Kunden berichten verschiedenen deutschen Medien gegenüber von Bezahlvorgängen im Einzelhandel, bei denen auf dem Kartenlesegerät automatisch Trinkgeldoptionen zwischen zehn und zwanzig Prozent erscheinen. Wer nichts geben möchte, muss aktiv widersprechen – ein Moment, den viele als unangenehm empfinden. Der eigentliche
Bezahlvorgang wird so um eine soziale Komponente erweitert, die Druck erzeugen kann, obwohl Trinkgeld rechtlich weiterhin freiwillig ist.

Auch in sozialen Netzwerken ist der Unmut entsprechend groß. Immer wieder ist von einer schleichenden „Amerikanisierung“ die Rede, bei der zusätzliche Zahlungen zur stillschweigenden Erwartung werden. Die Sorge: Was als Ausnahme beginnt, könnte sich unbemerkt zur neuen Normalität entwickeln.

Bargeldlos zahlen – weniger Trinkgeld?

Der technische Hintergrund erklärt, warum das Thema überhaupt an Bedeutung gewinnt. Mit dem Siegeszug des kontaktlosen Bezahlens ist der Moment des Aufrundens mit Bargeld weitgehend verschwunden. Servicekräfte berichten von sinkenden Trinkgeldern, seit Kartenzahlungen dominieren. Digitale Abfragen sollen diesen Effekt abfedern, indem sie Kunden aktiv an die freiwillige Zuwendung erinnern.

Für die Anbieter von Kassensystemen wiederum ist das ein zusätzliches Verkaufsargument: Terminals mit Trinkgeldfunktion versprechen höhere Durchschnittsumsätze und lassen sich entsprechend besser vermarkten.

Zwischen freiwilliger Geste und gefühltem Zwang

Kritisch wird weniger die Existenz der Funktion gesehen als ihre Platzierung. Wer beim Kauf eines Produkts ohne persönlichen Service plötzlich zur Trinkgeldentscheidung aufgefordert wird, empfindet dies häufig als unpassend. Auch wenn rechtlich keinerlei Verpflichtung besteht, entsteht ein sozialer Moment, der als Nötigung wahrgenommen werden kann.