Von der Leyen warnte vor AKW – jetzt nennt sie den Atomausstieg einen Fehler
Nach Fukushima warnte Ursula von der Leyen eindringlich vor den Risiken der Atomkraft. Sie stellte sich demonstrativ hinter Merkels Atomausstieg. Heute nennt die EU-Chefin genau diesen Kurs einen „strategischen Fehler“. Ihre schärfsten Anti-Atom-Zitate von damals klingen wie aus einer anderen Welt.
Die Politik müsse beweisen, wie ernst sie es mit dem Atomausstieg meint. Das sagte die heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen nach Fukushima.APA/AFP/FREDERICK FLORIN
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sorgt mit einer bemerkenswerten Kehrtwende für Aufsehen. Beim Gipfel der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Paris erklärte sie, Europas Abkehr von der Kernenergie sei rückblickend ein Fehler gewesen. „1990 kam ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie. Heute sind es nur noch knapp 15 Prozent“, sagte von der Leyen. Diese Entwicklung sei eine politische Entscheidung gewesen – und im Rückblick „ein strategischer Fehler“.
Europa habe sich damit von einer „zuverlässigen, erschwinglichen Quelle emissionsarmer Energie“ verabschiedet. Kernkraft liefere Strom „rund um die Uhr“ – anders als die „volatilen“ Energiequellen Wind und Sonne.
Passend dazu kündigte die Kommissionspräsidentin ein EU-Programm über 200 Millionen Euro an, das private Investitionen in innovative Nukleartechnologien absichern soll. „Kernreaktoren der nächsten Generation könnten zu einem europäischen Hightech-Export werden“, sagte sie. Europa könne wieder zum globalen Technologieführer in der Nukleartechnik werden.
Ihre eigenen Worte von 2011 klingen heute völlig anders
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick zurück ins Jahr 2011. Nach der Fukushima-Katastrophe schlug von der Leyen völlig andere Töne gegenüber der Kernenergie an. Die damalige Arbeitsministerin im Kabinett von Angela Merkel räumte ein, die CDU habe „die volle Dringlichkeit der notwendigen Energiewende“ unterschätzt.
Sie beließ es nicht mit Worten. Den Kurs des damaligen Umweltministers Norbert Röttgen (CDU), der einen schnelleren Ausstieg aus der Kernenergie forderte, unterstützte sie ausdrücklich. „Ich werde ihn voll und ganz unterstützen.“
Fukushima habe das Vertrauen in die Atomtechnik erschüttert, erklärte sie. Eine Katastrophe wie in Japan hätten viele Politiker – „wie ich auch“ – nicht für möglich gehalten. Besonders drastisch formulierte sie die Gefahr der Technologie: „Das Undenkbare ist möglich geworden: der GAU in einem Land der Hochtechnologie.“
„Fukushima wird Konsequenzen für mehrere Generationen haben.“
Ihre damalige Abrechnung mit der Atomkraft war deutlich. Fukushima sei ein „Wendepunkt“ gewesen, sagte sie – nicht nur für die CDU. Dass eine solche Katastrophe in einem Hochtechnologieland wie Japan passieren konnte, habe „unser Vertrauen in die Technologie stark erschüttert“.
Die Folgen würden nach ihren Worten noch lange nachwirken: „Fukushima wird Konsequenzen für mehrere Generationen haben.“ Deshalb müsse man sich „von alten Gewissheiten verabschieden, auch wenn es schwerfällt“.
„Müssen beweisen, wie ernst wir es meinen“
Ursula von der Leyen sprach von einem „Ausstieg mit Augenmaß“ und machte klar, dass dieser Kurs ernst gemeint sei. Und: Die Politik müsse nun beweisen, „wie ernst wir es meinen“ mit dem Abschied von der Kernenergie.
Auch die finanziellen Altlasten der Atomkraft hob sie hervor. Die Brennelementesteuer müsse bleiben, argumentierte sie damals, weil die Kosten für Endlagerung und Sanierung weiterliefen. „Diese Lasten bleiben ja trotz Umstieg.“
Ironie der Geschichte: Merkel setzte den Ausstieg durch
Bemerkenswert ist der Kurswechsel auch deshalb, weil von der Leyens politische Mentorin Angela Merkel 2011 nach der Fukushima-Katastrophe den deutschen Atomausstieg durchsetzte. Merkel soll später auch maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass von der Leyen 2019 erstmals Präsidentin der Europäischen Kommission wurde.
Jenen energiepolitischen Kurs also, den von der Leyen damals unterstützte, bezeichnet sie heute selbst als Fehler.
Deutschland ging besonders weit beim Atomausstieg
Deutschland zog nach Fukushima besonders drastische Konsequenzen. 2010 erzeugten deutsche Kernkraftwerke noch rund 140 Terawattstunden Strom – fast ein Viertel der gesamten Stromproduktion. Bis 2024 wurden jedoch alle Reaktoren endgültig abgeschaltet – und in vielen Fällen bereits zurückgebaut.
Während Deutschland ausstieg, halten andere europäische Staaten weiterhin an der Kernenergie fest oder bauen sie sogar aus. Frankreich, Schweden und mehrere osteuropäische Länder sehen Atomkraft weiterhin als wichtigen Teil ihrer Energieversorgung.
Auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete den Atomausstieg Anfang 2026 als „großen Fehler“ für Wirtschaft und Energiepolitik.
Atomdebatte gewinnt in Europa wieder an Fahrt
Der Sprecher der pro-nuklearen Organisation Nuklearia, Niels Harksen, sieht in von der Leyens Aussagen ein Zeichen für eine politische Trendwende. Der Atomausstieg werde zunehmend als Fehler erkannt, sagte er. Einige stillgelegte deutsche Atomkraftwerke könnten seiner Ansicht nach sogar wieder repariert und reaktiviert werden – schneller und günstiger als ein kompletter Neubau.
Deutschland gehörte übrigens nicht zu den rund 40 Staaten, die an dem Atomgipfel der Internationalen Atomenergie-Organisation in Paris teilnahmen.
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