Terror-Serie in Europa: Spur führt nach Teheran – und ins Hisbollah-Netz
Antisemitischer Terror in Europa? Die Hinweise darauf werden immer stärker. In den Niederlanden sitzen sieben Verdächtige in Haft, in London ermittelt die Anti-Terror-Polizei, Belgien schützt Einrichtungen bereits mit Soldaten. Offene Quellen belegen zudem Hisbollah-nahe Netzwerke in Europa. Die heißeste Spur führt derzeit in den Iran.
Hinter der Terror-Serie in Europa verdichtet sich eine Spur in den Iran.GETTYIMAGES/zabelin/Constantine Johnny
Der Anschlag auf die Synagoge in Rotterdam war kein „Vorfall“. Die niederländische Staatsanwaltschaft stufte ihn als Tat mit terroristischer Absicht ein. Ziel sei gewesen, Angst zu verbreiten.
Noch brisanter: Am 27. März wurden in den Niederlanden drei weitere Verdächtige festgenommen. Damit saßen bereits sieben Personen wegen des Rotterdamer Anschlags in Haft. Zusätzlich wurde ein 18-Jähriger festgenommen, der an der Vorbereitung eines ähnlichen Anschlags auf eine Synagoge in Heemstede beteiligt gewesen sein soll.
Das klingt nicht nach einem Einzelfall. Alles deutet auf eine Serie hin.
Die Spur führt nach Iran
Der niederländische Justizminister David van Weel sagte offen, eine mögliche iranische Beteiligung werde explizit untersucht. Zugleich erklärte er, die jungen Verdächtigen seien höchstwahrscheinlich rekrutiert worden. Vieles deutet auf lokale Ausführer und mögliche Drahtzieher im Hintergrund hin.
Auch Europol warnte früh vor Folgen der Iran-Eskalation für Europa. Laut Reuters sah die Behörde eine erhöhte Gefahr durch Gruppen aus dem Umfeld der „Achse des Widerstands“ – von Terror über Einschüchterung bis zu Cyberangriffen.
London brennt mit
Auch in London schlug die Gewalt zu. Vier Ambulanzen des jüdischen Rettungsdienstes Hatzola wurden in Brand gesetzt. Überwachungsvideos zeigten drei vermummte Täter. Später wurden zwei Männer festgenommen. Die Ermittlungen übernahm die Anti-Terror-Polizei.
Reuters berichtete zudem, dass der Fall in ein breiteres Muster möglicher Iran-Bedrohungen passt: Nur wenige Wochen zuvor waren in Großbritannien vier Männer unter Verdacht geraten, für iranische Dienste Standorte und Personen mit Bezug zur jüdischen Gemeinschaft in London ausgespäht zu haben.
MI5-Chef Ken McCallum hatte schon im Oktober 2025 von mehr als 20 iranisch unterstützten Plots gesprochen.
Soldaten vor Synagogen
Belgien reagiert bereits mit militärischem Schutz. Nach den Angriffen in Lüttich und weiteren Vorfällen in Belgien und den Niederlanden wurden Soldaten zum Schutz jüdischer Einrichtungen in Brüssel und Antwerpen eingesetzt. Später sollte auch Lüttich folgen.
In Antwerpen wurden nach einem mutmaßlich antisemitischen Brandanschlag zwei Minderjährige festgenommen. Reuters ordnet die Vorfälle ausdrücklich in eine breitere Serie in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien ein.
Die Tarnmarke
Zu mehreren Taten bekannte sich die bisher unbekannte Gruppe HAYI. Doch genau diese Spur wirkt immer künstlicher. Laut dem Thinktank International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) mit Sitz in Den Haag trat die Gruppe vor dem 9. März praktisch nicht in Erscheinung. Erste Spuren führen in ein pro-iranisches digitales Umfeld. Besonders auffällig: Laut ICCT tauchten erste Meldungen und Videos teils schon wenige Minuten nach den Anschlägen auf. Das legt nahe, dass die Verbreiter fast in Echtzeit informiert wurden.
Das Institut verweist zudem auf sprachliche Fehler in Namen, Logos und Propagandamaterial. Mehrere behauptete Anschläge ließen sich öffentlich nicht belegen oder wirkten wie gezielte Desinformation. Das spricht weniger für eine etablierte Terrororganisation als für eine Tarnfassade. Überdies tauchten HAYI-Bekennungen sehr früh in pro-iranischen Telegram-Kanälen auf; später wurden sie auch über Houthi- und Hisbollah-nahe Kanäle verbreitet. Das ist kein Beweis für einen direkten Hisbollah-Befehl – aber ein gewichtiger Hinweis auf das digitale und propagandistische Umfeld.
Echte Attacken, falsche Spuren
Nach Einschätzung des ICCT sind mehrere Angriffe in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien echt. Andere Claims wirken dagegen eher wie eine Nebelwand. Es geht also nicht nur um Brandanschläge und Sprengsätze. Es geht auch um Verwirrung, psychologische Wirkung und darum, die Spur zu den eigentlichen Drahtziehern zu verwischen. Damit verdichtet sich das Bild einer koordiniert wirkenden Kampagne – nicht bloß einer Reihe unverbundener antisemitischer Einzelakte.
