Diese Woche hat das Gewaltschutzzentrum Oberösterreich seine Halbjahresbilanz präsentiert. Die Zahl der betreuten Personen ist gestiegen, 88 Prozent der mutmaßlichen Täter waren männlich, 79 Prozent der Betroffenen weiblich. Häusliche Gewalt ist ein ernstes Problem. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Worüber wir aber sehr wohl diskutieren sollten, ist die Frage, welche gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Zusammenhang plötzlich in den Mittelpunkt gerückt werden.

Besondere Sorge bereiten den Vertreterinnen des Gewaltschutzzentrums nämlich Social-Media-Trends wie „Tradwives“, „Stay-at-home girlfriends“, die „Manosphere“ und Incels. Tradwife-Influencerinnen würden ein Bild der Frau verbreiten, die sich um Haushalt, Kinder und Mann kümmert, diesem ständig zur Verfügung steht und ihm das letzte Wort überlässt. Soziale Medien würden solchen Rollenbildern eine vollkommen neue Reichweite verschaffen.

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Was ist eine Tradwife?

Tradwife ist die Kurzform von „traditional wife“, also traditionelle Ehefrau. Das Cambridge Dictionary beschreibt damit eine verheiratete Frau, die zu Hause bleibt, kocht, putzt, sich um ihre Kinder kümmert und diesen Lebensstil häufig in sozialen Medien zeigt.

Natürlich gibt es Accounts, die ein tatsächlich problematisches Bild propagieren: Der Mann entscheidet, die Frau gehorcht, finanzielle Abhängigkeit wird romantisiert und Unterordnung als weibliche Bestimmung verkauft. Das kann und soll man kritisieren. Aber längst nicht alles, was unter dem Begriff Tradwife zusammengefasst wird, besteht aus sexueller Verfügbarkeit, männlicher Kontrolle und weiblicher Unterwerfung. Oft sieht man Frauen, die Brot backen, Gemüse anbauen, Kleider tragen, Kinder erziehen, Tiere halten oder ihr Leben am Land inszenieren. Manches davon ist wahrscheinlich so authentisch wie jedes andere Influencer-Leben. Also gar nicht. Schließlich wird auch das vermeintlich entschleunigte Dasein professionell gefilmt, geschnitten und vermarktet.

Trotzdem frage ich mich: Wovor genau sollen wir dabei Angst haben? Vor Frauen, die Tomaten anbauen? Vor selbst gebackenem Brot? Vor einem Glashaus? Vor dem Gedanken, dass eine Familie ihre Aufgaben anders verteilt, als es das gegenwärtige gesellschaftspolitische Ideal vorsieht?

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Ich persönlich kann den Wunsch nach einem solchen Leben jedenfalls zu mindest nachvollziehen. Die Sehnsucht nach Natur, Ruhe, Familie, Selbstversorgung und einem Alltag, dessen Abläufe man noch selbst beeinflussen kann.

Meine Familie baut selbst Obst und Gemüse an. Und wer einmal etwas aus dem eigenen Garten geerntet hat, weiß, dass es anders schmeckt. Vielleicht auch deshalb, weil man weiß, was davor passiert ist. Man entscheidet selbst, wie man mit dem Boden umgeht, welche Mittel eingesetzt werden und welche nicht. Man sieht, wie aus einem Samen langsam etwas entsteht. Zwischen der eigenen Arbeit und dem Ergebnis besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Das klingt banal. In unserer heutigen Welt ist es das aber längst nicht mehr.

Im Gewächshaus sprießen neben Tomaten, Zucchini und vielem mehr auch Gurken. Hier sehen Sie drei verschiedene Sorten.
Im Gewächshaus sprießen neben Tomaten, Zucchini und vielem mehr auch Gurken. Hier sehen Sie drei verschiedene Sorten.

Willkommen im Supermarkt der Illusionen

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle über „Honig, der keiner ist“ und den „Supermarkt der Illusionen“ geschrieben. Über Lebensmittel, die mit Natürlichkeit beworben werden, während man die Zutatenliste beinahe wie einen Beipackzettel studieren muss. Über Honig, der mit Zuckersirup gestreckt wird. Über Zucker, der nicht Zucker heißt, sondern Glukosesirup, Dextrose, Maltodextrin, Fruktose oder Invertzuckersirup.

