Ich gestehe. Ich habe das Wort „Klimahysterie” in den Mund genommen. Ich bekenne mich zu traditionellen Familienbildern. Ich finde an Tradwives nichts verwerflich – jeder soll sein Leben leben, wie er will. Und die Corona-Pandemie? War für mich eine Plandemie. Das bedeutet: Ich bin Extremistin.
Zumindest laut Verfassungsschutzbericht 2025. Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst hat dort bereits 2024 eine neue Kategorie eingeführt: „Heterodoxer Extremismus” – kurz HEX. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet nichts anderes als: Abweichung von der herrschenden Lehre. Im Mittelalter nannte die Kirche das Ketzerei. Das Konzept ist jedoch zeitlos.
Wer also Klimapolitik kritisch betrachtet, konservative Familienbilder lebt oder Fragen stellt, die gerade nicht opportun sind, steht jetzt unter staatlicher Beobachtung. Der Bericht nennt sogar explizit Phrasen wie „Man wird ja noch Fragen stellen dürfen” als typisches Merkmal des HEX-Milieus. Fragen stellen ist also verdächtig. Gut zu wissen.
Das Wegscheider-Urteil. Für mich ein Déjà-vu der besonderen Art.
Zur Erinnerung: 2021 reichte der Presseclub Concordia – ein Verein, der 1859 zur Förderung des unabhängigen Journalismus gegründet wurde, man beachte die Ironie – eine Beschwerde gegen Ferdinand Wegscheiders Sendung bei der Medienbehörde KommAustria ein. Am 23. Dezember 2022 fiel der Bescheid: Verstöße gegen das Objektivitätsgebot in fünf Sendungen. Am 2. Jänner 2023 wurde er öffentlich. Das war für viele wie ein Schlag in die Magengrube. Ich musste damals meine Ärger kundtun und ein Posting absetzen:
ServusTV legte Beschwerde ein, und im Juni 2023 kam die Erleichterung: Das Bundesverwaltungsgericht hob den Bescheid auf. Ein Etappensieg. Doch dann, im Mai 2024, kippte der Verwaltungsgerichtshof auch das wieder und schickte den Fall zurück. Am 29. April 2026 fiel das neuerliche Urteil: Verstöße bestätigt. Nicht rechtskräftig – eine außerordentliche Revision ist noch möglich.
Fünf Jahre. Fünf Jahre für ein Urteil über einen Meinungskommentar, der als Meinung gekennzeichnet war. Ich kann mich noch genau erinnern, was diese Sendung für viele Menschen wärend der Corona-Zeit bedeutet hat. Als die Widersprüche der Pandemiepolitik immer offensichtlicher wurden, als man für das Stellen von Fragen als „Covidiot” und „rechter Schwurbler” abgestempelt wurde, da war der Wegscheider das einzige Ventil im österreichischen Fernsehen. Der einzige, der auf satirische Weise ausgesprochen hat, was viele dachten, aber nicht mehr zu sagen wagten. Nun diese Meinungen waren wohl zuwenig objektiv – obwohl sich mittlerweile einiges objektiv bestätigt hat. Wie auch immer. Ich bin keine Juristin. Aber, wenn ein Meinungskommentar, der als solcher gekennzeichnet ist, einem Objektivitätsgebot unterliegen soll – dann ist jede unbequeme Stimme im Fernsehen potentiell anzeigbar. Dann überlegt sich der nächste Moderator zweimal, ob er einen kritischen Satz sagt. Und dann schaltet sich natürlich nicht der Hegemon selbst ein, nein, die Vorfeldorganisationen werden aktiv – und das Ergebnis ist: Schweigen. Das nennt sich nicht Qualitätssicherung. Das nennt sich Einschüchterung.
Wie weit diese Grenzen schon gezogen werden, hat mir diese Woche mein Gespräch mit Alf Poier gezeigt.
Alf Poier, einer, der sich, wie er selbst sagt, lieber selbst cancelt, bevor er fremdgecancelt wird. Dieser Satz hat mich nicht losgelassen. Er erzählte von 2005. Bei der Vorentscheidung zum ESC hatte er 46.000 Stimmen mehr als sein Mitbewerber, trotzdem war er nicht der Gewinner. Das Wertungssystem wurde kurz vor der Entscheidung geändert, weil man ihn, schlicht nicht haben wollte. Alle Infos dazu im Interview mit ihm:
Der Grund warum man ihn nicht wollt war eine spezifische Strophe aus dem Original Liedtext.
„Und weil sich Mohammed so gut vermehrte, singt schon bald in Rom der Muezzin.”
