Eine Welle der Gewalt gegen Christen erschüttert eine syrische Stadt: In der Nacht vom Freitag auf Samstag kam es in der mehrheitlich christlichen Stadt Suqailabiyya in der syrischen Provinz Hama zu schweren Übergriffen. Bewaffnete Gruppen drangen in den Ort ein, plünderten Geschäfte und verbreiteten Angst unter der Bevölkerung.

Augenzeugen berichten von chaotischen Szenen: Cafés, Restaurants, Getränkemärkte und Bekleidungsgeschäfte wurden verwüstet, Zivilisten bedroht, Frauen belästigt Auch Autos wurden angezündet. Das berichtet die christliche Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), die sich auf das Online-Nachrichtenportal Syriac Press beruft.

Eskalation nach Belästigung von Mädchen

Laut Syriac Press begann der Vorfall mit einem Zwischenfall: Männer auf Motorrädern aus Qalaat al-Madiq, einer Stadt, in der überwiegend sunnitische Muslime leben, sollen christliche Mädchen belästigt haben.

Die Situation eskalierte schnell – es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen den Angreifern und Jugendlichen aus der Stadt. Einer der Angreifer soll sogar eine Handgranate gezogen und die Anwesenden bedroht haben, bevor beide zunächst flüchteten.

Doch wenig später kehrten sie zurück – diesmal in Begleitung von Sicherheitspatrouillen. Kurz darauf drang eine größere Gruppe bewaffneter Männer in die Stadt ein, feuerte mit scharfer Munition und sprach Morddrohungen aus.

Christen gehen auf die Straße und fordert Solidarität

Um Mittenacht hatten die staatlichen Sicherheitskräfte die Lage noch immer nicht im Griff. Erst mit Verstärkung aus umliegenden Orten konnte die Ordnung teilweise wiederhergestellt werden – festgenommen wurden jedoch nicht die Angreifer, sondern vier junge Männer aus Suqailabiyya.

Zwischen etwa 1:00 und 3:30 Uhr morgens hielten die Einwohner der Stadt einen Sitzstreik ab, der angeblich zur Freilassung der vier Festgenommenen führte.

Sicherheitskräfte des Al-Scharaa-Regimes sollen beteiligt gewesen sein

Besonders brisant: Anwohner berichten, dass Sicherheitskräfte des Regimes von Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa während den Verwüstungen von Cafés und Shops entweder nicht eingegriffen oder sogar aktiv mitgewirkt haben sollen.

Auch die European Syriac Union (ESU), die sich für syrisch-christliche Minderheiten in Europa einsetzt, erhebt schwere Vorwürfe. In einer Stellungnahme heißt es:

„Die Situation stellt eine ernsthafte Bedrohung für die lokale Bevölkerung sowie für ethnische und religiöse Gemeinschaften dar. Sie ist Teil eines umfassenderen Musters von Vorfällen seit dem Machtantritt von Al Sharaa und verstärkt die Wahrnehmung eines zunehmenden systematischen Drucks auf die syrisch-christliche Bevölkerung.“

Auch die ESU betont, dass die Täter nicht allein von „außen“ gekommen seien, sondern mit den lokalen Sicherheitskräften kooperiert hätten.

Die European Syriac Union (ESU) richtet einen Appell an europäische Länder, angesichts der Gewalt gegen christliche Bürger ihre Unterstützung der syrischen Regierung zu überdenken.Screenshot X @esu_int

Palmsonntagsprozessionen abgesagt

Laut Videos, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiteten, organisierten zahlreiche Christen in mehreren syrischen Städten Kundgebungen vor Kirchen, um ihre Solidarität mit den Bewohnern von Suqailabiyya zu bekunden.

In Reaktion auf den Angriff sagten die katholischen Kirchen in Damaskus ihre geplanten Palmsonntagsprozessionen ab. Dem griechisch-katholischen Patriarchat in Antiochia zufolge hätten die Kirchen beschlossen, die Osterfeierlichkeiten auf Gottesdienste im Inneren der Gebäude zu beschränken. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Antiochia verurteilt die Vorfälle und fordert Ermittlungen.

Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien verurteilen die jüngsten Attacken auf Christen und fordern umfassende Aufklärung.Screenshot X @IhabHassane

Racheaktion, weil Christen sich gegen IS zur Wehr setzten?