Wir sollen eigenverantwortlich entscheiden, was wir essen, verstehen aber oft kaum mehr, was wir eigentlich kaufen. Zwischen uns und dem Produkt stehen internationale Lieferketten, Marketingabteilungen, industrielle Verarbeitung, schwer verständliche Kennzeichnungen und eine Lebensmittelwirtschaft, die mit Natürlichkeit genauso Geld verdient wie mit Künstlichkeit. (Vielleicht erklärt das einen Teil der Sehnsucht nach Selbstversorgung.)

Wenn selbst bei einem Glas Honig nicht mehr selbstverständlich ist, dass darin Honig steckt, erscheint der Wunsch, wieder selbst anzubauen, einzukochen und zu wissen, woher das Essen kommt, nicht rückständig. Er erscheint vernünftig. Und damit wären wir bei einem viel größeren Phänomen.

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Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend

Die Trend- und Zukunftsforscher dieser Welt formulieren es recht simpel: „Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend.“

Je digitaler das Leben wird, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Analogen. Je schneller die Welt wird, desto attraktiver erscheint die Langsamkeit. Je undurchsichtiger die Systeme werden, desto stärker wächst der Wunsch nach Überschaubarkeit. Je virtueller unsere Beziehungen, Arbeitsprozesse und Erfahrungen werden, desto größer wird das Bedürfnis, etwas mit den eigenen Händen zu machen.

Wir wurden jahrelang darauf vorbereitet, dass neue Technologien uns Zeit schenken würden. E-Mails waren schneller als Briefe. Onlinebanking ersparte uns den Weg zur Bank. Smartphones vereinten Kamera, Telefon, Kalender, Zeitung, Navigationsgerät und Arbeitsplatz in einem kleinen Apparat.

Heute hilft uns künstliche Intelligenz dabei, Texte zu verfassen, Informationen zusammenzufassen, Bilder zu erstellen, Termine zu organisieren und Aufgaben zu automatisieren.

Und trotzdem scheint niemand mehr Zeit zu haben.

Technik spart einzelne Arbeitsschritte ein, erhöht aber gleichzeitig die Zahl der möglichen Arbeitsschritte. Weil etwas schneller erledigt werden kann, wird nicht weniger verlangt, sondern mehr. Wir beantworten nicht drei Briefe, sondern 40 Nachrichten. Wir lesen nicht eine Zeitung am Morgen, sondern werden von der Früh bis zum Einschlafen mit Schlagzeilen, Videos, Kommentaren, E-Mails und Push-Nachrichten versorgt. Alles beschleunigt sich. (An dieser Stelle möchte ich Ihnen empfehlen, die Benachrichtigungen auf Ihrem Handy zumindest teilweise auszuschalten. Das nimmt bereits viel kurzfristigen Stress, weil das Handy nicht permanent summt, vibriert oder anderweitig auf sich aufmerksam macht. Ich mache das seit Jahren und kann Ihnen versichern: Sie verpassen nichts, egal, wie stressig es gerade ist.)

Daher erscheint mir der Tradwife-Trend als ein Symptom unserer Zeit. Als romantisierte Gegenwelt zu einem Alltag, in dem immer mehr Menschen das Gefühl haben, zwar ständig vernetzt, aber kaum noch bei sich selbst oder wirklich miteinander verbunden zu sein.

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Ein Video über unsere mögliche Zukunft

Apropos vernetzt sein: Vergangene Woche saß ich mit Freunden zusammen. Wie so oft kamen wir irgendwann auf künstliche Intelligenz zu sprechen.

Die einen sehen KI als faszinierendes Werkzeug und als logischen nächsten Schritt der technologischen Entwicklung. Sie glauben, dass wir in diese Zukunft ohnehin hineinwachsen werden und dass es wenig bringt, sich davor zu fürchten. Andere betrachten dieselbe Entwicklung mit erheblicher Sorge.

Ein Freund machte mich auf ein Video aufmerksam, das sich auf das Buch „Life 3.0: Being Human in the Age of Artificial Intelligence“ stützt. Geschrieben hat es Max Tegmark, ein Physiker und Professor am Massachusetts Institute of Technology. Seine heutige Forschung beschäftigt sich unter anderem mit der Verbindung von Physik und künstlicher Intelligenz. (Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe mir das Video angesehen.)

