Terrorgefahr aus Syrien: Warum Europa jetzt ins Visier des IS rückt
Im Nordosten Syriens sind rund 120 IS-Häftlinge entkommen – im Chaos der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den kurdisch geführten SDF. In den Lagern sitzen zudem tausende ausländische IS-Kämpfer, auch aus Europa, im rechtlichen Niemandsland. Deutschlands Polizei warnt: Europa muss mit Rückkehrer rechnen.
Bewaffneter syrischer Soldat nach der Machtübernahme des IS-Lagers al-HolGETTYIMAGES/Abdulmonam Eassa
Im Nordosten Syriens ist die Sicherheitslage rund um IS-Gefängnisse und Lager eskaliert. Nach dem Rückzug der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) und dem Vormarsch syrischer Regierungstruppen wechselten Haftanstalten und Camps mit zehntausenden IS-Gefangenen chaotisch den Besitzer. Mehrere Einrichtungen gerieten unter Druck, Bewachungsstrukturen wanken.
Ausbrüche, Kämpfe, Sicherheitsvakuum
Aus dem Gefängnis al-Shaddadi entkamen rund 120 IS-Häftlinge, etwa 40 gelten weiterhin als flüchtig. Auch andere Haftanstalten – etwa al-Aqtan bei Raqqa – standen zeitweise unter direktem militärischem Druck. Gleichzeitig kam es im berüchtigten al-Hol-Lager (20.000 bis 30.000 Insassen, überwiegend Frauen und Kinder mit IS-Bezug) zu Flucht- und Gewaltversuchen. Verantwortliche sprechen offen von einem Sicherheitsvakuum.
US-Warnung: „ISIS-Armee in Wartestellung“
US-Berichte an den Kongress warnen seit Monaten: In Nordostsyrien sind 8.000 bis 9.000 IS-nahe Kämpfer aus mehr 60 Herkunftsländern inhaftiert – eine „ISIS-Armee in Wartestellung“ für den Fall eines größeren Ausbruchs. Sie stammen auch aus Europa.
In den Lagern al-Hol und Roj leben zusätzlich zigtausende Angehörige, darunter viele Kinder. Überfüllung, mangelhafte Versorgung und fortschreitende Radikalisierung gelten als massive Sicherheitsrisiken. Als einzige nachhaltige Lösung gilt aus Sicht internationaler Sicherheitsdienste die Rückführung ins Herkunftsland zwecks Strafverfolgung – doch genau daran scheitert es seit Jahren.
Rechtliches Niemandsland: Extremisten ohne Urteil
Besonders brisant: In Lagern und Gefängnissen sitzen tausende ausländische IS-Kämpfer im rechtlichen Niemandsland. Viele Herkunftsstaaten – auch in Europa – verweigern die Rücknahme ihrer Staatsbürger oder entziehen ihnen die Staatsangehörigkeit. Die Folge sind bewaffnete Extremisten ohne Perspektive, Urteil oder Kontrolle.
Sicherheitsdienste warnen, dass es sich vielfach nicht um Mitläufer, sondern um kampferprobte, vernetzte und ideologisch gefestigte Extremisten handelt, die sich über Jahre in Haft weiter radikalisiert haben.
US-Strategie: Verlegung statt Lösung
Als Reaktion auf die Eskalation begann die Verlegung von IS-Häftlingen in den Irak – auf Wunsch Bagdads. Bis zu 7.000 Gefangene könnten transferiert werden. Der Irak begründet den Schritt mit der Sorge, dass entkommene Kämpfer sonst im Grenzgebiet untertauchen und neue Terrorzellen bilden.
EU-Warnung: Risiko für Europa wächst
Auch auf EU-Ebene gilt die Entwicklung als ernsthafte Bedrohung. Ein internes Counterterrorism-Papier warnt, dass das Chaos in Syrien dschihadistische Netzwerke stärkt und entweder Rückkehrbewegungen oder eine „Remote-Aktivierung“ von Extremisten in Europa begünstigen könnte.
So könnte die Gefahr Europa erreichen
Das Risiko ist zweigleisig: Entweder tauchen kampferprobte IS-Kader in der Region unter und nutzen Schmuggel- und Migrationsrouten Richtung Europa – oder ISIS nutzt die Lage propagandistisch, um Anhänger in Europa zu Anschlägen zu treiben, ohne dass Kämpfer physisch einreisen müssen.
Deutschland: Polizei schlägt Alarm
In Deutschland warnt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) vor einer unkontrollierten Rückkehr deutscher IS-Dschihadisten. Als Staatsbürger könnten sie nicht an der Einreise gehindert werden – und nicht jeder müsse automatisch in Haft. GdP-Chef Jochen Kopelke fordert daher die Einberufung des Nationalen Sicherheitsrats.
Österreich: Terrorwarnstufe 4 bleibt
Das österreichische Innenministerium verweist auf laufende Lageanalysen der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN). Internationale Entwicklungen würden kontinuierlich bewertet, die Zusammenarbeit mit Partnerdiensten sei eng. In Österreich gilt weiterhin Terrorwarnstufe 4 von 5.
Zugleich betont das BMI: IS-Rückkehrer stellen grundsätzlich eine potenzielle Gefahr für Europa dar, sofern sie unbemerkt zurückkehren. Derzeit gebe es jedoch keine konkreten Hinweise auf unmittelbare Auswirkungen für Österreich – die Lage werde laufend beobachtet.
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