Grünen-EU-Abgeordnete Lena Schilling sorgt erneut mit Zahlen für Stirnrunzeln. Schon einmal scheiterte sie daran, Euro in Cent umzurechnen – Multiplikation mit 100? Zu schwer! Am Opernball trat sie nun umso selbstbewusster auf – und lieferte prompt die nächste Rechen-Überraschung.

In einem Clip, den sie später selbst auf Instagram verbreitete, erklärte sie: „Nobel geht die Welt zugrunde, weil wir gerade feststellen müssen, dass die zehn reichsten Haushalte Österreichs für die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.“ Ihre Schlussfolgerung: „Es gibt keinen besseren Ort, eine Erbschafts- und Reichensteuer zu fordern, als hier im Wiener Opernball.“

Welche „zehn Haushalte“ das sein sollen, sagte sie nicht. Das wäre auch schwierig – denn diese zehn Haushalte existieren in keiner Studie.

Nicht „zehn Haushalte“, sondern das reichste Zehntel

Lena Schilling bezieht sich sehr wahrscheinlich auf eine Analyse der Arbeiterkammer Wien. Doch dort ist nicht von den „zehn reichsten Haushalten“ die Rede, sondern vom reichsten Zehntel – also den obersten zehn Prozent aller Haushalte. Ein gewaltiger Unterschied. Gemeint ist schlicht jeder zehnte Haushalt, der beim Nettovermögen ganz oben liegt. Für diese Gruppe errechnet die Studie einen Anteil von mehr als der Hälfte der Emissionen.

Mit vollen Taschen lässt sich’s nobel fordern: Lena Schillings Gehalt zahlt der Steuerzahler.APA/HELMUT FOHRINGER

Was Schilling nicht erwähnt: Die Studie zählt nicht nur das, was Menschen direkt ausstoßen, etwa durch Heizen, Autofahren oder Flüge. Sie rechnet zusätzlich sogenannte kapitalbasierte Emissionen ein. Das heißt: CO₂, das bei Unternehmen entsteht, wird anteilig den Eigentümern zugerechnet – über Aktien, Fonds oder Firmenbeteiligungen. Weil Vermögende überproportional viel Unternehmenskapital halten, landen bei ihnen in dieser Logik auch deutlich mehr „zugerechnete“ Emissionen.

Irreführend ist, was Schilling auf Instagram dazu schreibt: „Mit dem Millionenerbe der Superreichen sollten wir Klimaschutz statt Privatjets finanzieren.“ Privatjets allein erklären diese Größenordnung jedenfalls nicht.

Lena Schilling blendet so manches aus

1) Wohlstand misst man am Einkommen – nicht am Vermögen

In der öffentlichen Debatte wird Lebensstandard in der Regel über laufendes Einkommen bestimmt – also das, was Menschen tatsächlich ausgeben können. Der serbisch-US-amerikanische Ökonom und Träger des Bruno-Kreisky-Preises Branko Milanović warnt ausdrücklich davor, Vermögen mit Wohlstand gleichzusetzen. „Hier wird viel durcheinander geworfen“, sagt er – und stellt gegenüber dem Schweizer Monat klar: „Wohlstand ist nicht vom Vermögen abhängig, sondern vom laufenden Konsum und der nährt sich vor allem aus den laufenden Einkommen.“

Legt man diese Einkommens-Logik zugrunde, ergibt sich ein interessantes Detail: EU-Abgeordnete erhalten laut Europäischem Parlament ein Grundgehalt von rund 11.255 Euro brutto im Monat, also mehr als 135.000 Euro im Jahr. Damit gehört man einkommensmäßig in Österreich zur absoluten Spitzengruppe. Nach dieser Definition würde Lena Schilling selbst zu jenen „obersten zehn Prozent“ zählen, von denen sie am Opernball spricht.

Armutsexperte Branko Milanović unterstreicht: Für Wohlstand ist das laufende Einkommen entscheidend – und das ist gerade bei Lena Schilling besonders hoch.Wiki Commons/Niccolò Caranti

2) Getroffen würden vor allem Investoren – nicht Luxus-Konsumenten

Besonders stark belastet würden in dieser Logik ausgerechnet jene, die in Unternehmen investieren – also Kapital für Betriebe, Arbeitsplätze und Wertschöpfung bereitstellen. Wer hingegen konsumiert – Villa, Sportwagen, Luxusreisen –, fällt deutlich weniger ins Gewicht. Kurz gesagt: Nicht der Konsum steht im Zentrum der CO₂-Zurechnung, sondern das produktive Kapital.

3) Ist eine Erbschafts- oder Reichensteuer überhaupt der richtige Hebel?
Selbst wenn man die AK-Zahlen akzeptiert, folgt daraus nicht automatisch, dass eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer Emissionen senkt. Was, wenn Wohlhabende vor allem in erneuerbare Energien, Start-ups oder CO₂-arme Technologien investieren – während andere ihr Erspartes in emissionsintensive Branchen stecken? Vermögen allein sagt nichts über die ökologische Qualität der Investitionen aus.

Am Ende bleibt die Frage: Geht es um Klimaschutz – oder um Umverteilung unter dem Klimaschirm?