Suqailabiyya und die nahegelegenen Stadt Mhardeh waren im Syrienkrieg häufiger Schauplatz von Angriffen der Dschihadisten der Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) aus der Provinz Idlib, wie CSI berichtet.

Damals verteidigten sich die beiden christlichen Gemeinden erfolgreich gegen die HTS-Dschihadisten– jener islamistischen Gruppe, die von Achmed al-Scharaa geführt wurde.

 Die christliche Hilfsorganisation CSI spricht von einer möglichen „offenen Rechnung“: Die beiden Städte waren nie strategisch entscheidend – sondern wurden gezielt wegen ihrer christlichen Bevölkerung attackiert. Der Widerstand der Einwohner während des Krieges könnte den Angreifern bis heute im Gedächtnis geblieben sein.

Christlicher Bürgermeister seit al-Scharaas Machtübernahme in Gefängnis

Der Fall erinnert an den christlichen Bürgermeister Suleyman Khalil, der sein Dorf Sadad 2015 gegen Angreifer des Islamischen Staats (IS) verteidigte. Seit Februar 2025, also kurz nach der Machtübernahme al-Scharaas, sitzt er ohne Anklage im Gefängnis. Khalils Verhaftung wird von einigen Beobachtern als späte Rache an einer christlichen Führungsperson gewertet, die sich in der Verteidigung gegen den IS besonders hervorgetan hatte.

Ein Tag nach den Attacken: Al-Scharaa in Berlin

Die Ereignisse in Syrien erhalten zusätzliche politische Brisanz: Am Montag traf Syriens Übergangspräsident al-Scharaa zu seinem ersten Staatsbesuch in Deutschland ein. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing ihn im Schloss Bellevue in Berlin. Die Hauptstadt war am Montag weiträumig abgesichert, Straßen sind gesperrt, rund um Regierungsgebäude gelten zeitweise Versammlungsverbote.

Für den islamistischen Ex-HTS-Terroristen und jetzigen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa wird in Berlin der rote Teppich ausgerollt. Hier mit Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.IMAGO/Zukunftsbild

Kritische Stimmen aus Politik und Gesellschaft

Der israelisch-deutsche Psychologe und Islamismus-Kritiker Ahmad Mansour kommentierte den Besuch auf X mit folgenden Worten: „Letzte Woche noch Völkerrecht beschworen – heute empfängt Frank-Walter Steinmeier den durch Terror und Islamismus bekannt gewordenen Abu Mohammad al-Jolani“. Abu Mohammad al-Jolani ist der Kampfname des syrischen Präsidenten aus seiner Zeit als HTS-Anführer.

Der deutsch-israelische Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour weist darauf hin, dass al-Scharaa früher Teil des Terrornetzwerks al-Quaida war.Screenshot X @AhmadMansour__

Schon am Sonntag war al-Scharaa bei einem Auftritt vor Anhängern in Berlin gefeiert worden: In einem Saal des Luxushotels Ritz-Carlton skandierten Teilnehmer lautstark „Allahu Akbar!“ und applaudierten dem 43-Jährigen (der exxpress berichtete).

Der Besuch, der eigentlich schon im Jänner stattfinden sollte, wird von Protesten begleitet. Es sind mehrere Demonstrationen mit insgesamt rund 5.000 Teilnehmern angemeldet.

Auf den sozialen Medien kursieren unzählige Videos von in Deutschland lebenden Syriern, die freudig mit syrischen Flaggen und arabischer Musik durch Berlins Straßen ziehen und die Ankunft des Präsidenten feiern.

Viele prominente Stimmen aus Politik, Medien und Gesellschaft sehen die Aufmärsche zur Feier des syrischen Präsidenten kritisch.

Die ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar (heute parteilos) schreibt auf X: „Überall Jubelszenen in Berlin für den Terroristen. Wenn sie so begeistert sind von ihrem neuen Anführer, wieso begleiten sie ihn nicht nach Hause?“

Der bekannte österreichische Anwalt Sascha Flatz spricht die Situation der Christen in Syrien an: „Das muss man sich mal vorstellen, da begrüßen hunderte Syrer in Deutschland einen Islamisten der gerade in Syrien die Christen abschlachten lässt. (…)“

Kurden demonstrieren gegen den Staatsbesuch

Die Kurdische Gemeinde in Berlin hat gegen den Staatsbesuch demonstriert. Fotos auf X zeigen mehrere Dutzend Menschen, die Montagmittag vor dem deutschen Reichstag mit kurdischen Flaggen gegen den Empfang al-Scharaas zusammengekommen sind. In einer Stellungnahme der Kurdischen Gemeinde auf X steht: „Es beschämt, dass Deutschland einen Mann wie al-Sharaa, besser bekannt als al-Jolani, in Berlin den roten Teppich ausrollt. Seine politische Herkunft liegt im Kern des globalen Dschihadismus“. Sein Name sei „untrennbar mit Anschlägen, Entführungen und gezielter Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verbunden“.