Darin werden zwölf mögliche Zukunftsszenarien durchgespielt. Manche erscheinen paradiesisch, andere wie Albträume – und einige wie ein Paradies, bei dem man erst später bemerkt, dass man darin gefangen ist – ein Goldenerkäfig also.

In einem Szenario verwaltet eine „wohlwollende Diktatorin“ in Form einer künstlichen Superintelligenz die Gesellschaft. Sie sorgt für Sicherheit, Wohlstand und Ordnung, setzt aber strikte Regeln durch. Die meisten Menschen akzeptieren das, weil es ihnen materiell gut geht.

In einem anderen Szenario werden Menschen von Maschinen wie Tiere in einem Zoo gehalten. Nicht unbedingt, weil die künstliche Intelligenz sie hasst, sondern weil sie für deren Ziele kaum noch Bedeutung besitzen.

Dann gibt es die Rückkehr in eine vorindustrielle Welt: Die Menschen verzichten auf moderne Technik und leben ähnlich wie die Amish. Und schließlich das Szenario „1984“: Nicht eine künstliche Intelligenz übernimmt die Herrschaft, sondern Menschen errichten einen weltweiten Überwachungsstaat, um die weitere Entwicklung gefährlicher Systeme zu verhindern. Tegmarks Szenarien umfassen tatsächlich sowohl die Rückkehr in eine vormoderne Gesellschaft als auch einen von Menschen geführten Orwell’schen Überwachungsstaat.

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George Orwells „1984“ war auch mein erster Gedanke.

Das Video verweist darauf, dass bereits heutige Technik große Teile unseres Lebens erfassen kann: Kommunikation, Suchanfragen, Bewegungen, Zahlungen und Kamerabilder. Für eine weitreichende Überwachung wäre noch nicht einmal eine allwissende Superintelligenz nötig.

Die technischen Voraussetzungen sind also längst nicht mehr reine Science-Fiction. Ob daraus tatsächlich einmal ein umfassender Überwachungsstaat entsteht, dürfen Sie an dieser Stelle selbst beurteilen. Ich für mich sage ganz klar: ja. Die ersten Anzeichen sind bereits erkennbar. Wie auch immer: Das ist nicht der Punkt, den ich hier machen möchte.

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Kann man den Fortschritt überhaupt aufhalten?

Was mir an dem Video besonders gefallen hat, war ein Gedanke, der sich durch mehrere Szenarien zieht. Technologischer Fortschritt lässt sich kaum dadurch verhindern, dass einzelne Menschen oder einzelne Länder aussteigen. Entscheidet sich ein Staat, keine leistungsfähige künstliche Intelligenz mehr zu entwickeln, während andere weitermachen, besitzen diese möglicherweise bald die besseren wirtschaftlichen Systeme, die stärkeren Überwachungsinstrumente und die überlegenen Waffen. Ein einseitiger Ausstieg würde nicht automatisch Frieden erzeugen. Er würde vor allem bedeuten, dass jene gewinnen, die nicht ausgestiegen sind.

Deshalb wird weitergeforscht werden. Nicht, weil jeder einzelne Forscher böse ist oder weil jeder dieses Ziel unbedingt erreichen möchte. Staaten, Unternehmen und Menschen konkurrieren miteinander. Gleichzeitig liegt im Menschen ein kaum zu stillender Drang, immer mehr wissen, verstehen und erschaffen zu wollen.

Die Menschheit begann mit einfachen Werkzeugen aus Stein. Heute entwickeln wir Maschinen, die mit uns sprechen, Bilder erschaffen, Krankheiten erkennen und selbstständig lernen können. Allein in den vergangenen hundert Jahren hat sich unsere Lebensrealität in einem Ausmaß verändert, das für frühere Generationen kaum vorstellbar gewesen wäre.

Haben Sie einmal mit einem Menschen gesprochen, der einen großen Teil dieser Entwicklung selbst miterlebt hat? Meine Großmutter wurde 1919 geboren und starb 2023. In ihrem Leben erlebte sie den Aufstieg des Radios und des Fernsehens, die Verbreitung von Autos und Flugreisen, medizinische Fortschritte, die Mondlandung, Computer, das Internet, Smartphones und schließlich die ersten öffentlich zugänglichen Systeme künstlicher Intelligenz. Sie können sich kaum vorstellen, wie fremd ihr diese Welt gegen Ende ihres Lebens vorkam.

