Dass die Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (ATIB) unter dem Einfluss Ankaras steht, ist an sich ein offenes Geheimnis. Schließlich schickt die Türkei die ATIB-Imame. Wie dreist und direkt die türkische Führung diesen österreichischen Verein steuert, offenbaren jedoch erst exxpress zugespielte Fotos von der jüngsten Vorstandswahl. Die liegt zwar schon vier Monate zurück, ATIB sollte aber Gelegenheit zur Beantwortung von zahlreichen in diesem Zusammenhang aufgetauchten Fragen gegeben werden. Daher erst jetzt dieser Bericht.

Austrotürkische Kritik

Darum geht es: Am 17. Jänner wurde eine außerordentliche ATIB-Generalversammlung zur Wahl eines neuen Vorstandes einberufen. Dies war schon deshalb ungewöhnlich, weil der amtierende ATIB-Vorstand unter Präsident Eşref Çakmak erst zehn Monate davor bestellt worden war. Kurz vor der Neuwahl hatte es in der austrotürkischen Community offene Kritik an der ATIB-Führung gegeben. „Eine von in Ankara ernannten Beamten geleitete Struktur entfernt sich zwangsläufig von den Bedürfnissen der türkischen Muslime in Österreich”, schrieb etwa der Wiener Journalist Adem Hüyük auf seiner Online-Plattform „Der Virgül” und warnte vor „einem zunehmenden Legitimationsverlust” des größten Islam-Verbandes.

Der neue ATIB-Chef Altinel mit IGGÖ-Präsident Ümit Vural, der ebenfalls eng mit Diyanet kooperiert.
Der neue ATIB-Chef Altinel mit IGGÖ-Präsident Ümit Vural, der ebenfalls eng mit Diyanet kooperiert.

An der Diyanet-Leine

Wie dreist die türkische Regierung diesen von Österreich offenbar geduldeten Einfluss ausübt, wurde in bisher nicht so eindeutig dokumentierter Weise nach der Neuwahl des ATIB-Vorstandes mit Aziz Altinel an der Spitze durch geleakte Informationen offenkundig: Bei der außerordentlichen Generalversammlung waren hochrangige türkische Beamte, Vertreter der türkischen Botschaft in Wien sowie auch Vertreter der Präsident Recep Tayyip Erdogan direkt unterstehenden Religionsbehörde Diyanet anwesend. Auf einem exxpress vorliegenden Foto sind unter anderen diese Personen zu sehen: Nasuh Aydemir (Religionsattaché des türkischen Generalkonsulats in Salzburg), Yusuf Kocak, (Religionsattaché des Generalkonsulates in Bregenz) sowie Ramazan Ilikkan (Obmann des deutschen ATIB-Pendants DITIB). Auf einem weiteren Foto zu sehen ist Ensari Yentürk, Leiter der Generaldirektion für Auswärtige Angelegenheiten der Diyanet. Er sitzt an einem Tisch vor einem Mikrofon, hatte also bei der Generalversammlung offenbar eine nicht nur beobachtende Funktion inne.

Diyanet-Direktor Yentürk (Mitte) bei der ATIB-Vorstandswahl in Wien.
Diyanet-Direktor Yentürk (Mitte) bei der ATIB-Vorstandswahl in Wien.

Skandal bestätigt

Neben der Frage, warum eine österreichischem Vereinsrecht unterworfene Organisation an der Leine des türkischen Präsidialamtes hängt, wäre auch interessant, warum es überhaupt zu der überraschenden Neuwahl gekommen ist. In den Spekulationen darüber gibt es bereits bekannte und bisher unbekannte Mutmaßungen. Naheliegend wäre ein Zusammenhang mit dem im vergangenen Sommer aufgepoppten, allerdings schon mehrere Jahre zurückliegenden „Escort-Skandal”. Türkischen Medienberichten zufolge sollen zwei hochrangige Diyanet-Beamte 2019 in einem Wiener Hotelzimmer mit vier Escort-Damen gefeiert haben. Auch – Muslimen eigentlich verbotener – Alkohol soll reichlich geflossen sein. Die Ausgaben dafür sollen aus Spendengeldern der ATIB bezahlt worden sein. Soweit, so exxpress-Lesern bekannt. ATIB wies diese „unbegründeten Behauptungen” im Vorjahr als „böswilliges Vorgehen” zurück. Die Enthüllungen des türkischen Online-Mediums „Birgün” dürften freilich nicht ohne Faktenbasis gewesen sein. Denn vor Kurzem schlug die Affäre sogar im türkischen Parlament auf. Von Abgeordneten zur Rede gestellt, räumte der stv. Diyanet-Chef Fatih Mehmet Karaca ein, dass der Fall im vergangenen Jahr untersucht und alle beteiligten Mitarbeiter von ihren Aufgaben entbunden worden seien. Es sei absolut ausgeschlossen, solche Vorfälle zu vertuschen, beteuerte der Diyanet-Vize sechs Jahre nach der schlüpfrigen ATIB-Posse, die aber nicht in die Verantwortung des im Jänner geschassten Vorsitzenden gefallen war.