Kurden sind die größte ethnische Minderheit in Syrien. Sie machen etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung aus.

Merz: „nun keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland“

Am Montagnachmittag gab Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gemeinsam mit al-Scharaa eine Pressekonferenz (der exxpress berichtete). Deutschland und Syrien seien sich einig geworden, die Rückkehr syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat zu beschleunigen, wie NIUS berichtet. Dazu habe man eine „gemeinsame Taskforce“ beschlossen – und eine Delegationsreise nach Syrien.

Merz hatte bereits im vergangenen November verkündet, der Bürgerkrieg in Syrien sei zu Ende. Es gebe „nun keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland“. Vor diesem Hintergrund will Merz nun den Schutzbedarf syrischer Flüchtlinge neu bewerten, denn: Die Rahmenbedingungen in Syrien hätten sich seit dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad „grundlegend verbessert“.

Wer keinen Anspruch mehr auf einen Aufenthalt in Deutschland habe, müsse das Land verlassen. Das gelte besonders für jene, „die unsere Gastfreundschaft missbrauchen“.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Syriens Interimspräsident Ahmed al-Scharaa bei der Pressekonferenz am Montag in Berlin.IMAGO/Funke Foto Services

80 Prozent der Syrer in Deutschland sollen nach Hause geschickt werden

Der Kanzler hält es für realistisch, „80 Prozent“ der mehr als 900.000 syrischen Flüchtlinge in Deutschlandwieder nach Hause zu schicken. „In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre, das ist auch der Wunsch von Präsident Scharaa gewesen, sollen rund 80 Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden Syrerinnen und Syrer zurück in ihr Heimatland kehren“, sagte er am Montag. „Viele werden zu Hause gebraucht“, sagte der CDU-Politiker. Der Kanzler wies aber darauf hin, dass etwa Ärzte oder Ingenieure aus Syrien bleiben können. „Der Bürgerkrieg ist zu Ende. Es gibt jetzt grundsätzlich die Perspektive, in das Heimatland zurückzukehren“, sagte der Kanzler.

Darüber hinaus wolle Deutschland den Wiederaufbau des Landes unterstützen. Merz stellte 200 Millionen Euro für den Ausbau der Wasserversorgung, Krankenhäuser und Berufsschulen zur Verfügung. „Auf die Unterstützung Deutschlands (…) können Sie zählen.“

Zum Schluss seiner Rede wandte sich der Kanzler an al-Scharaa: „Schaffen Sie im neuen Syrien einen Raum für alle!“ Viele gemeinsame Projekte seien von der Rechtsstaatlichkeit Syriens abhängig. Der Kanzler zeigte sich zuversichtlich, dass das gelingen könne.

Kein Wort zu den Angriffen auf Christen

Zu den jüngsten Angriffen auf Christen in Suqailabiyya hat sich Merz in der Pressekonferenz am Montag nicht geäußert.

Die christliche Menschenrechtsorganisation CSI hatte den Bundeskanzler in einem offenen Brief dazu aufgefordert, den syrischen Übergangspräsidenten „persönlich verantwortlich“ zu machen für Menschenrechtsverletzungen an der christlichen Minderheit in seinem Land. Zugleich forderte CSI, jede finanzielle Unterstützung Syriens von der Einhaltung der Religionsfreiheit abhängig zu machen, berichtet das katholische Onlinemedium EWTN.

Österreich: Syrische Asylanträge seit 2024 vorübergehend ausgesetzt

Österreich hatte als einer der ersten EU-Länder auf die geänderte Lage in Syrien reagiert. Asylverfahren wurden noch Ende 2024 ausgesetzt und Maßnahmen zur freiwilligen Rückkehr forciert. Seit Beginn des Jahres 2025 haben laut Bericht des Innenministeriums um die 1.000 Syrer die freiwillige Ausreise in Anspruch genommen. In den Jahren 2023 und 2024 waren es insgesamt 200.