Urlaubsland Syrien? Damaskus wirbt um Touristen – bei uns bleibt es Asylland
Syrien wirbt auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin offensiv um europäische Urlauber. Gleichzeitig bleiben hunderttausende Syrer in Österreich und anderen EU-Staaten – viele weiterhin im Sozialsystem. Internationale Behörden sehen sinkende Risiken, Millionen kehren zurück. Doch bei uns bleibt Syrien Asylland.
Freizeit am Meer: Bilder wie diese sollen zeigen, dass Syrien wieder „sicher“ ist.APA/AFP/Omar HAJ KADOUR
„Syrien ist ein sicheres Land geworden“: Genau dieses Bild zeichnet derzeit die syrische Regierung. Auf der ITB in Berlin warb sie offensiv um Besucher aus Europa. „Deutsche Touristen sind bei uns herzlich willkommen“, erklärte der syrische Vize-Tourismusminister Faraj al-Qashqoush laut Focus. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete, der syrische Pavillon habe auf der Messe „großes Interesse“ ausgelöst.
Noch deutlicher wurde ein syrischer Reiseleiter. „Syrien ist wieder sicher. Millionen Einwohner leben dort ein ganz normales Leben“, sagte Hassan al-Kharat. Und er fügte hinzu: „Die Leute brauchen keine Angst zu haben.“
Österreich warnt – und baut gleichzeitig Rückführungen auf
Offiziell hält Österreich dennoch an einer strikten Reisewarnung fest. Das Außenministerium führt seit 2011 für ganz Syrien die höchste Warnstufe. Die persönliche Sicherheit könne nicht gewährleistet werden.
Doch parallel dazu zeigt die Innenpolitik längst ein anderes Bild. Seit 2024 baut Österreich schrittweise Rückführungsstrukturen für Syrer auf. Die zentrale Erkenntnis aus offiziellen Dokumenten ist eindeutig: Rückkehr ist nicht mehr bloß Theorie, sondern administrativ vorbereitet und teilweise bereits umgesetzt.
Der Wendepunkt kommt aus Brüssel
Besonders brisant ist die Neubewertung der EU-Asylagentur. In ihrer Länderanalyse vom Dezember 2025 heißt es: In keinem Gebiet Syriens wird ein hohes Maß an wahlloser Gewalt festgestellt. Für die Provinz Damaskus wird sogar ausdrücklich festgehalten, dass kein echtes Risiko besteht, als Zivilperson betroffen zu sein.
Diese Einschätzung hat weitreichende Folgen. Denn genau die Annahme einer allgemeinen Gefahr war über Jahre die Grundlage tausender Schutzentscheidungen. Fällt sie weg, wird Asyl wieder zur Einzelfall-Frage.
Rückkehr findet längst statt – nur nicht aus Europa
Dazu kommt eine Zahl, die politisch kaum zu ignorieren ist. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit Dezember 2024 mehr als 1,5 Millionen Menschen aus dem Ausland nach Syrien zurückgekehrt. Diese Entwicklung widerlegt ein zentrales Argument der vergangenen Jahre: dass Rückkehr praktisch nicht stattfindet.
Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer. Diese Rückkehrbewegung erfolgt vor allem aus den Nachbarstaaten – während Europa weiterhin die Ausnahme bleibt.
Das System dahinter: Druck, Geld und Abschiebung
Österreich hat begonnen, den Schutzstatus zu überprüfen und Verfahren teilweise ausgesetzt. Gleichzeitig werden finanzielle Anreize geschaffen: Rückkehrwillige können bis zu 1.000 Euro erhalten, ergänzt durch Reintegrationsprogramme.
Parallel dazu wurde die praktische Durchführbarkeit bereits nachgewiesen. Erste Abschiebungen nach Syrien – bisher von Straftätern – haben stattgefunden, und es wurden direkte Kontakte zu den Behörden in Damaskus aufgebaut. Rückkehr wird vorbereitet.
Abschiebungen sind keine Theorie mehr
Künftig sollen Abschiebungen nicht mehr auf Einzelfälle beschränkt bleiben. Ziel ist es, sie schrittweise in reguläre Verfahren zu überführen.
Auch auf diplomatischer Ebene hat sich etwas verändert. Im April 2025 kam es zu einem Treffen mit dem syrischen Innenminister, bei dem ausdrücklich über freiwillige Rückkehr und Zwangsabschiebungen gesprochen wurde. Damit existiert erstmals seit Jahren wieder ein operativer Rückführungskanal.
Rückkehr ist auch praktisch wieder möglich
Auch die praktische Seite hat sich verändert. Internationale Berichte zeigen, dass der Flughafen Damaskus wieder für internationale Flüge genutzt wird. Zudem stehen mehrere offizielle Grenzübergänge offen.
Damit entfällt ein weiteres Argument gegen Rückführungen: die angebliche Unmöglichkeit der Rückreise.
Zentrale Fluchtgründe verlieren an Gewicht
Ein besonders sensibler Punkt betrifft die Wehrpflicht. Laut dänischen Behörden wurde sie abgeschafft, und es gibt keine Berichte über Zwangsrekrutierungen. Damit verliert ein klassisches Asylargument erheblich an Bedeutung.
Schutz ist rechtlich nicht dauerhaft
Das österreichische Asylrecht ist in dieser Frage eindeutig. Wenn sich die Verhältnisse im Herkunftsland wesentlich und dauerhaft ändern, kann der Schutzstatus entzogen werden. Ein solcher Entzug führt in der Regel zur Aufenthaltsbeendigung, sofern kein anderes Aufenthaltsrecht besteht.
Hinzu kommt eine weitere brisante Dimension: Wer wieder mit seinem Heimatstaat interagiert, etwa durch Dokumente oder Reisen, kann seinen Schutzanspruch verlieren.
Der Widerspruch bleibt bestehen
Die Fakten liegen offen auf dem Tisch. Syrien wirbt um Touristen, internationale Organisationen dokumentieren Massenrückkehr, europäische Behörden sehen sinkende Risiken, und Österreich baut aktiv Rückführungsstrukturen auf.
Gleichzeitig bleibt der Schutzstatus für viele Syrer in Europa unverändert bestehen. Doch die Grundlagen der bisherigen Asylpraxis schwinden zunehmend. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob sich die Lage in Syrien verändert hat. Sondern warum diese Veränderung in der europäischen Asylpolitik bislang nur teilweise angekommen ist.
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