ATIB als Polit-Waffe

Im März wurden allerdings weitere Kritikpunkte kolportiert, die Erdogan wohl mehr stören als doppelmoralische Umtriebe seiner auf streng religiös getrimmten Diyanet-Truppe. „Neue Krise in Wien: Erst Escort, jetzt FETÖ“, titelte „Birgün”, eines der wenige Oppositionsmedien, das den Repressionen des türkischen Regines bislang trotzt. Demnach soll der Wiener Religionsattaché Selahattin Çelebi, der die Österreich-Struktur der Diyanet – also ATIB – koordinierte, im vergangenen September abberufen worden sein, weil er laut „Birgün” „nicht gegen die in Moscheevereinen verankerten FETÖ-Strukturen vorgegangen ist“. Ein schwerer wiegender Vorwurf gegen einen türkischen Staatsdiener ist kaum vorstellbar. Denn „FETÖ” steht für „Fethullahçı Terör Örgütü” (zu Deutsch: „Fethullahistische Terrororganisation“). Dabei handelt es sich um die vom 2024 im US-Exil verstorbenen Prediger Fethullah Gülen gegründete Struktur, die von Erdogan für den gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich gemacht wird. Offenbar ist es Aufgabe der Religionsbehörde, auch in den Moscheen der türkischen Diaspora, darunter 62 ATIB-Moscheen hierzulande, Jagd auf vermeintliche „Gülenisten” zu machen. Vor diesem Hintergrund ist auch die im Vorjahr vom Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), Ümit Vural, mit Diyanet vereinbarten Kooperation zu sehen. Dass der politische Auftrag „FETÖ-Bekämpfung” mit dem religiösen Vereinszweck von ATIB unvereinbar wäre, ist in der Türkei kein Thema. Der abberufene Religionsattaché bestreitet laut „Birgün” vielmehr den Vorwurf, zu wenig gegen „FETÖ” getan zu haben. Die obligate Unschuldsvermutung bedeutet in diesem Fall jedoch das Unterstellen einer Agententätigkeit, wofür natürlich ebenfalls die Unschuldsvermutung gilt.

„Me Too" bei ATIB?

In der türkischen Community kursiert ein weiteres pikantes Gerücht: Es geht um einen Fall von verbaler sexueller Belästigung einer Dame in der ATIB-Zentrale durch einen Imam (Name der Redaktion bekannt). Dieser Imam soll vom alten Vorstand entlassen, vom neuen im Jänner aber wieder angestellt worden sein. Auf seinem Facebook-Profil bezeichnet er sich tatsächlich weiter bzw. wieder als religiöser Betreuer bei ATIB. Davor war er nach diesen Eigenangaben übrigens beim Österreich-Ableger der rechtsextremen türkischen Regierungspartei MHP tätig.

Hamas-Sympathien

Darüber und über weitere Fragwürdigkeiten hätte exxpress gerne mit dem neuen ATIB-Vorstand gesprochen. Und zunächst sah es auch ganz gut aus. Zwar stellte sich die Wiener ATIB-Zentrale taub, aber das frischgebackene Vorstandsmitglied Hasan Taş’, ATIB-Vorsitzender in Lustenau (Vorarlberg), erklärte sich im März bereit, schriftlich gestellte Fragen zu beantworten. Sie dürften aber dann doch zu unbequem gewesen sein.

Der neue ATIB-Vorsitzende Aziz Altinel schweigt zu allen Fragen...
Der neue ATIB-Vorsitzende Aziz Altinel schweigt zu allen Fragen...

Die lange Fragenliste befasste sich auch mit Themen, welche den zuletzt durch die Studie des Soziologen Kenan Güngör entstandenen Eindruck konterkarieren, wonach der türkische Islam in Österreich weniger radikal sei als der an Einfluss gewinnende arabische. Auch ATIB lässt nämlich eine klare Abgrenzung zur islamistischen Terrororganisationen Hamas missen, was angesichts der Hamas-Freundlichkeit Erdogans zwar nicht überraschend, für einen österreichischen Verein aber intolerabel und für eine Null-Toleranz-Regierung ein Handlungsauftrag sein sollte. So veranstaltete ATIB im vergangenen Oktober ein österreichweites Online-Seminar mit dem türkischen Prediger Halis Aydemir, ebenfalls ein führender Diyanet-Funktionär. Dieser glorifiziert in sozialen Medien die islamistische Terrororganisation Hamas.

Der für ATIB-Seminare engagierte Diyanet-Funktionär Aydemir solidarisiert sich auf Facebook mit einem Hamas-Terroristen.
Der für ATIB-Seminare engagierte Diyanet-Funktionär Aydemir solidarisiert sich auf Facebook mit einem Hamas-Terroristen.

