder Gewalt gegen Muslime geht, ist von „antimuslimischem Rassismus“ oder „antimuslimischem Hass“ die Rede. Der entscheidende Unterschied: Menschen sollen geschützt werden. Ideologien nicht.
Stenergard machte vor dem Reichstag deutlich, worum es ihr geht: Der Schutz richte sich an Opfer von Rassismus, Hassverbrechen und Diskriminierung – nicht an „die Religion als solche“. In Schweden gelte Religionsfreiheit in beide Richtungen: die Freiheit, eine Religion auszuüben – und die Freiheit, sie abzulehnen.
Kritik am Islam ist nicht Hass auf Muslime
Die Befürworter der Maßnahme werfen dem Wort „Islamophobie” vor, längst zum politischen Schutzschild geworden zu sein: Wer Islamismus, Scharia-Vorstellungen, Parallelgesellschaften oder religiösen Fundamentalismus kritisiere, lande in Sekunden im Rassismus-Eck.
In der Parlamentsdebatte fiel ein bemerkenswertes Argument: Das Etikett „islamophob“ treffe nicht nur Islamkritiker. Es treffe ausgerechnet auch jene, die innerhalb muslimischer Communitys gegen islamistische Strukturen aufstehen – Frauenrechtlerinnen, liberale Theologen, muslimische Reformer.
Schweden geht nach Brüssel: EU soll umdenken
Stockholm will den Sprachwechsel nicht national einsperren. Beim EU-Treffen am 18. und 19. Mai in Brüssel soll Schweden konkret dafür werben, „Islamophobie“ durch „anti-muslimischen Rassismus“ oder „anti-muslimischen Hass“ zu ersetzen – und mittelfristig auch in der UN.
Tatsächlich arbeiten die EU-Kommission und die Vereinten Nationen seit Jahren mit dem Begriff „Islamophobie“. Schwedens Vorstoß ist damit ein direkter sprachpolitischer Angriff auf eingeführte Brüsseler und internationale Terminologie.
„Historisch und mutig“: Social Media explodiert
International schlägt die Entscheidung Wellen. Auf X feierte die pro-israelische Aktivistin Liza Rosen den Schritt als „historisch und mutig“ und bezeichnete „Islamophobie“ als „politisch manipuliertes Konzept“, das Kritik am Islam zum Schweigen bringen solle. Auch der britische Sender GB News griff das Thema auf und sprach von einem Sieg für die Meinungsfreiheit.
Muslimbruderschaft im Visier
Kritiker werfen Netzwerken mit Naheverhältnis zur islamistischen Muslimbruderschaft seit Jahren vor, „Islamophobie“ gezielt als Hebel zu benutzen: Kritik an Scharia-Praxis oder an islamistischen Machtansprüchen werde so in Rassismus umgedeutet.
Dieser Vorwurf wurde zuletzt auch in Schweden immer lauter. Der schwedendemokratische EU-Abgeordnete Charlie Weimers begrüßte den Kurswechsel ausdrücklich. Auch Faw Azzat von der Organisation GAPF, die in Schweden gegen ehrbezogene Gewalt und Unterdrückung arbeitet, wurde deutlich: „Islamophobie“ sei ein Wort, das Islamisten gezielt nutzten, um Religionskritik mit Rassismus gegen Menschen gleichzusetzen – ein „semantischer Trick“, getarnt als Antirassismus.
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Französischer Geheimreport rückt Schweden in den Fokus
Der schwedische Schritt kommt nicht völlig überraschend. Im Mai 2025 sorgte ein französischer Regierungsbericht über die Muslimbruderschaft und den politischen Islam europaweit für Schlagzeilen. Darin kam auch Schweden vor. Laut Le Monde wird darin von einer bedeutenden Präsenz der Bruderschaft in Schweden gesprochen, gestützt auf Finanzierung aus Katar, schwedischen Multikulturalismus und enge Kontakte zu Teilen der Sozialdemokratie.
Stockholm reagierte: Im Juni 2025 berief der damalige Integrationsminister Mats Persson eine Expertengruppe ein, in der unter anderem der Terrorismusforscher Magnus Ranstorp, die Islamismus-Forscherin Evin Ismail sowie der Politische-Islam-Forscher Aje Carlbom mitarbeiteten – flankiert von Polizei und Sicherheitsdiensten. Schweden, so unterstrich Persson damals, müsse sich denselben Herausforderungen stellen wie Frankreich: Integration, Parallelgesellschaften, Schutz der liberalen Demokratie.
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Es geht nicht um Schutz für Ideologien
Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten gegründet und gilt als eine der einflussreichsten islamistischen Bewegungen weltweit. In mehreren mehrheitlich muslimischen Staaten ist sie verboten oder als Terrororganisation eingestuft – darunter Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. In Europa war ihr Einfluss jahrelang umstritten. In den vergangenen Jahren warnten aber Beobachter und Nachrichtendienste immer nachdrücklicher vor schleichender ideologischer Unterwanderung. Hinzu kommt: Offizielle Medien der Muslimbruderschaft feierten das bestialische Massaker der Terrororgansiation Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem 1182 überwiegend jüdische Menschen getötet wurden, ausdrücklich und verteidigten es. Die Hamas ist der palästinensische Zweig der Bruderschaft.
Genau deshalb ist die schwedische Sprachänderung mehr als Wortklauberei. Sie zieht eine Linie zwischen zwei Dingen, die in der öffentlichen Debatte gern zu einem Brei verrührt werden: Hass auf Muslime einerseits – und legitime Kritik an Islamismus, politischem Islam und religiösen Machtansprüchen andererseits.
Linke und muslimische Verbände warnen vor Verharmlosung
Gegenwind kommt von linken Stimmen und muslimischen Interessenvertretungen. Sie befürchten, der Verzicht auf den Begriff könne reale Feindseligkeit gegen Muslime relativieren. Le Monde berichtete kürzlich über Angriffe auf Moscheen, Schmierereien und Einschüchterungen. Laut dem schwedischen Kriminalpräventionsrat zählten islamfeindliche Hassdelikte 2022 zu den besonders häufig dokumentierten religiös motivierten Hassverbrechen – Experten gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Betroffene keine Anzeige erstatten.
Die Regierung hält dagegen: Der Kampf gegen Hassverbrechen werde nicht geschwächt, sondern präziser geführt. Es falle nicht der Schutz von Muslimen – sondern ein Begriff, der nach Ansicht seiner Kritiker zu oft auch als Schutzschild für Islamisten diente.
Für Islamismus-Kritiker ist es ein Durchbruch. Für linke Kritiker ein gefährliches Signal. Für Brüssel und die UN könnte es richtig unangenehm werden – beide Institutionen haben den Begriff „Islamophobie“ tief in ihrer offiziellen Sprache verankert.

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