Türkenbelagerung: SPÖ nennt Denkmal für „Retter Wiens“ islamfeindlich
Die Debatte um 1683 spaltet den Wiener Gemeinderat. SPÖ-Politikerin Aslıhan Bozatemur lehnt ein Denkmal für Jan III. Sobieski ab, den Anführer des damaligen Entsatzheeres. Sie warnt vor „Islamfeindlichkeit“ und „antitürkischer Stimmung“. FPÖ und ÖVP sprechen von Geschichtsverleugnung.
Aslihan Bozatemur (SPÖ) gilt als bestens verankert in der türkischen Community. Ein Denkmal für Sobieski, das in Danzig bereits steht, lehnt sie für Wien ab.GETTYIMAGES/fhm/Facebook/Aslihan Bozatemur/Screenshot
Die Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin Aslıhan Bozatemur stellt sich gegen ein geplantes Denkmal für Jan III. Sobieski in Wien. In einem Facebook-Posting erklärte sie: „In Wien gibt es keinen Platz für ein Denkmal, das Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit oder antitürkische Stimmung fördert.“
Gedenkstätten müssten „den historischen Kontext vielfältig und ausgewogen präsentieren“ und dürften nicht „zu einem Werkzeug werden, das den Boden für Diskriminierung und Ausgrenzung bereitet“, erklärt Bozatemur.
SPÖ lehnt „heroisierendes“ Denkmal ab
FPÖ und ÖVP fordern seit Jahren die Errichtung eines Sobieski-Denkmals – unter anderem am Kahlenberg. Die SPÖ lehnte entsprechende Anträge im Wiener Gemeinderat ab, auch bei der jüngsten Sitzung. Bozatemur spricht aus diesem Anlass von einem „heroisierenden Sobieski-Denkmal“ und erklärt: „Ein Denkmal, das zu Diskriminierung führt oder Hass schürt, hat in Wien keinen Platz.“
Dafür erntet sie scharfe Kritik von Freiheitlichen und Volkspartei.
FPÖ: „Geschichtsvergessenheit“
Die FPÖ reagiert scharf. Maximilian Krauss, Klubobmann der FPÖ Wien, erklärt gegenüber dem exxpress: „Die Aussagen der SPÖ-Abgeordneten sind an Geschichtsvergessenheit und ideologischer Verblendung kaum zu überbieten. Johann III. Sobieski war der Befreier Wiens – ohne seinen Einsatz gäbe es das Wien, wie wir es heute kennen, in dieser Form nicht. Ihm ein Denkmal zu widmen, ist eine Selbstverständlichkeit und kein Akt der ‚Diskriminierung‘.“
Und weiter: „Dass die SPÖ allen Ernstes versucht, die Erinnerung an die Befreiung Wiens als ‚fremdenfeindlich‘ oder ‚islamfeindlich‘ zu brandmarken, zeigt, wie weit sie sich von der eigenen Geschichte entfernt hat.“ Krauss wirft der SPÖ vor, „vor falscher Political Correctness einzuknicken“.
ÖVP: „Das hat akzeptiert zu werden“
Auch ÖVP- Landtagsabgeordnete Caroline Hungerländer widerspricht deutlich. Gegenüber dem exxpress sagt sie: „Integration bedeutet auch, sich in die Geschichte und Kultur eines Landes zu integrieren. Wir sind in Wien, die Abwehr der Türkenbelagerung ist Teil der Geschichte Wiens. Das hat akzeptiert zu werden.“
Und weiter: „Im Sinne von Nichtdiskriminierung und Frieden wäre die Stadt gut beraten, die dramatischen Integrationsprobleme in den Griff zu bekommen, anstatt die Geschichte unserer Stadt dem Cancelling preiszugeben.“
Wer war Sobieski wirklich?
Historisch gilt: Jan III. Sobieski war für Wien militärisch entscheidend, politisch strategisch prägend – und später symbolisch überhöht.
Ohne den Entsatz am 12. September 1683 wäre Wien nach rund zwei Monaten Belagerung sehr wahrscheinlich gefallen oder hätte kapitulieren müssen. Massive Schäden, Erschöpfung und permanenter Druck durch Minen und Sturmangriffe hatten die Stadt an den Rand gebracht. Die Schlacht am Kahlenberg war der Kipppunkt.
Gleichzeitig war Sobieski nicht der „alleinige Retter“. Wien hielt so lange dank der Verteidigung unter Ernst Rüdiger von Starhemberg, der Garnison und der Bürger. Der Sieg war koalitionär – kaiserliche, bayerische, sächsische und weitere Truppen spielten zentrale Rollen. Sobieskis besondere Bedeutung lag in der polnischen Schlagkraft – insbesondere der schweren Husaren – und in seiner Autorität, ein heterogenes Bündnisheer effektiv zu führen.
Der Sieg markierte zudem eine strategische Wende im Großen Türkenkrieg. Aus einer defensiven Notlage wurde eine längerfristige Gegenoffensive der Habsburger und ihrer Verbündeten. Politisch ebnete 1683 den Weg zur späteren „Heiligen Liga“.
In der Erinnerungskultur wurde Sobieski stark als „Retter Wiens“ stilisiert – eine Verkürzung, aber nicht ohne historischen Kern, denn: Ohne Starhemberg kein Wien zum Entsetzen – ohne Sobieski sehr wahrscheinlich kein rechtzeitiger Entsatz.
Anfrage blieb unbeantwortet
Eine inhaltliche exxpress-Anfrage an Bozatemur zur historischer Einordnung Sobieskis blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Gefragt wurde unter anderem, wie sie die Rolle Sobieskis 1683 konkret bewertet, ob sie ihn als problematische Symbolfigur einstuft oder lediglich eine politische Instrumentalisierung kritisiert, und woran sie festmacht, wann ein Denkmal „Hass schürt“.
Bozatemur erntete in der Vergangenheit bereits mediale Kritik, weil ihr Kontakte in AKP-nahe Milieus zugeschrieben werden, von einem politischen Umfeld, das „stark an der Türkei des islamisch-nationalistischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan orientiert“ sei, spricht das Profil. Bozatemur hat überdies an einer Veranstaltung der Türkischen Föderation, die als Auslandsvertretung der rechtsextremen MHP gilt, teilgenommen, berichteten Medien.
Auch damit wurde die SPÖ-Politikerin konfrontiert. Bis 17:00 Uhr lag keine Stellungnahme vor. Sollte diese nachgereicht werden, wird sie ergänzt.
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