Die Strophe musste raus. Die Folge waren ein Shitstorm, unzählige Drohungen und hetzerische Titelblätter. Und das Pikante: Was Poier damals satirisch und auch polemisch auf den Punkt brachte, ist heute statistische Realität. Laut Statistik Austria ist der Anteil der Muslime in Österreich von 0,3 Prozent im Jahr 1971 auf 8,3 Prozent im Jahr 2021 gestiegen – in Wien sogar auf knapp 15 Prozent. Der Anstieg erklärt sich laut Statistik Austria („Migration & Integration 2025″) vor allem durch Zuwanderung und durch eine deutlich höhere Geburtenrate unter zugewanderten Frauen. In Österreich geborene Mütter bekamen 2024 im Schnitt 1,22 Kinder. Frauen aus Afghanistan, Syrien oder Irak hingegen 3,30 Kinder. Die Geburtenrate dieser Gruppe liegt bei 24,0 Promille – gegenüber 8,0 Promille bei österreichischen Staatsangehörigen. Wer das 2005 beobachte, war ein Hetzer. Heute steht es in amtlichen Statistiken.
Das ist gleichzeitg aber auch das eigentliche Problem. Die Menschen, die gelernt haben, dass es gefährlich ist, aus der Reihe zu tanzen. Die nickend zustimmen, während sie innerlich anderer Meinung sind. In der Kunstszene, erzählt Poier, kommen viele privat zu ihm und sagen: „Du hast eh Recht.” aber öffentlich trauen sich das die wenisgten zu sagen, weil sie Familie haben, Förderungen brauchen und weil die Angst zu groß vor dem Applaus von der falschen Seite ist.
Seine 94-jährige Mutter sagte zu ihm: „Alf, es war damals genauso. Vor dem Krieg.” Welcome back.
Und damit wären wir beim Widerspruch, der mich am meisten beschäftigt.
In diesem Land darf man jemanden als Nazi beschimpfen, als Rechtsextremen, als Gesellschaftsspalter – einfach weil er konservative Werte vertritt oder Dinge anspricht, die gerade nicht genehm sind bzw unbehagen im Gegenüber auslösen. Das wird dann auch nicht als Beleidigung gewertet sondern als Haltung gesehen – die Guten halt. Aber wer das Wort „Klimahysterie” in den Mund nimmt, steht im Verfassungsschutzbericht und wer Fragen stellt, wird beobachtet.
Als wäre das nicht genug, hat sich letzte Woche auch die EU-Kommission zu Wort gemeldet – mit einem Posting, das Menschen, die das Stadtbild in Paris kritisch betrachten, als Aluhutträger darstellt – bildlich gesprochen.
Dieses Bild macht sich über meine Warnehmung lustig. Dabei war ich in den letzten 3 Jahren zwei mal in Paris und von einigen Teilen der Stadt schockierten.
Genau das ist es, was Cancel Culture in ihrer ausgewachsenen Form tut. Sie zweifelt nicht Ihre Argumente an. Sie zweifelt Ihre Zurechnungsfähigkeit an. Sie sind nicht falsch – Sie sind krank, extremistisch, gefährlich. Und damit ist die Diskussion beendet, bevor sie begonnen hat.
Für mich ist das kein Zufall. Ein Staat, der eigenständig denkende Bürger nicht will, lenkt sie in die Bahnen in denen er vermeindlich eigenständig denken darf. Er lenkt die Aufmerksamkeit dorthin, wo sie ihm nicht wehtut.
Wir brauchen wieder mehr Grautöne
Am Ende unseres Gesprächs sagte Alf Poier etwas, das die Situation perfekt auf den Punkt bringt. Er beschrieb, wo wir gerade stehen, mit einem simplen Bild: Einer sagt, der Tisch ist schwarz. Der andere sagt, nein, der Tisch ist weiß. Und dann ist jede Diskussion vorbei. Über Grautöne kann man noch reden. Aber schwarz gegen weiß? Da geht nichts mehr.

Genau hier sind wir gelandet. Der eine nennt es Klimahysterie, der andere Klimarettung. Der eine sieht eine Plandemie, der andere eine Pandemie. Der eine sieht Satire, der andere sieht einen Objektivitätsverstoß. Der Tisch ist schwarz und der andere sagt weiß. Jede Diskussion endet, bevor sie beginnt. Und weil man sich nicht mal mehr auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen kann, braucht man das Gegenüber auch nicht mehr zu überzeugen. Man blendet es einfach aus.
Cancel Culture 2026. Sie ist nicht neu. Sie ist offizieller und staatlicher.

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