Neue, nun entsiegelte Dokumente aus den Epstein-Akten zeigen Donald Trump in einem anderen Licht. Die Enthüllungen passen schlecht zu dem Bild, das viele Medien später von Trumps Rolle im Epstein-Komplex zeichneten.

Demnach kontaktierte der heutige US-Präsident bereits 2006 aktiv die Polizei, als Ermittlungen gegen Jeffrey Epstein öffentlich wurden – deutlich früher als viele andere Prominente. Wie ABC News berichtet, sagte der damalige Polizeichef von Palm Beach, Michael Reiter, dem FBI 2019, Trump habe ihn persönlich angerufen und die Ermittlungen ausdrücklich begrüßt.

Laut dem FBI-Vermerk soll Trump gesagt haben: „Gut, dass ihr ihn stoppt – jeder wusste, was er treibt.“

Die Dokumente nennen zahlreiche prominente Namen aus Politik und Wirtschaft: Jeffrey Epstein mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton auf einer undatierten Aufnahme aus den freigegebenen Epstein-Akten. APA/AFP/US DEPARTMENT OF JUSTICE/Handout

Frühe Distanzierung – klare Worte

Aus dem FBI-Protokoll geht hervor, dass Trump Epstein unmissverständlich als „widerlich“ („disgusting“) bezeichnete. Darüber hinaus habe er erklärt, er habe Epstein aus Mar-a-Lago hinausgeworfen – dem exklusiven Privatclub und Anwesen von Trump in Palm Beach (Florida). Trump sagte demnach auch, er habe sich sofort zurückgezogen, als er Epstein einmal in Anwesenheit von Teenagern erlebt habe („ich bin sofort abgehauen“), und betonte, dass „die Leute in New York“ gewusst hätten, „wie Epstein war“.

Reiter sagte dem FBI auch, Trump sei „einer der allerersten“ gewesen, die sich bei der Polizei meldeten, sobald bekannt wurde, dass gegen Epstein ermittelt wird.

Trump warnte gezielt vor Ghislaine Maxwell

Besonders brisant: Trump habe in dem Telefonat Ghislaine Maxwell ausdrücklich ins Visier gerückt. Sie sei Epsteins „operative“, sagte Trump laut FBI-Protokoll, „sie ist böse – konzentriert euch auf sie.“

Damit zählt Trump zu den frühesten bekannten Prominenten, die Maxwell intern bei Ermittlern als Schlüsselfigur benannten – Jahre vor ihrer späteren Verurteilung.

Epstein mit Ghislaine Maxwell, vor der Trump schon früh warnte. IMAGO/Capital Pictures

Einordnung: FBI-Vermerk und interne Vorbehalte

Gleichzeitig halten US-Medien fest, dass es auch interne Vorbehalte gibt. Laut Miami Herald und Washington Examiner erklärte ein FBI-Vertreter, man sei nicht über unabhängige Belege informiert, die den Anruf aus dem Jahr 2006 zusätzlich bestätigen. Ein FBI-Mitarbeiter habe sogar bestritten, dass Trump Reiter damals kontaktiert habe. Der Vermerk stützt sich somit auf Reiters Aussage im FBI-Interview.

Wer ist Michael Reiter?

Der Name Reiters ist in der veröffentlichten DOJ-Version des Dokuments geschwärzt. Wie Miami Herald berichtet, handelt es sich jedoch eindeutig um den früheren Polizeichef von Palm Beach. Reiter leitete ab 2005 die erste große polizeiliche Untersuchung gegen Epstein, bei der es um den Vorwurf ging, Mädchen ab 14 Jahren für sexuelle Handlungen rekrutiert zu haben.

Der vierseitige FBI-Bericht basiert auf Reiters Aussage vom Oktober 2019, zwei Monate nach Epsteins Tod. Der Bericht selbst wurde erst im April 2020 offiziell abgelegt – ein Grund, warum diese Details erst jetzt publik werden.

Epstein starb 2019 in Untersuchungshaft, während Ermittlungen wegen Sexhandels liefen.APA/AFP/ US Department of Justice/Handout

Warum das FBI 2019 einschritt

Reiter bestätigte dem Miami Herald, dass das Gespräch mit Trump im Juli 2006 stattfand – genau zu jenem Zeitpunkt, als Epsteins erste Sex-Anklage öffentlich wurde. 2019 kamen FBI-Agenten nach Palm Beach, um zwei Kisten mit Epstein-Akten abzuholen, die im Haus des verstorbenen Hauptermittlers Joe Recarey gefunden worden waren.

In einer der Kisten befand sich laut FBI-Vermerk auch eine Image-Kopie eines Laptops aus Epsteins Haus, auf dem sich Telefonnachrichten befanden, die Reiter nach eigenen Angaben zuvor nicht kannte.

Epstein als „Freund der Polizei“?

