Es ist eine Anfragebeantwortung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Auf eine parlamentarische Anfrage des freiheitlichen Abgeordneten Norbert Nemeth hat Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) nun konkrete Zahlen zu geschlechtsangleichenden Eingriffen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgelegt – und muss zugleich bei mehreren zentralen Punkten eingestehen: Dazu liegen dem Ressort schlicht keine Daten vor.

Anlass der Anfrage war eine im April 2026 veröffentlichte finnische Registerstudie, die für Aufsehen gesorgt hatte. Sie untersuchte Jugendliche und junge Erwachsene, die zwischen 1996 und 2019 spezialisierte Einrichtungen für Geschlechtsidentität in Finnland kontaktiert hatten – und kam zu einem brisanten Befund.

1.259 Fälle in sechs Jahren – die harten Zahlen

Im stationären Bereich wurden zwischen 1. Jänner 2020 und 31. Dezember 2025 laut Ministerium insgesamt 1.259 Patienten im Alter zwischen 0 und 29 Jahren mit der Hauptdiagnose „Transsexualismus” (F64.0) und dokumentierten geschlechtsangleichenden Leistungen erfasst. Die Zahlen für 2025 sind dabei noch vorläufig.
Der Großteil der Fälle entfällt auf junge Erwachsene: 48,21 Prozent auf die Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen, 30,98 Prozent auf die 25- bis 29-Jährigen und 25,97 Prozent auf die 15- bis 19-Jährigen. In der Gruppe der 10- bis 14-Jährigen liegt der Anteil bei 0,08 Prozent. Eine feinere Aufschlüsselung nach einzelnen Lebensjahren – wie von Nemeth verlangt – kann das Ministerium nicht liefern: Gemeldet werden ihm nur Fünf-Jahres-Altersgruppen.

Bei knapp drei Viertel der erfassten Patienten (74,82 Prozent) war das dokumentierte Geschlecht „männlich”, bei 25,66 Prozent „weiblich”. Zur Art der Eingriffe listet das Ressort einen umfangreichen Katalog medizinischer Leistungen auf – von Mastektomien und Hysterektomien über Mamma-Rekonstruktionen bis hin zur plastischen Rekonstruktion von Penis beziehungsweise Vagina.

Wichtig dabei: Das Ministerium betont ausdrücklich, dass sich aus diesen Zahlen „keine vollständige Geschlechtsumwandlung ableiten” lasse.

Keine Daten zu Hormonen, Kosten und Detransition

Deutlich dünner wird es bei den anderen Fragen. Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene im selben Zeitraum eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung begonnen haben? „Hierzu liegen meinem Ressort keine Daten vor.” Welche Kosten dem Gesundheitssystem durch Hormontherapien, Operationen und Nachsorge entstanden sind? Keine Daten. Wie viele Betroffene danach psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nahmen? Keine Daten. Und die politisch wohl heikelste Frage – wie viele Menschen in Österreich eine sogenannte Detransition, also eine Rückkehr zum ursprünglichen Geschlecht, vorgenommen haben? Auch hier: Fehlanzeige.

Die finnische Studie und ihr brisanter Befund

Die Studie, die Nemeth zu seiner Anfrage veranlasste, ist dem Ministerium nach eigenen Angaben bekannt und wurde bereits fachlich geprüft. Ihr zentrales Ergebnis: Psychische Belastungen und psychiatrische Diagnosen waren in der untersuchten Gruppe schon vor dem Kontakt mit den spezialisierten Einrichtungen deutlich häufiger als in der Vergleichsbevölkerung – und die Inanspruchnahme psychiatrischer Versorgung nahm im Beobachtungszeitraum weiter zu. Das gelte, so die Studienautoren, insbesondere auch für Personen, die medizinische geschlechtsangleichende Maßnahmen erhalten hatten.

Das Ministerium ordnet den Befund allerdings vorsichtig ein: Es handle sich um eine Beobachtungs- beziehungsweise Registerstudie, nicht um eine randomisierte Interventionsstudie. Ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang – ob also die medizinischen Maßnahmen selbst die psychischen Belastungen verstärken – lasse sich daraus nicht ableiten. Zudem habe die Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung bestanden und nicht aus Jugendlichen mit vergleichbaren psychischen Belastungen.

Keine Gesetzesänderung in Sicht

Konsequenzen für die österreichische Rechtslage will Schumann aus der Studie vorerst keine ziehen. Die Ergebnisse einer einzelnen Beobachtungsstudie gäben „für sich allein keinen hinreichenden Anlass für eine isolierte Änderung der österreichischen Rechtslage”, heißt es in der Beantwortung. Man werde neue wissenschaftliche Erkenntnisse aber in die laufende fachliche Bewertung einbeziehen.

Der exxpress hatte zuletzt mehrfach über die Debatte rund um geschlechtsangleichende Behandlungen bei Minderjährigen berichtet – unter anderem über das Transgender Center Innsbruck, wo laut einem Bericht des Bioethik-Instituts IMABE rund ein Drittel der Patienten unter 18 Jahre alt ist. Während Länder wie Schweden, Großbritannien und Finnland ihren Kurs bei Minderjährigen zuletzt verschärft haben, bleibt die Frage offen, wie viele junge Menschen in Österreich überhaupt betroffen sind – und was mit ihnen nach den Eingriffen geschieht. Die Antwort des Ministeriums darauf lautet in weiten Teilen: Man weiß es nicht.