Der strategische Rahmen dazu ist bekannt. Das ICCT schrieb schon am 9. März, dass der Iran in Europa seit Jahren auf indirekte Methoden, Mittelsmänner und kriminelle Verbindungen setzt. Das Wall Street Journal berichtet mittlerweile von Online-Rekrutierung über organisierte Kriminalität und schiitische Milieus. Laut Guardian setzt Iran bei Gewalttaten im Ausland immer öfter auf angeheuerte Täter und Kontakte ins kriminelle Milieu. Nicht eine klassische Terrorzelle schlägt zu, sondern Stellvertreter vor Ort – die eigentlichen Drahtzieher bleiben im Hintergrund.
Hisbollah ist längst da
Das wirft eine brisante Frage auf: Gibt es überhaupt organisierte Hisbollah-Strukturen in Europa? Ja.
Der deutsche Verfassungsschutz führt für 2024 in Deutschland 1.250 Personen im Hisbollah-Spektrum. Im selben Bericht heißt es, Hamas und Hisbollah hätten ihre Aktivitäten in Deutschland infolge des Nahostkriegs intensiviert und ausgeweitet. Dadurch sei auch die Gefahr für israelische und jüdische Ziele gestiegen.
Hinzu kommt: US-Behörden beschreiben mit der External Security Organization (ESO), auch Unit 910 genannt, seit Jahren einen Hisbollah-Apparat für Operationen außerhalb des Libanon. Das US-Finanzministerium nennt Talal Hamiyah als Leiter dieser Struktur. Auch das National Counterterrorism Center (NCTC) der USA beschreibt Unit 910 als den für Terroroperationen im Ausland zuständigen Teil der Organisation.
Das Hamburg-Zentrum
Besonders aufschlussreich ist der Befund zum Islamischen Zentrum Hamburg (IZH). Der Verfassungsschutz bezeichnete es als wichtiges iranisches Propagandazentrum in Europa. Das deutsche Innenministerium warf dem IZH vor, aggressiven Antisemitismus zu fördern und die verbotene Hisbollah zu unterstützen.
Hier geht es also nicht bloß um Sympathisanten, sondern um Strukturen mit Verbindungen nach Teheran, ideologischer Schlagkraft und organisatorischer Reichweite.
Auch in Österreich gibt es einen brisanten Befund. Der exxpress berichtete bereits mehrmals über das Islamische Zentrum Imam Ali in Wien, das laut Sicherheitsberichten und Experten als Knotenpunkt iranischer Einflussnahme gilt. Das Zentrum soll eng mit dem verbotenen Islamischen Zentrum Hamburg kooperiert haben; Sicherheitsberichte sehen zudem Hinweise auf Nähe zu iranischen Nachrichtendiensten und möglichen Hisbollah-Strukturen. Während Deutschland durchgriff, bleibt die Wiener Einrichtung bislang aktiv.
Logistik quer durch Europa
Hinzu kommen konkrete Unterstützungsstrukturen. Reuters berichtete bereits 2021, Deutschland habe drei Vereine verboten, die unter religiös-humanitärer Tarnung Spenden an Hisbollah weitergeleitet haben sollen.
Hinzu kommen operative Strukturen. Reuters meldete im Juli 2024 vier Festnahmen in Spanien und Deutschland wegen des Verdachts, Drohnenbauteile für Hisbollah beschafft zu haben. Laut spanischer Polizei hätten aus den gehandelten Komponenten mehrere hundert bis tausend Drohnen gebaut werden können.
Auch die Studie „Hezbollah in Europa“ der Dokumentationsstelle Politischer Islam nennt Ammoniumnitrat-Lager in Süddeutschland, Beschaffungsversuche für Explosivstoffe und weitere Netzwerke. Kurz: Hisbollah hat in Europa nicht nur Sympathisanten, sondern auch Infrastruktur.
Was das für die neue Welle bedeutet
Die stärkste öffentlich sichtbare Spur der aktuellen Anschlagsserie führt derzeit nach Iran, ins Quds-Force-nahe Umfeld und zu Proxy-Methoden. Ein direkter Hisbollah-Befehl ist öffentlich bisher nicht belegt. Fest steht aber: In Europa existieren Hisbollah-nahe Unterstützungs-, Propaganda-, Finanzierungs- und Logistikstrukturen.
Wenn lokal rekrutierte Täter zuschlagen und im Hintergrund ein pro-iranisches System aus Kanälen, Netzwerken und Infrastruktur mitläuft, wird die Spur zu den eigentlichen Drahtziehern extrem schwer greifbar.
Europas nächster Test
Die Botschaft ist klar: Jüdische Einrichtungen in Europa werden nicht mehr nur bedroht oder beschmiert, sondern wieder gezielt angegriffen.
Die vermutete Wurzel liegt in Iran. Und ein Teil der Infrastruktur, die solche Entwicklungen noch gefährlicher macht, ist in Europa offenbar seit Jahren vorhanden.
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