Brisant ist auch, was Reiter über Epsteins Verhalten während der Ermittlungen schilderte. Demnach versuchte Epstein offenbar, sich als Unterstützer der Polizei zu präsentieren: 40.000 Dollar für ein Gerät zur Auswertung von Überwachungsvideos, ein 90.000-Dollar-Scheck für ein Fingerabdrucksystem (nie eingelöst), sowie überdurchschnittliche Spenden an einen Polizei-Stipendienfonds für Kinder.

Als Reiter intern nach Epstein fragte, sei ihm gesagt worden, Epstein sei „ein wichtiger Mann“, der die Polizei unterstütze.

Anti-Trump-Protest in London mit einem Plakat von Epstein und Trump. Doch neue FBI-Dokumente belegen Trumps frühe Distanzierung von Epstein.GETTYIMAGES/Vuk Valcic/SOPA Images/LightRocket

Ermittlungen ab 2003 – und warum sie scheiterten

Laut Reiter wurde die Palm-Beach-Polizei bereits 2003 auf Epstein aufmerksam, nachdem junge Frauen in sein Haus ein und aus gingen. Nach Identitätsprüfungen stellte sich zunächst heraus, dass es sich um Erwachsene handelte – der Fall wurde geschlossen.

Der Wendepunkt kam im März 2005: Eine Frau meldete, ihre 14-jährige Stieftochter sei von Epstein missbraucht worden. In den folgenden Ermittlungen schilderten mehrere Mädchen nahezu identische Abläufe: Rekrutierung über andere Schülerinnen für „Massagen“, die in sexuellen Übergriffen endeten – teils bis hin zu Vergewaltigungen.

Reiter berichtete dem FBI von Observationen, bei denen präpubertäre Kinder mit Zahnspangen und Schulrucksäcken aus dem Haus kamen; Mitarbeiter hätten von Dutzenden Mädchen an einzelnen Tagen gesprochen.

Blockade durch Justiz – und der Acosta-Moment

Trotz der Beweise kam es laut Reiter zum offenen Konflikt mit der Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Barry Krischer habe polizeiliche Schritte 2006 ausgebremst. Reiter forderte ihn sogar schriftlich auf, sich für befangen zu erklären – ohne Erfolg. Daraufhin brachte Reiter den Fall zur Bundesebene.

In einem Treffen mit dem damaligen US-Staatsanwalt und späteren Arbeitsminister Alex Acosta habe dieser erklärt, die Verteidigung habe die Ermittler „frustriert“ und es gebe „hohes Interesse von ganz oben“. Reiter gewann den Eindruck, es habe eine Eile gegeben, den Fall verschwinden zu lassen. Kurz darauf erfuhr er aus dem Fernsehen von Epsteins Deal samt Bundesimmunität: Jeffrey Epstein wurde zwar zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt, durfte das Gefängnis aber fast täglich verlassen, um zu arbeiten.

Bill Gates und Prinz Andrew auf einer Aufnahme aus dem Umfeld Jeffrey Epsteins, veröffentlicht vom House Oversight Committee.APA/AFP/House Oversight Democrats/HANDOUT

Millionen Akten – und bekannte Namen

Das US-Justizministerium veröffentlichte Ende Jänner rund drei Millionen Seiten aus dem Epstein-Komplex. Laut New York Times wird Trump darin mehr als 38.000-malerwähnt – vor allem wegen seiner früheren gesellschaftlichen Bekanntschaft mit Epstein, nicht wegen strafrechtlicher Vorwürfe.

Die Akten zeigen zudem: Trump und Epstein bewegten sich seit den 1980ern im selben Society-Milieu, das Verhältnis kühlte sich in den 2000ern ab, Epstein wurde 2007 aus Mar-a-Lago ausgeschlossen, nachdem er versucht haben soll, Mitarbeiterinnen abzuwerben. Das passt zu dem, was Michael Reiter über Trumps Verhältnis zu Epstein berichtet.

Ein anonymes Opfer erklärte zudem, ihr sei Trump bei einer Party vorgestellt worden – betonte aber ausdrücklich, dass „nichts passiert“ sei.

Widersprüche, Emails – und der aktuelle Trigger

US-Medien weisen darauf hin, dass Trumps angebliche Aussagen aus 2006 im Kontrast zu seinen öffentlichen Erklärungen von Juli 2019 stehen, als er sagte: „Nein, ich hatte keine Ahnung.“

Hinzu kommt ein 2019 verfasste Epstein-Email, in dem der Financier behauptete, Trump habe „natürlich gewusst“ und Maxwell gebeten, „damit aufzuhören“ – eine unbelegte Behauptung, die jedoch als Dokument Teil der Akten ist.

Neue Aufmerksamkeit erhielt der Fall zuletzt, weil Ghislaine Maxwell vor einem Kongressausschuss die Aussage verweigerte (Fifth Amendment). Ihr Anwalt erklärte, sie sei bereit, „vollständig und ehrlich zu sprechen“, wenn Präsident Trump ihr Begnadigung gewähre. Trump hat sich dazu bislang nicht festgelegt.

Fest steht: Die Aussage des damals zuständigen Polizeichefs verschiebt die bisherige öffentliche Erzählung über Trumps Rolle im Epstein-Komplex spürbar, der und politisch hoch brisant bleibt.