Vier Jahre nach der Ukraine-Invasion trifft der nächste Krieg Europas Energiemarkt mit voller Wucht. Während Österreichs Regierung zu beruhigen versucht, reagieren die Märkte auf den Iran-Krieg bereits nervös. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sagt, die Versorgung sei gesichert, die Folgen „überschaubar“.

An den Tankstellen ist der Schock dennoch spürbar – und zwar deutlich: Binnen nur einer Woche stiegen Diesel- und Benzinpreis um 30 bis 40 Cent. Die Regierung kündigte bereits eine Prüfung der Spritpreise an. Doch die Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten zeigen: Die Lage könnte sich schneller zuspitzen als gedacht.

Steigende Energiepreise erreichen bereits den Alltag: An Österreichs Tankstellen kletterten Diesel und Benzin innerhalb weniger Tage deutlich nach oben.APA/HARALD SCHNEIDER

Gaspreise schießen in die Höhe

Der erste Schock kam an den europäischen Gasbörsen. Laut Financial Times sind die Gaspreise seit Freitag um rund 70 Prozent gestiegen – auf den höchsten Stand seit 2023.

Der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein. Gerade jetzt beginnt normalerweise die Phase, in der europäische Länder ihre Gasspeicher für den kommenden Winter auffüllen. Steigen die Preise in dieser Phase stark an, verteuert sich die gesamte Energieversorgung für den kommenden Winter.

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) versichert: Die Versorgung sei gesichert. Die Folgen der steigenden Energiepreise für die Wirtschaft sind allerdings noch nicht absehbar.APA/HELMUT FOHRINGER

Straße von Hormus: Nadelöhr des Weltenergiemarkts

Der Auslöser liegt im Persischen Golf. Die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Energierouten der Welt, ist durch die Eskalation des Nahostkriegs faktisch blockiert. Durch die schmale Meerenge fließt normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und LNG-Handels.

Kommt der Verkehr dort ins Stocken, geraten globale Energieflüsse sofort unter Druck. Genau das passiert derzeit.

Tanker angegriffen – Hunderte Schiffe warten

Die Lage auf See spitzt sich dramatisch zu. Seit Beginn des Konflikts wurden neun Tanker angegriffen, berichtet Reuters. Ein Rohöltanker vor dem irakischen Hafen Khor al-Zubair wurde von einem iranischen Sprengboot attackiert. Ein weiteres Schiff vor Kuwait wurde nach einer Explosion schwer beschädigt und verlor Öl. Der Schiffsverkehr in der Region ist inzwischen massiv gestört.

Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Energieadern der Welt: Rund ein Drittel des globalen Ölhandels passiert diese Meerenge.GETTYIMAGES/Murat Usubali/Anadolu

300 Öltanker stecken derzeit in der Straße von Hormus fest. Rund 200 weitere Schiffe warten vor Häfen im Persischen Golf. Zahlreiche Tanker bleiben außerhalb der Meerenge liegen. US-Präsident Donald Trump bot mittlerweile Marineeskorten und staatliche Versicherungen für Tanker an, um den Verkehr wieder anzukurbeln.

LNG-Tanker für Europa dreht plötzlich ab

Besonders alarmierend ist eine Entwicklung auf dem Markt für Flüssigerdgas. Ein LNG-Tanker mit Gas aus Nigeria änderte mitten im Atlantik seinen Kurs. Statt nach Frankreich zu fahren, steuert das Schiff nun Asien an. Das Analysehaus Kpler bezeichnete die BW Brussels als erstes LNG-Schiff im Atlantik, das wegen steigender Nachfrage in Asien umgeleitet wurde.

Für Europa ist das ein klares Warnsignal: Der globale Wettbewerb um LNG verschärft sich – und asiatische Käufer sind bereit, höhere Preise zu zahlen.

