Der iranische Revolutionsführer Ali Khamenei ist tot. Ob in Europa oder den USA: Hunderttausende Exil-Iraner gingen vor Freude auf die Straße. In Los Angeles – der größten iranischen Gemeinde außerhalb Irans – skandierten sie: „Freiheit für Iran!“ und „Kein Ayatollah mehr!“

Kronprinz Reza Pahlavi, der älteste Sohn des letzten Schahs, fand drastische Worte: „Ali Khamenei, der blutdürstige Despot unserer Zeit, der Mörder von Zehntausenden der mutigsten Söhne und Töchter Irans, ist von der Bühne der Geschichte verschwunden.“ Die iranisch-amerikanische Kongressabgeordnete Yassamin Ansari erklärte: „Khamenei war die Verkörperung des Bösen.“

Im Islamischen Zentrum Imam Ali in Wien-Floridsdorf herrscht gänzlich andere Stimmung. Am Mittwoch wird eine offizielle Trauerfeier abgehalten. Auf Website, Telegram-Kanal und Facebook-Seite des Zentrums ist vom „Märtyrer“ die Rede. Von einer „hochverehrten religiösen Autorität“. Von einem „bedeutenden Führer“ – und von weiteren religiösen Ehrentiteln.

Im persischen Original deutlich schärfer

Die deutsche Website-Version ist an einer brisanten Stelle deutlich zurückhaltender. In der ursprünglichen persischen Fassung wird Khameneis „ungerechter Märtyrertod“ beklagt – „durch gewalttätige Terroristen, die Zwietracht säen und den Frieden bekämpfen“. In der deutschen Version? Kein Wort von „Terroristen“. Die „ungerechte Märtyrertötung“ bleibt.

Auch ein klassischer schiitischer Ehrentitel wird verwendet – sinngemäß: „Gottes Barmherzigkeit über ihm“ oder „möge sein Andenken geheiligt sein“. Solche Formulierungen sind hohen religiösen Autoritäten vorbehalten und gehen weit über eine bloße Kondolenz hinaus.

Überdies wird an anderer Stelle „allen Freiheitsliebenden und Muslimen der Welt Beileid ausgesprochen.“ Mit anderen Worten: Sein Tod sei ein Verlust für die gesamte freiheitsliebende Weltgemeinschaft.

Die Trauererklärung zitiert die Märtyrer-Sure 3:169. In der persischen Originalfassung heißt es zusätzlich, Khamenei sei „durch gewalttätige Terroristen, die Zwietracht säen und den Frieden bekämpfen“, getötet worden.izia.at/Screenshot

Religiöse Überhöhung

Khamenei wird nicht nur als „großer Märtyrer“ gewürdigt: Gott möge ihm „höchste Rangstufen“ gewähren, heißt es.

Zitiert werden klassische Märtyrer-Verse aus dem Koran, darunter Sure 3, Vers 169: „Und haltet diejenigen, die auf dem Weg Gottes getötet wurden, nicht für tot. Nein, sie leben bei ihrem Herrn und werden versorgt.“ Solche Verse werden im schiitischen Kontext traditionell bei Märtyrer-Gedenken verwendet. Auch sie sind keine neutrale Beileidsformel, sondern eine religiöse Verklärung des Todes.

Trauergrafik des Zentrums: Der arabische Schriftzug („O Hasan al-Mudschtabā / der Auserwählte“) ruft Imam Hasan an – Khameneis Tod wird damit in einen schiitisch-religiösen Gedenkrahmen gesetzt.izia.at/Screenshot

Die andere Seite der Bilanz

Während Khameneis 37-jähriger Herrschaft als Oberster Führer des Iran wurden unzählige Oppositionelle hingerichtet und Proteste brutal niedergeschlagen. Aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis gelangten massive Foltervorwürfe an die Öffentlichkeit. Frauen wurden wegen angeblich „unangemessener“ Kleidung verhaftet.

