Der Eurovision Song Contest (ESC) soll Wien Glanz, Musik und Millionenpublikum bringen. Doch rund um das Musikfest wächst die Sorge vor Protesten, Störaktionen und antiisraelischer Eskalation.

Unter dem Motto „No Stage for Genocide“ – „Keine Bühne für den Genozid“ – mobilisieren Aktivisten gegen Israels Teilnahme. Schon die Parole zeigt: Es geht nicht nur um Kritik an Benjamin Netanjahu oder an der israelischen Regierung. Der jüdische Staat soll beim ESC keine Bühne bekommen.

Antizionisten im Rausch

Für den 15. Mai ist am Maria-Theresien-Platz ein „Song Protest“ geplant – als musikalisches Gegenevent zum Song Contest. Unterstützt wird er laut Palästina Solidarität unter anderem von Ex-Pink-Floyd-Musiker Roger Waters und Violinist Michael Barenboim.

Am 16. Mai, den Finaltag, soll eine Großdemonstration am Christian-Broda-Platz stattfinden. Die Demo soll Richtung Stadthalle ziehen. Das Ziel: den ESC mit dem Ruf „No Stage for Genocide!“ zu übertönen.

Bereits für den 12. Mai wurde eine Pressekonferenz unter demselben Motto angekündigt. Einer der zentralen Aktivisten ist Rafael Eisler, Social-Media-Aktivist und Unterstützer der Global Sumud Flotilla. Die Forderung: Israel raus aus dem ESC.

Eisler wirft dem Song Contest „Artwashing“ vor. Gemeint ist: Israel nutze Kultur und Musik angeblich, um sein Image reinzuwaschen. Eisler wird von Palästina Solidarität mit den Worten zitiert: „Mit der Teilnahme Israels läuft der Song Contest Gefahr, Artwashing zu betreiben. Wir fordern daher den Ausschluss Israels.“

Damit wird deutlich: Es geht nicht nur um Netanjahu. Nicht nur um Gaza. Nicht nur um eine Regierung. Es geht um den Ausschluss israelischer Künstler von einer europäischen Kulturbühne. Doch genau daran spaltet sich nun die Linke.

Aufgeheizte Stimmung in Wien

Die Eskalation kündigt sich seit Tagen an. In Wien wurden ESC-Plakate mit Parolen wie „Boycott Zionism“ überklebt. Im Netz kursieren Videos brennender Israel-Fahnen.

Beim Maiaufmarsch der SPÖ tauchte ein Transparent mit der Aufschrift „Keine Bühne für den Völkermord. Israel raus aus dem ESC“ auf – bis die Parteiführung einschritt.

Beim Europatag wurden Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) von propalästinensischen Aktivisten ausgebuht – der exxpress berichtete. Ludwig reagierte mit dem Satz: „Wir lassen uns hier nicht wegterrorisieren.“

Im Umfeld der Mobilisierung tauchen bekannte Namen auf. Der Standard nennt unter anderem die Aktivistin Viktoria Eibensteiner, den Influencer Rafael Eisler, den ehemaligen Skirennläufer und Letzte-Generation-Aktivisten Julian Schütter sowie die Millionenerbin Marlene Engelhorn. Schütter war bereits bei der Gaza-Flottille aktiv; Engelhorn soll bei einer Kundgebung angekündigt sein.

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Grüne Jugend: „Null Punkte für Antisemitismus“

Eine überraschend klare Gegenstimme kommt von der Grünen Jugend Österreich. In einem englischsprachigen Video zum ESC sagt die Jugendorganisation: „Mit Blick auf den diesjährigen Eurovision Song Contest in Wien geben wir, die Grüne Jugend Österreich, null Punkte für Antisemitismus.“

Das Video erinnert an Yuval Raphael, die israelische ESC-Teilnehmerin von 2025 und Überlebende des Nova-Massakers. Sie hatte den 7. Oktober überlebt, indem sie sich unter Leichen versteckte, während Hamas-Terroristen und weitere Angreifer aus Gaza ein beispielloses Massaker an Zivilisten verübten.

