Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie weit Wirklichkeit und politische Antwort auseinanderliegen. Vergangene Woche war Daniel Resch, Bezirksvorsteher von Wien-Döbling (ÖVP), bei exxpress im Studio und schilderte Zustände, die man mit dem Nobelbezirk lange nicht in Verbindung gebracht hätte: Jugendbanden, die Mitschüler terrorisieren, Lehrer, die Angst haben, in der Früh in die Schule zu kommen – und eine angezündete Schularbeit mitten im Unterricht.
„Wenn ein Lehrer Angst hat, in der Früh in die Schule zu kommen, da rennt gewaltig was falsch”, sagte Resch im exxpress-Interview. Acht bis zwölf Jugendliche seien es, die an Döblinger Mittelschulen ihre Mitschüler gefährdeten. Alle unter 14 – und damit nicht strafmündig. Genau das ist der Kern des Problems: Die Polizei kann die Kinder aufgreifen, festhalten kann sie niemand. „Stunden später wird die Polizei sie wieder antreffen”, so Resch.
„Kinder gehören erzogen, nicht eingesperrt"
Reschs Vorstoß zielt auf eine Debatte über die Senkung der Strafmündigkeit, die in Österreich bei 14 Jahren liegt. Auf Anfrage des „Profil” winkt das von Anna Sporrer (SPÖ) geführte Justizministerium ab: „Eine Absenkung des Strafalters ist nicht vorgesehen. Kinder gehören erzogen, nicht eingesperrt.” Auffällige Kinder sollten durch Hilfsangebote und sozialpädagogische Maßnahmen unterstützt werden.
Neu ist diese Linie nicht. Sporrer wiederholt damit einen Satz, den sie seit ihrem Amtsantritt vor sich herträgt. Schon im März, zur Ein-Jahres-Bilanz der Regierung, sagte sie im Interview mit „5 Minuten”: „Ich bin gegen eine Herabsetzung der Strafmündigkeit, auch weil Expertinnen und Experten seit langem betonen, dass solche Maßnahmen nicht vor Straftaten schützen.” Und weiter, wortgleich: „Ich bleibe dabei: Kinder gehören erzogen, nicht eingesperrt.”
Bemerkenswert ist freilich, was Sporrer sehr wohl mitträgt: das Wegsperren. Schon im Mai 2025 schloss sie sich laut „meinbezirk.at” der Idee von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) an, kriminelle Kinder unter 14 in eigenen WGs anhalten zu können. „Natürlich muss die Gesellschaft auch von Straftaten unter 14-Jährigen beschützt werden”, so die Ministerin damals. Nein zur Strafmündigkeit, Ja zur geschlossenen Unterbringung.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache
Dass das Problem nicht erfunden ist, belegt die Statistik. Laut der kriminalpolizeilichen Anzeigenstatistik des Innenministeriums stieg die Zahl der Tatverdächtigen in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen von rund 5.150 im Jahr 2015 auf 12.049 im Jahr 2024 – mehr als eine Verdopplung. Rund 48 Prozent davon waren keine österreichischen Staatsbürger. Auffällig viele, so das BMI, sind syrische Jugendliche; die Anzeigen mit syrischen Tatverdächtigen in dieser Gruppe stiegen zuletzt um knapp 35 Prozent.
Auch insgesamt bleibt die Überrepräsentation hoch: 2025 wurden laut Bundeskriminalamt 164.573 fremde Tatverdächtige registriert – ein Anteil von 47,7 Prozent, der höchste Wert der vergangenen sieben Jahre.
800.000 Euro – für maximal 16 Kinder im Jahr
Reschs sieht die Stadt Wien in der Verantwortung die versprochenen „Auszeit-WGs” endlich umsetzen. Der Termin verschiebe sich „Woche für Woche, Monat für Monat”, klagte er bei exxpress. Damit hat er recht. Präsentiert wurde das Projekt von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (NEOS) Mitte April als „Meilenstein im Kampf gegen Kinder- und Jugendkriminalität”. Gestartet ist es bis heute nicht: Erst war von Anfang April die Rede, dann von Mai – laut ORF Wien scheiterte beides an Umbauten bei den Fluchtwegtüren und brandschutzrechtlichen Auflagen. Nun soll es, so das „Profil”, „noch im Juni” losgehen.
Doch selbst wenn die WG aufsperrt, bleibt die entscheidende Frage: Löst das überhaupt etwas? In dem adaptierten Haus in Simmering haben nur zwei Kinder gleichzeitig Platz, jeweils auf einem eigenen Stockwerk, ein Aufenthalt dauert sechs bis zwölf Wochen. Maximal 16 Intensivtäter pro Jahr können dort betreut werden – bei jährlichen Kosten von rund 800.000 Euro. Dem stehen laut „Profil” allein 81 Intensivtäter unter 14 gegenüber, die die Wiener Kinder- und Jugendhilfe MA 11 zählt. Emmerling selbst räumt ein, die WG sei die „Ultima Ratio”, einige Kinder könne man damit nicht erreichen.
Die FPÖ spricht von „teuren Scheinlösungen auf Kosten der Bevölkerung”, Simmering dürfe nicht zum „Experimentierfeld rot-pinker Sicherheitspolitik” werden. Im Bezirk regt sich zudem Unmut, weil die Anrainer über den geheim gehaltenen Standort nicht informiert wurden.
Resch will all das parteiübergreifend gelöst sehen: „Setzen wir uns auf einen Tisch und lösen das Problem. Das muss funktionieren, bevor es eskaliert.” Die Frage ist nur, ob 16 Plätze und ein Satz über Erziehung reichen, um eine Entwicklung zu stoppen, die das Innenministerium selbst als alarmierend bezeichnet.

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