So postete Aydemir nach der Tötung des Organisators des Hamas-Überfalles auf Israel, Yayha Sinwar, auf Facebook einen den Terroristen verherrlichenden Reel mit dem persönlichen Zusatz „Ben Yayha Sinwar” (deutsch: „Ich bin Yayha Sinwar”). Obwohl ATIB darauf hingewiesen wurde, ist dieser Reel weiter auf dem Facebook-Account Aydemirs abrufbar, sprich: auch für seine österreichischen Follower sichtbar. Als Vorsitzender der „Islamic Sciences Accreditation Agency” (IAA) ist der Diyanet-Mann eine Schlüsselfigur beim von der Türkei betriebenen Aufbau eines globalen Akkreditierungssystems für islamische Theologie. Dabei arbeitet er auch eng mit Universitäten in der Muslimbruder-Hochburg Katar zusammen.

Terroristen gratuliert

Aydemir ist nicht der einzige von ATIB engagierte Bildungsreferent mit offensichtlicher Hamas-Sympathie. Bei einem im vergangenen November in St. Johann im Pongau angebotenen Seminar für 350 Laienprediger aus den 62 ATIB-Moscheen referierte Fatih Okumuş. Der Vorsitzende des Diyanet-Gremiums für die Prüfung und die Rezitation des Korans präsentierte auf Instagram ein Bild des im Juli 2024 in Teheran getöteten Hamas-Führers Ismail Haniye mit dem von ihm darunter getippten Text: „Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Märtyrertum, ehrenwerter Mann von Gaza.”

Guter Draht in die Machtzentrale Ankara: ATIB-Vorstand Taş mit Erdogan-Vize Sirakaya.
Guter Draht in die Machtzentrale Ankara: ATIB-Vorstand Taş mit Erdogan-Vize Sirakaya.

Viele offene Fragen

Dieser tote Terror-Pate genießt offenbar auch die Sympathie eines neuen ATIB-Vorstandsmitgliedes: Im Facebook-Newsfeed von Hasan Taş findet sich ein Foto, das Haniye mit dem 2019 verstorbenen ägyptischen Ex-Präsidenten und Muslimbruder Mohammed Mursi zeigt. Darunter steht: „Friede sei mit den Menschen des Paradieses.” Der ATIB-Regionalchef dürfte über einen besonderen Draht nach Ankara verfügen: Zur Grundsteinlegung für die neue Lustenauer Großmoschee war im vergangenen Oktober kein Geringerer als Zafer Sirakaya, Vizevorsitzender von Erdogans AK-Partei, ins Ländle gekommen. Sirakaya tourt oft durch Österreich, beehrt mit seinen Besuchen neben ATIB und dem AKP-Ableger UID auch gern hiesige Dependancen der „Grauen Wölfe”.

ATIB-Vorstand Taş würdigt auf Facebook den Terroristen Haniye (l.) und den Muslimbruder Mursi (r.)
ATIB-Vorstand Taş würdigt auf Facebook den Terroristen Haniye (l.) und den Muslimbruder Mursi (r.)

Weniger gut ist mittlerweile Taş’ Draht zu kritischen Journalisten. Die Frage, warum er in sozialen Medien ein Bild von einem Hamas-Terroristen verbreite, quittiert er mit abrupter Beendigung des Telefonats. Nicht nur das: Er hält es auch nicht für angemessen, die Terroristen-Huldigung zu löschen. Er signalisiert Besuchern seiner Facebook-Seite weiter, dass Hamas-Terroristen das Paradies verdienen.

Immerhin hatte Taş’ aber versprochen, die ursprünglich von ihm angeforderten, aber offenbar zu heiklen Fragen nach Wien an den ATIB-Vorstand zur Beantwortung weiterzuleiten. Das war Mitte April. Mehrere telefonische und schriftliche Ersuchen um Antwort blieben erfolglos. Die ATIB-Chefs wollen zu keinem der brisanten Themen Stellung nehmen.

ATIB-Vorstand Taş empfängt Lustenaus ÖVP-Bürgermeister Patrick Wiedl (l.) in der Moschee.
ATIB-Vorstand Taş empfängt Lustenaus ÖVP-Bürgermeister Patrick Wiedl (l.) in der Moschee.

Des Übels Wurzel

In Wien hat Integrationsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) als Konsequenz der jüngsten Studienergebnisse abgekündigt, man wolle nun im Unterricht und vor allem mit Elternarbeit gegen weit verbreitete ultrakonservative und autoritäre Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen angehen. Angesichts der – auch auf Eltern zielenden – einschlägigen Bildungsaktivitäten islamischer Verbände wie ATIB, aber auch Milli Görüs, stellt sich allerdings die Frage, warum nicht gleich die Wurzeln des islamistischen Übels angegangen werden?