Die Grüne Jugend zieht eine klare Grenze: „Politische Kritik an der rechtsextremen Regierung, am Krieg in Gaza und an Siedlergewalt ist gerechtfertigt.“ Doch Boykottbewegungen, die jüdische Menschen aus Kunst und Kultur ausschließen und sie zu Zielscheiben von Hass und Hetze machen, müssten als das bezeichnet werden, was sie seien: „antisemitisch“.

Und weiter: „Die Existenz Israels abzulehnen und jüdische Künstler auszuschließen, hat nichts mit linker Kritik zu tun.“

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Der blinde Fleck seit dem 7. Oktober

Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 erleben Juden und Israelis in Europa und den USA eine neue Welle der Feindschaft. Eine zentrale Wurzel liegt im Postkolonialismus und seiner Lesart des Nahostkonflikts.

Israel erscheint in diesem Denken nicht mehr als Staat, für den dieselben Regeln gelten wie für jeden anderen, sondern als „Siedlerkolonialismus“, „Apartheidstaat“ und angebliche Speerspitze westlichen Imperialismus.

Eingebettet ist das in ein Täter-Opfer-Denken, in dem selbst barbarische Verbrechen an Frauen, Kindern und alten Menschen zum „Widerstand“ umgedeutet werden, sobald sie sich gegen die angeblichen Täter richten.

Was diese Ideologie nicht mehr wahrnehmen kann – oder will –, ist der Zivilisationsbruch des 7. Oktober: der gezielte Angriff auf die Grundregel, dass Zivilisten niemals legitime Ziele sind.

Das alarmiert auch Linke. Denn wenn Machtverhältnisse darüber entscheiden, ob ein Mensch unschuldig ist, verlieren universelle Regeln ihre Gültigkeit. Es gibt am Ende keine unschuldigen Zivilisten mehr, Unschuld wird verhandelbar – und das Tor zur Barbarei geöffnet.

Konsequenterweise verschwindet für postkoloniale Antizionisten Israel als jüdischer Zufluchtsstaat nach Pogromen und Shoah aus dem Bild. Arabischer und islamischer Antisemitismus ebenfalls. Genau dieses Raster steckt hinter vielen heutigen Boykottparolen.

Wer mobilisiert?

Hinter den Protesten stehen keine unbekannten Einzelaktivisten. Abgesehen von ausländischen Akteuren, die zum ESC nach Wien reisen, geht es um ein seit Jahren aktives Milieu.

Palästina Solidarität Österreich ist die zentrale Plattform der aktuellen Mobilisierung. Sie bewirbt Proteste, vernetzt Gruppen und ruft zur Demonstration gegen Israels ESC-Teilnahme auf.

BDS Austria ist der österreichische Ableger der internationalen Boykottbewegung gegen Israel. Ziel ist politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Druck auf den jüdischen Staat. Im Nationalrat wurde BDS im Jahr 2020 von allen fünf Parteien als antisemitisch verurteilt.

Die Antiimperialistische Koordination (AIK) ist eine alte Kleingruppe aus dem antiimperialistischen Milieu. Die Aktion gegen Antisemitismus stuft sie als antisemitisch ein; für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands ist sie ein Paradebeispiel für „Antisemitismus im linken Gewand“.

Die Liste Gaza übersetzte die Protestbewegung 2024 in ein Wahlprojekt. Sie trat als „Liste GAZA – Stimmen gegen den Völkermord“ an und erreichte laut eigener Aussendung bei der Nationalratswahl 19.310 Stimmen.

Ein dichtes Netzwerk

Willi Langthaler ist eine zentrale Figur bei Palästina Solidarität und AIK. Er und andere Namen hinter diesen Initiativen stehen nicht für eine Massenpartei. Sie stehen für ein dichtes Aktivistennetz: kleine Gruppen, lange Vorgeschichte, starke Parolen, hohe Mobilisierungskraft.