Nach dem Tod der 22-jährigen Kurden Mahsa Amini im Jahr 2022 – sie war wegen eines vermeintlichen Verstoßes gegen das Kopftuch-Gebot festgenommen worden – folgten die bis dahin größten Proteste der Geschichte der Islamischen Republik. Sicherheitskräfte gingen mit tödlicher Gewalt vor. Hunderte Menschen starben, Zehntausende wurden festgenommen. Berichten zufolge war die Niederschlagung der Demonstrationen seit Dezember 2025 noch blutiger.

„Infrastruktur des Terrors“

Auch außenpolitisch ist die Bilanz blutig. Unter Khamenei baute der Iran ein regionales Netzwerk bewaffneter Terrorgruppen auf – darunter Hisbollah im Libanon, Hamas in Gaza und Westjordanland, die Huthi-Miliz im Jemen sowie schiitische Milizen im Irak.

Ein argentinisches Gericht machte iranische Stellen für den Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA 1994 verantwortlich, der 85 Menschen tötete. Die USA führen den Iran seit 1984 offiziell als „Staatssponsor des Terrorismus“.

„Wir gehören Gott, und zu Ihm kehren wir zurück“ – darunter die Bezeichnung „Imam Khamenei, ein großer Märtyrer.“izia.at/Screenshot

Spur der Gewalt bis nach Europa

In Europa wurde dem iranischen Staat und seinen Proxys seit 1979 eine niedrige dreistellige Zahl von versuchten und erfolgreichen Anschlägen auf Dissidenten, Exilpolitiker sowie jüdische und israelische Einrichtungen zugerechnet, berichtet der Politologe Heiko Heinisch auf dem Online-Portal diekolumnisten.de.

Einer der bekanntesten Fälle: das Attentat auf vier kurdische Oppositionelle im Berliner Restaurant Mykonos 1992. Am 10. April 1997 wertete das Oberlandesgericht Berlin die Morde nach einem jahrelangen Mammutprozess als staatlich orchestrierte Tat, die bis in die höchsten Ebenen der iranischen Führung reichte. Die Richter beschrieben sie als gezielte „Liquidationsmaßnahme“ im Rahmen einer Strategie, Dissidenten auch im Ausland auszuschalten – ausgeführt von Tätern, die als Agenten des iranischen Staates handelten und vom iranischen Geheimdienst gestützt wurden.

Doch auch Wien hat ein dunkles Kapitel. Am 13. Juli 1989 wurden im dritten Wiener Gemeindebezirk drei kurdische Vertreter erschossen – darunter Abdul Rahman Ghassemlou, Chef der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran. Die Tat ereignete sich im Rahmen eines Treffens mit iranischen Vertretern. Der politische Skandal: Tatverdächtige konnten Österreich verlassen. Der Fall gilt bis heute als weitgehend ungesühnt.

Seit 2021 hat laut Sicherheitsberichten die Zahl vereitelter oder ausgeführter iranischer Anschlagspläne in Europa wieder deutlich zugenommen. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 spricht von 20 vom Iran unterstützten Anschlagsversuchen allein seit Jänner 2022 auf britischem Boden.

Ein Wiener Zentrum mit Draht nach Teheran

Das Islamische Zentrum Imam Ali ist keine kleine Hinterhof-Moschee, sondern eine institutionell verankerte Einrichtung mit dokumentiertem Iran-Bezug. 1992 kaufte die Islamische Republik Iran ein Gebäude in der Mollardgasse (1060 Wien) und nahm dort ihre Aktivitäten auf. 2001 erfolgte die offizielle Registrierung und Umbenennung. 2018 zog das Zentrum nach Floridsdorf (Richard-Neutra-Gasse 8) um. Die Eröffnung stand laut Berichten im Zusammenhang mit Feierlichkeiten zum Jubiläum der Islamischen Republik.

Mehrfach soll das Zentrum vom damaligen iranischen Außenminister Mohammad-Javad Zarif besucht worden sein. Ebenso soll dort regelmäßig der Jahrestag der Islamischen Revolution begangen werden.

Laut der iranischen Agentur Tasnim wurde die Leitung des Zentrums im Umfeld des Amtes des Obersten Führers bestimmt – also nicht in Wien, sondern in Teheran.