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Und doch wurde keine dieser Entwicklungen von einem einzelnen Menschen beschlossen. Sie geschahen Schritt für Schritt. Eine Erfindung baute auf der nächsten auf. Was anfangs außergewöhnlich erschien, wurde wenige Jahre später zum gewöhnlichen Bestandteil des Alltags. Vielleicht wird es uns mit künstlicher Intelligenz genauso ergehen. In einigen Jahren wird die Welt vollkommen anders aussehen, ohne dass wir einen bestimmten Tag benennen könnten, an dem sie sich verändert hat.

Daher stellt sich nicht nur die Frage, ob wir diese Entwicklung wollen. Wir können sie nicht aufhalten. Es stellt sich vor allem die Frage, wie wir mit einer Entwicklung umgehen, die niemand allein kontrollieren kann. Wer entscheidet, welche Ziele eine mächtige künstliche Intelligenz verfolgen soll? Wer definiert, was gut ist? Die Entwickler? Die Eigentümer der Unternehmen? Regierungen? Internationale Organisationen? Die Bevölkerung? Sehen sich jene, die diese Systeme entwickeln, als die Guten, weil sie Fortschritt ermöglichen? Vielleicht sind sie es sogar. Vielleicht glauben sie, Krankheiten besiegen, Armut überwinden und Menschen von mühsamer Arbeit befreien zu können.

Aber was geschieht, wenn die Werkzeuge, mit denen man das Gute erreichen will, eine Macht entwickeln, die niemand mehr kontrollieren kann? Die Geschichte zeigt nicht unbedingt, dass Menschen technische Möglichkeiten besonders zurückhaltend eingesetzt haben. Was entwickelt werden konnte, wurde meist irgendwann entwickelt. Was Macht versprach, wurde verwendet. Und was zunächst dem Fortschritt dienen sollte, konnte später auch der Kontrolle, Ausbeutung oder Vernichtung dienen.

Welche Zukunft wollen wir?

Ausgerechnet künstliche Intelligenz führt uns zurück zu den ältesten Fragen der Menschheit. Was sind wir? Was machen wir hier? Was unterscheidet menschliche Intelligenz von einer Maschine, wenn diese eines Tages schneller schreibt, besser rechnet, präzisere Diagnosen stellt und mehr Wissen verarbeitet als wir? Und was bleibt vom Menschen, wenn sein wirtschaftlicher Wert sinkt? Ist unser Sinn tatsächlich unsere Leistung, unsere Arbeit und unsere Nützlichkeit? Was wäre ein gutes Leben in einer Welt, in der Maschinen fast alles Notwendige erledigen könnten?

Vielleicht wäre es genau jenes Leben, das heute teilweise als rückständig belächelt oder sogar problematisiert wird. Zeit mit anderen Menschen. Familie. Natur. Essen anbauen. Etwas erschaffen, nicht weil es besonders effizient ist, sondern weil die Tätigkeit selbst Bedeutung hat. Vielleicht würden wir ausgerechnet am Ende des maximalen technologischen Fortschritts wieder entdecken, dass ein erfülltes menschliches Leben nicht allein aus Produktivität besteht.

Max Tegmarks Botschaft ist nicht, dass eines seiner zwölf Szenarien unausweichlich eintreten wird. Vielmehr sollten wir nicht passiv fragen, was geschehen wird, als wäre die Zukunft bereits festgelegt. Wir sollten darüber sprechen, welche Zukunft wir wollen und wie wir sie gestalten können. Das setzt allerdings voraus, dass diese gesellschaftliche Diskussion überhaupt stattfindet.

Stattdessen diskutieren wir darüber, ob Frauen in sozialen Medien zu viel Brot backen, während die Causa Ruck nur die nächsten Symptome jenes grindigen Abgrunds sind, den Österreichs politisches System längst offenbart. Postenschacher, Machterhalt und die Versorgung der eigenen Leute überraschen schließlich niemanden mehr, oder glauben Sie tatsächlich noch, dass dieses System in seiner jetzigen Form ernst zu nehmen ist?

Vielleicht sollten wir uns weniger davor fürchten, dass Menschen zurück zur Natur wollen, und mehr darüber sprechen, vor welcher Zukunft sie sich eigentlich dorthin zurückziehen.