Palästina Solidarität Österreich gilt seit dem 7. Oktober 2023 als zentrale Dachplattform der pro-palästinensischen Mobilisierung. Sie soll als „Brückenkopf“ zwischen antiimperialistischer Palästina-Solidarität und palästinensischen Vereinsstrukturen fungieren.

So entsteht ein heterogenes Milieu aus palästinensischen Vereinen, BDS-Aktivisten, antiimperialistischen Kleingruppen, islamistischen Akteuren und einzelnen Personen aus verschwörungsideologischen Milieus.

Die AIK hat zuletzt sogar den „Widerstand“ des Iran gegen die USA und Israel gewürdigt. Laut Standard wollen selbst KPÖ, Sozialistische Jugend Österreich und Attac Österreich nun nicht gemeinsam mit AIK-nahen Initiativen gegen den ESC demonstrieren.

Dar al Janub: Schnittstelle zu BDS und AIK

Als Paradebeispiel für die langjährigen Überschneidungen von radikaler Linker, BDS-Milieu und Islamismus gilt der Verein Dar al Janub. Eine direkte Rolle bei den aktuellen ESC-Protesten ist damit nicht belegt; der Verein zeigt aber, aus welchem ideologischen Umfeld Teile der antiisraelischen Szene in Österreich seit Jahren kommen.

Die Dokumentationsstelle Politischer Islam nennt Dar al Janub ein „Bindeglied zwischen Islamismus und radikaler Linken“. Nach außen erscheine der Verein als friedenspolitische und antirassistische Initiative: Entwicklungshilfe, Filmscreenings, antirassistische Aktionen, islamische Festessen. Dahinter sieht die Dokumentationsstelle jedoch ein Weltbild, das „alles Gute“ dem globalen Süden und „alles Negative“ dem Westen zuschreibe.

Laut Bericht gehe der Verein Bündnisse mit linksextremen und antisemitischen Gruppen ein. Genannt werden frühere Kooperationen mit der Kommunistischen Jugend Österreich, der AIK und dem AFA-Infoblatt, einer linksradikalen Antifa-Publikation. Auch ein Naheverhältnis zu Samidoun wird beschrieben – einem Netzwerk, das als Solidaritätsorganisation für palästinensische Gefangene auftritt, aber wegen Terrorverherrlichung und Israelhass in der Kritik steht. Samidoun steht laut Bericht der PFLP nahe, der marxistisch-leninistischen „Volksfront zur Befreiung Palästinas“, die in der EU als Terrororganisation gelistet ist.

Besonders konkret wird es bei BDS: Oliver Hashemizadeh habe in Personalunion als Sprecher von Dar al Janub und des österreichischen BDS-Ablegers fungiert.

Der Streit reicht in den Kulturbetrieb

Der Konflikt bleibt nicht auf der Straße. Er reicht in Medien, Kultur und Parteien hinein.

Eine Podcast-Folge des ORF-Senders FM4 zur Israel-Teilnahme beim Song Contest ließ keine klar proisraelische Stimme zu Wort kommen – der exxpress berichtete. Der Tenor: Israel gehöre wegen des Gaza-Kriegs nicht auf die ESC-Bühne.

Brisant: Eine Gesprächspartnerin wurde als ESC-Fan vorgestellt – nicht aber als SPÖ-Bezirksrätin. Auch das zeigt, wie tief der Streit in linke Milieus hineinreicht.

Am Finaltag soll der Protest Richtung Stadthalle ziehen. Dort tritt nicht Netanjahu – sondern ein israelischer Künstler. Dasselbe Schauspiel konnte man bereits bei der Biennale in Venedig sehen: Auch dort wollten Demonstranten einen israelischen Künstler nicht akzeptieren. Der Kulturbetrieb wird damit zum Brennglas eines linken Problems: Kritik an Israel kippt in den Ausschluss israelischer Künstler – und damit in Antisemitismus.

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