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Sein Briefroman Lettres persanes ist Umwegkritik in Bestform, ein Schlüsseltext der frühen Aufklärung, zunächst anonym veröffentlicht: Zwei Reisende – genannt Usbek und Rica – schauen auf Frankreich. Das Zentrum wird plötzlich klein. Der Hof wirkt wie Theater. Der Fremde ist die Lupe, die die Gastgeber entkleidet. Seine Exotik wird zum Spiegel. Der Witz dieser Konstellation ist präzise: Der Perser ist Paris’ Spiegel – und Paris, das sich für die Welt hält, sein Befund.

Rica notiert, die Neugier der Pariser gehe „bis zur Extravaganz“. Man umringt ihn, als sei er eine Attraktion, nicht ein Mensch. So arbeitet Ethnozentrismus: Er nennt sich Interesse, aber er meint Einordnung. Er fragt nicht: „Wer sind Sie?“, sondern: „Warum sind Sie nicht wie wir?“ Der Fremde muss sich erklären, und schon ist er im Konjunktiv: Er könnte gefährlich sein, er könnte lächerlich sein, er könnte – vor allem – anders sein.

Seitdem hat sich die Garderobe gewechselt, nicht die Grammatik des Konjunktivs: Aus dem Blick wurde ein Verfahren.

2026

Iran steht im Nachrichtenlicht der Welt, das alles ausleuchtet: Drohnen über dem Nachthimmel, Gegenschläge mit Raketen im Vokabular der Gottespolitik, Krisensprache, die in Märkte und Heizkosten einsickert. Und hinter den großen Bildern die leisen Berichte, die man zu schnell überliest: Verhaftungen, Verschwinden, Verfahren, die schon längst schneller sind als jedes sorgfältige Urteil. Der theokratische Staat erklärt es wahrscheinlich noch Sicherheit; die vielen Betroffenen nennen es grausamer Alltag. Dort ist Fremdsein kein Kostümfest. Es ist ein Dasein, das nicht sagt „ich bin“, sondern „ich könnte vielleicht noch sein“.

Verspiegeln wir, ohne gleichzusetzen. Damals, in Paris, genügte Sichtbarkeit, um zur Abweichung erklärt zu werden. Heute kann Sichtbarkeit das Risiko sein. Der Verdacht allein findet auch den, der sich entzieht. „Wie kann man Perser sein?“: eine Frage, die nicht nach dem Menschen fragt, sondern danach, wo man ihn verortet.

Eine Frage der Grenzziehung

Montesquieus Pariser starrten, um zu besitzen. Moderne Systeme scannen, um zu sortieren. Zwischen beiden liegt eine technische Revolution und eine beunruhigende Kontinuität. Fremdsein wird verwaltbar gemacht: nicht mehr Turban, sondern Datenspur; nicht mehr Anekdote, sondern Wahrscheinlichkeit – Biographie als Verdachtswert.

Montesquieu wird auch als Autor des „Vom Geist der Gesetze“ (1748) überraschend aktuell: Macht tarnt Perspektive als Natur.

Wer fragt „Wie kann man Perser sein?“, sagt in Wahrheit: „Wie kann etwas außerhalb der eigenen Ordnung existieren?“ Das ist die Frage jeder geschlossenen Welt, ob sie sich Königshof nennt, Theokratie oder Bürokratie. Und sie ist die Vorstufe administrierter Härte. Der Perser in Paris war gestern eine Kuriosität. Ein Iraner heute im eigenen Land ist ein Menetekel der Verdachtslogik. Beide stehen im Konjunktiv.