Rauch über Bandar Abbas an der Straße von Hormus: Der Krieg trifft das Nadelöhr des Weltenergiemarkts.APA/AFP/2026 Planet Labs PBC

Katar stoppt Gaslieferungen

Fast zeitgleich traf den globalen Gasmarkt der nächste Schock. Katar, der zweitgrößte LNG-Exporteur der Welt und Lieferant von rund 20 Prozent des globalen Flüssigerdgases, erklärte Force Majeure auf seine Gaslieferungen. Das bedeutet: Lieferverträge können vorübergehend nicht erfüllt werden.

Branchenquellen gehen davon aus, dass es mindestens einen Monat dauern könnte, bis die Produktion wieder normal läuft.

Das Problem: Große Produzenten wie die USA und Australien haben derzeit kaum freie Exportkapazitäten, um den Ausfall kurzfristig zu ersetzen.

Gasflaschen und Tanks in Spanien: Die Hormus-Blockade wirbelt Europas Energiemärkte auf.APA/AFP/Oscar DEL POZO

Europas Speicher alarmierend leer

Parallel dazu kämpft Europa mit einem weiteren Risiko: ungewöhnlich niedrigen Gasspeichern. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe sind die Speicher derzeit zu weniger als 30 Prozent gefüllt. Normalerweise liegen sie um diese Jahreszeit bei etwa 45 Prozent.

Der Energieexperte Simeone Tagliapetra vom Thinktank Bruegel erklärte der Financial Times: „Die Lagerbestände waren zu dieser Jahreszeit noch nie so niedrig.“

Noch problematischer ist der Zeitpunkt. Denn gerade jetzt beginnt die Phase, in der Europa seine Speicher für den nächsten Winter auffüllen muss. Tagliapetra warnt: „Wenn das zu diesen Preisen passieren muss, wäre das eine enorme Belastung für Europa.“

Der Iran-Krieg und die blockierte Straße von Hormus wirbeln Öl- und Gaspreise weltweit durcheinander.APA/AFP/Patrick T. Fallon

Öl- und Dieselpreise steigen weltweit

Der Preisschock betrifft nicht nur Gas. Seit Beginn des Konflikts sind die Ölpreise um rund 15 Prozent gestiegen. Auch europäische Dieselpreise erreichten den höchsten Stand seit Oktober 2022.

Der Grund: Raffinerien im Nahen Osten exportieren derzeit weniger Treibstoffe. Anlagen in China, Indien und im Nahen Osten mussten ihre Produktion teilweise reduzieren oder vorübergehend abschalten.

Analysten von JPMorgan warnen zudem vor einem weiteren Risiko: Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben, könnten Lieferungen aus Irak und Kuwait um bis zu 3,3 Millionen Barrel Öl pro Tag einbrechen. Der Irak hat seine Förderung bereits um rund 1,5 Millionen Barrel täglich reduziert, weil Tanker nicht mehr beladen werden können.

Neue Energie-Debatte in Europa

Für Europa ist die Lage besonders heikel. Seit der Energiekrise 2022 hat die EU ihre Gasversorgung massiv umgebaut und russisches Pipelinegas zunehmend ersetzt – durch LNG aus den USA sowie Lieferungen aus Norwegen. Doch der Weltmarkt bleibt entscheidend.

Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Philip Lane, warnte, ein längerer Nahostkrieg könne einen „erheblichen Anstieg energiegetriebener Inflation“ sowie einen Rückgang der Wirtschaftsleistung auslösen.

Energiepolitik rückt wieder ins Zentrum

Noch sind keine konkreten Maßnahmen beschlossen. Doch die Energiekrise rückt bereits wieder auf die politische Agenda in Brüssel. Am Freitag will IEA-Chef Fatih Birol mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über mögliche Gegenmaßnahmen sprechen.

Auch in Österreich arbeitet die Regierung an Reformen des Energiesystems. Diskutiert werden unter anderem schnellere Genehmigungsverfahren für Energieprojekte, Maßnahmen zur Dämpfung der Netzkosten sowie eine Reform der Strompreisbildung, um Preisschocks durch teure fossile Energien künftig stärker abzufedern.

Für Österreich wie für Europa stellt sich vor allem eine Frage: Schaffen wir es, die Speicher rechtzeitig vor dem Winter zu füllen – oder droht ein neues Energie-Déjà-vu wie 2022?