Beim größten Windkraftprojekt Oberösterreichs sind 119 Stellungnahmen und Einwendungen eingelangt – und es dürften noch mehr werden. Das erklärt Sonja Schobesberger, Sprecherin der Bürgerinitiative gegen den Windpark Sandl, auf exxpress-Anfrage. Denn das UVP-Verfahren wird nach der sogenannten Espoo-Konvention grenzüberschreitend geführt: Auch in Tschechien läuft noch eine eigene Frist zur Stellungnahme. „Wir erwarten, dass hier noch weitere Stellungnahmen einlangen werden, die dann gleichermaßen im UVP-Verfahren zu berücksichtigen sind“, so Schobesberger.

Der geplante Windpark Sandl im Mühlviertel – 19 Anlagen, 137 Megawatt, direkt an der tschechischen Grenze – ist das mit Abstand größte der sechs Windkraftprojekte, die derzeit in Oberösterreich im Genehmigungsverfahren stecken. exxpress hat darüber berichtet. Nun legt die Bürgerinitiative nach.

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Vielseitige Bedenken der Bürgerinitiative

Das Projektgebiet liegt mitten im „European Green Belt“ und in der Important Bird Area Freiwald – einem Lebensraum für geschützte Arten wie Luchs, Uhu, Seeadler oder Waldschnepfe. Im Gebiet befänden sich mit der Sepplau und der Langen Au zudem Moore, die die Naturschutzabteilung des Landes als besonders wertvoll ausgewiesen habe und die als hocheffiziente CO2-Speicher gelten. Die Initiative warnt weiter vor einer Minderung der Liegenschaftswerte im Nahbereich, vor Lärm- und Schattenbelastung und vor einem irreversiblen Eingriff ins Landschaftsbild: Die geplanten Anlagen sollen 285 Meter hoch werden. Ein zentraler Vorwurf bleibt aber das Vorgehen des Landes: Noch im Dezember 2024 habe die Landesregierung den Windpark Sandl öffentlich als „undenkbar“ bezeichnet, ehe Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) im August 2025 erklärte, bereits eingereichte Projekte könnten trotz Ausschlusszone weitergeführt werden.

Hier erkennt man die ausgewiesenen Naturschutzgebiete.
Hier erkennt man die ausgewiesenen Naturschutzgebiete.

„Was soll sich an diesen Tatsachen geändert haben?“

Für Schobesberger sind die 119 Einwendungen ein deutliches Signal: Für Schobesberger sind die 119 Einwendungen ein deutliches Zeichen: „119 in Österreich eingelangte Stellungnahmen sind ein klares Signal, dass viele Organisationen und Bürger Bedenken hinsichtlich des Windparks Sandl haben.“ Den eigentlichen Widerspruch des Projekts sieht sie aber woanders – nämlich in der Haltung der Landespolitik selbst. Die Region Mühlviertel-Nordost sei vom Land aufgrund mehrerer naturschutzfachlicher Tatsachen zur Windkraft-Ausschlusszone erklärt worden. Ihre Frage: „Was soll sich an diesen Tatsachen in den letzten beiden Jahren geändert haben?“

Rückenwind bekommt die Initiative von der Oö. Umweltanwaltschaft, die die eingereichten Projektunterlagen als nicht UVP-tauglich bezeichnet hatte. Für Schobesberger legt diese Kritik einen Verdacht nahe: „Das legt die Vermutung nahe, dass es im Hintergrund entsprechenden Druck gab.“

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Der Streit um die Alternativen

Besonders scharf kritisiert die Bürgerinitiative die Art, wie die Debatte geführt wird. Sie sei „wiederholt zugespitzt“ worden – „entweder hier oder keine Energie“. Schobesberger fragt: „Wem nutzt diese Zuspitzung?“ Aus Sicht der Initiative werde zu wenig über naturverträglichere Alternativen gesprochen: „Es gibt Alternativen, man muss sie nur ernsthaft sehen und angehen wollen.“ Man sei überzeugt, dass Energieausbau und Naturschutz in Österreich Hand in Hand gehen könnten.

Dass die Initiative dabei nicht nur dagegen ist, sondern eigene Vorschläge macht, dokumentiert sie auf ihrer Website unter dem Leitgedanken „Gebäude vor Fläche“: Statt unberührte Natur- und Forstflächen zu nutzen, solle der Fokus auf bereits versiegelten Flächen liegen. Konkret nennt die Bürgerinitiative unter anderem Photovoltaik auf den Millionen Quadratmetern ungenutzter Dachflächen und über Parkplätzen, Agri-Photovoltaik über hagelgefährdeten Gemüsefeldern wie im Eferdinger Becken, die Modernisierung bestehender Klein- und Mittelwasserkraftwerke im Mühlviertel, den Ausbau von Geothermie – im oberösterreichischen Molassebecken als „schlummernder Riese“ bezeichnet – sowie Biomasse, Batteriespeicher, Energiegemeinschaften und einen forcierten Netzausbau, damit überschüssiger Windstrom aus Norddeutschland transportiert werden kann.

Einen Vorschlag hebt Schobesberger besonders hervor: Auf der Website hatte die Initiative angeregt, die Abwärme des geplanten Google-Rechenzentrums im oberösterreichischen Kronstorf zu nutzen – Rechenzentren wandeln nahezu den gesamten Stromverbrauch in Wärme um, die sich über Wärmetauscher in Fernwärmenetze einspeisen ließe. Kurze Zeit später forderten die Grünen Oberösterreich genau das – laut ORF verlangten sie Ende Juni eine verbindliche Strategie zur Abwärmenutzung des Rechenzentrums. Dass die Grünen damit ihren eigenen Vorschlag aufgegriffen hätten, ist die Darstellung der Initiative; der ORF-Bericht selbst nennt Sandl als Ideengeber nicht.

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„Gäbe es keine Bürgerinitiative …“

Von ihrer eigenen Wirkung ist Schobesberger überzeugt. Ohne die Initiative, so ihr Argument, würde im Verfahren weniger genau hingeschaut: „Dann würde im UVP-Verfahren weniger genau hingeschaut werden, als es jetzt ex lege getan werden muss – eben dank der ganzen Einwendungen.“ Zudem sei es gelungen, die tschechische Seite zu mobilisieren, wo es lange kaum handfeste Informationen zum tatsächlichen Ausmaß des grenznahen Projekts gegeben habe.

Die Frage, ob sie sich von den Entscheidungsträgern ernst genommen fühle, weist Schobesberger als überholt zurück: Sie stelle sich „zum jetzigen Zeitpunkt – in dem das UVP-Verfahren bereits auf Hochtouren läuft – nicht mehr“, weil es nun an den Behörden liege, Naturschutz und Energieausbau gegeneinander abzuwägen.

Auf der Website der Bürgerinitiative findet man einige Illustrationen zu dem geplanten Projekt.
Auf der Website der Bürgerinitiative findet man einige Illustrationen zu dem geplanten Projekt.

Wie es weitergeht

Die Zahl der Unterstützer wächst unterdessen weiter: Nach Angaben der Initiative unterzeichneten mittlerweile 3.893 Menschen die Petitionen gegen das Projekt – zusammengezählt aus der deutsch- und der tschechischsprachigen Variante. Die eingelangten Einwendungen werden nun von Sachverständigen bewertet, danach folgt die mündliche Verhandlung. Mit einem Bescheid ist frühestens in Monaten zu rechnen – und mit den Stellungnahmen aus Tschechien dürfte die Zahl der Einwände bis dahin weiter steigen.