
Kommentar Alex Todericiu: „Good. Not good.“
Es gibt Begegnungen auf Augenhöhe. Und es gibt jene zwischen einem US-Präsidenten und einem seiner östlichen Amtskollegen, bei denen der Augenkontakt das meiste sagt – weil die Sprache nicht reicht. Oder die Zeit dafür.
„Fassen Sie sich bitte kurz“, hatte man den rumänischen Präsidenten gebeten, bevor er in Washington aufschlug. Und siehe da: Er konnte es. Ein Blick, ein Lächeln, ein einziges Wort: „Good.“ Washington strahlte. Weltpolitik in einem Silbenpaket. Nur zur Sicherheit fragte man nach – vielleicht könne der Präsident ja etwas konkreter werden? Er konnte: „Not good.“
Die Übersetzer zogen sich betreten zurück. Die Welt war informiert. Rumänien hat seit Ende der 90er diesen Nationalwitz.
Weil echte Diplomatie normalerweise in geschliffenen Floskeln, langen Sätzen, Phrasen voller nichtsagender Höflichkeiten verpackt wird, ist dieser Witz das komplette Gegenteil. Wie ein Haiku, eine traditionelle japanische Gedichtform, extrem kurz, aber oft tiefgründig und mit starker Wirkung.
Doch während man in Bukarest noch über das diplomatische Haiku nicht aufhören kann zu lachen, bereitet sich das Land erneut auf eine Wahl vor – nachdem die letzte bekanntlich abgesagt wurde. Ja, abgesagt. Denn die Demokratie zum Mitnehmen war leider ausverkauft.
Was war passiert?
Ein Kandidat hatte sich etwas zu gut geschlagen. Also wurde der ganze Wahlgang mit einem beherzten Griff in die demokratische Notbremse abgeräumt. Man wolle nicht „irrtümlich“ den Falschen gewinnen lassen, hieß es – frei nach dem Motto: Wenn du nicht verlieren kannst, sag einfach ab. Gründe? Eh, die Russen.
Jetzt soll also im Mai wirklich gewählt werden. Und diesmal sogar richtig. Elf Kandidatinnen und Kandidaten stehen bereit – motiviert, wie es Wahlplakate versprechen, staatsmännisch im Auftreten, machtbewusst im Innersten und öffentlich stets bemüht, dies als selbstlose Dienstbereitschaft zu tarnen: „dem Volke zu dienen“, versteht sich. Auffällig ist weniger, dass sie sprechen, sondern wie gleichförmig sie es tun. Alle haben viel zu sagen – zu viel vielleicht – und erstaunlicherweise sagen sie es fast wortgleich. Ein Wahlkampf wie ein gut eingeübtes Theaterensemble: Jeder hat seine Rolle, nur das Stück bleibt dasselbe.
Da wäre etwa der wortkarge Bürgermeister von Bukarest. Er spricht selten – und wenn, dann in Nebensätzen, die nach Flurlicht klingen: funktional, kalt, ohne Nachhall. Parteilos nennt er sich, was in Rumänien bedeutet: Er war mal irgendwo Parteimitglied, aber hat’s verdrängt.
Oder der Ex-Ministerpräsident, der sich vom Parteiveteranen zum Trump-Imitator wandelt.
Systemkritiker, nennt er sich. Ein Mann, der das System über Jahre geölt hat, um es jetzt mit importierter Wut aus dem US-amerikanischen Großhandel zu verprügeln.
Und dazwischen? Eine Parade der Willigen. Alle wollen flüstern. Am liebsten direkt ins Ohr von Washington oder Paris. Wer braucht schon das eigene Volk, wenn man in einem anderen Land Aufmerksamkeit kriegt?
Dabei stellt sich eine unbequeme Frage: Wie viele rumänische Präsidenten konnten eigentlich flüstern – in Fremdsprachen?
Antwort: Alle seit 1989. Mindestens eine Sprache, oft mehr. Heute jedoch scheint Fremdsprachenkompetenz schon fast suspekt. Wer zu viel Englisch spricht, gilt als abgehoben. Wer Französisch kann, als elitäres Relikt. Deutsch, ist einfach eine Fremdsprache! Und Rumänisch bleibt Muttersprache.
Was bleibt also übrig?
Ein Land im Wahlkampf, das sich fragt, ob die Demokratie nicht vielleicht ein bisschen leiser werden sollte. Oder wenigstens kürzer. „Good“ reicht ja schließlich. Und wenn nötig: „Not good“. Das versteht schon jeder.
Vielleicht ist das die Zukunft der Diplomatie: Präsidenten mit Audiokurzfassung. Wahlen in Bulletpoints. Programme in Emojis.
Und während Bukarest hofft, dass diesmal wirklich jemand gewinnt – irgendjemand –, flüstert sich die Republik in den Frühling. Der große Bruder aus Washington hört vielleicht schon hin. Oder auch nicht. Denn manchmal ist selbst „Not good“ noch zu viel gesagt.
Da wäre aber noch ein Kandidat: ein grauhaariger Alt-Parteivorsitzender und vor Jahren kurzzeitiger Interimspräsident des Landes – liebevoll ad hoc zusammengebastelt von der aktuellen Regierungskoalition in Bukarest. Sozialisten, Liberale und die ungarische Minderheit – alle vereint im Glauben an das politisch vernünftige Einhorn.
Pressegespräch statt Opernball
Nur einer tanzt schon – und zwar im Dreivierteltakt. Noch bevor der offizielle Wahlkampf überhaupt den ersten Schritt wagt, wiegt sich der Chef der nationalkonservativen AUR und frischgebackener Vizepräsident der Europäischen Konservativen und Reformer, bereits über das internationale Parkett. Schauplatz: Wien. Choreografie: sehr patriotisch. Pressegespräch statt Opernball – aber sein Walzer war unüberhörbar. Ein Mann, der zeigt, dass er nicht nur daheim den Takt angeben will, sondern auch im Ausland die ersten Schritte beherrscht. Und das einen ganzen Monat vor dem Urnengang. Wer so früh tanzt, will offenbar nicht eingeladen, sondern hofiert werden…
Bei seinem Besuch in Wien stellte dieser Mann, George Simion, sich der österreichischen Presse und plauderte mit eXXpress-Redakteur Stefan Beig über seine politischen Visionen und die Konkurrenz. Mit gewohntem Selbstbewusstsein kommentierte Simion in fließendem Englisch über seine Mitbewerber:
„Sie kämpfen tapfer, und ja, sie werden es wahrscheinlich bis in die zweite Runde schaffen – gegen mich. Ich hingegen hätte ehrlich gesagt lieber mein Wahlkampfbudget für schönere Dinge gespart und diese Wahl gleich in der ersten Runde gewonnen. Aber gut, wenn’s sein muss, spielen wir halt noch eine Verlängerung.“
Dr. Alex Todericiu, geb. 1967 in Bukarest, ist ein österreichischer Unternehmensberater
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