Nach Jahren der Debatte gibt es nach wie vor kein Denkmal für den polnischen König und Befreier von Wien, Jan III. Sobieski, am Wiener Kahlenberg.

Im Februar 2026 scheiterte ein entsprechender Antrag der ÖVP Wien. Die FPÖ stimmte dafür, SPÖ, Grüne und Neos lehnten jedoch ab.

Die türkischstämmige SPÖ-Gemeinderätin Aslihan Bozatemur stellte in einem Instagram-Eintrag vom 18. Februar klar: „In Wien gibt es keinen Platz für ein Denkmal, das Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit oder antitürkische Stimmung fördert.“

Der exxpress interviewte den polnischen Botschafter in Österreich, Zenon Kosiniak-Kamysz. In dem Gespräch erklärt er die polnische Sicht auf das verhinderte Sobieski-Denkmal.

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Kilic: „Man muss akzeptieren, dass es keine zivilgesellschaftliche Unterstützung gab“

Dieses Onlinemedium wollte auch wissen, wie in Österreich lebende Türken und die türkische Wiener Community die Debatte beurteilt. Doch weder die SPÖ-Gemeinderätin Bozatemur, noch der türkische Botschafter in Österreich, Gürsel Dönmez, und der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich, Ümit Vural, antworteten auf die exxpress-Interviewanfrage.

Birol Kilic sprach mit diesem Onlinemedium. Der in Istanbul geborene Autor, Publizist und Herausgeber einer Zeitung für türkischstämmige Österreicher merkt an, dass die Diskussion rund um die Sobieski-Statue lediglich im Wiener Gemeinderat stattfand.

„Man muss akzeptieren, dass es keine zivilgesellschaftliche Unterstützung gab. Es waren nur parteipolitische Anträge. Parlamente dürfen über Geschichte nicht entscheiden“, sagt Kilic, der auch der Präsident der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich ist.

Sehen Sie hier das Interview:

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Kilic beantwortete die exxpress-Fragen aber auch noch schriftlich in längerer Version:

Herr Kilic, Sie kommen aus der Türkei und sind Muslim. Wie stehen Sie zu dem Sobieski-Denkmal?

Meine persönliche Herkunft ist hier nicht entscheidend. Ich spreche als österreichischer Staatsbürger, als Verfassungspatriot und als Vertreter der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich mit einem klaren Fokus auf das Gemeinwohl.

Jan III. Sobieski ist zweifellos eine bedeutende historische Figur Europas. Seine Rolle beim Entsatz Wiens im Jahr 1683 ist historisch belegt und Teil der europäischen Erinnerung. Auch der Österreicher Ernst Rüdiger von Starhemberg war ein großartiger Verteidiger, der in der Türkei als Held mit Respekt erinnert wird – wenn auch vor allem dank seines Glücks.  Das anzuerkennen gehört zur historischen Redlichkeit. Aber Geschichte endet nicht im Jahr 1683.

Nur 89 Jahre später begann mit der ersten Teilung Polens im Jahr 1772 die systematische Zerschlagung desselben Staates, dessen König Sobieski war. Es folgten die zweite Teilung 1793 und die dritte Teilung 1795. Beteiligt waren Russland unter Katharina II., Preußen unter Friedrich II. beziehungsweise später Friedrich Wilhelm II. und Österreich unter Maria Theresia sowie danach Joseph II. Das Ergebnis war eindeutig: Polen verschwand für 123 Jahre vollständig von der Landkarte Europas und kehrte erst 1918 als Staat zurück.

„Sobieskis Name sollte nicht verkürzt und politisch aufgeladen werden“

Das ist ein zentraler historischer Zusammenhang, der nicht ausgeblendet werden darf. Österreich war dabei nicht nur Beobachter, sondern aktive Teilungsmacht. Wenn heute Sobieski hervorgehoben wird, dann muss auch dieser Teil der Geschichte mitgedacht werden.

Birol Kilic ist unter anderem der Herausgeber einer Zeitung für türkischstämmige Österreicher.
Birol Kilic ist unter anderem der Herausgeber einer Zeitung für türkischstämmige Österreicher.

Gerade weil Polen Jan III. Sobieski mit Recht als historische Größe ehrt, sollte sein Name heute nicht verkürzt und politisch aufgeladen werden. Sobieski steht für einen historischen Moment von 1683. Aber die polnische Geschichte ist größer als ein einziges Schlachtfeld.

Das Osmanische Reich erkannte die Teilung Polens nicht an

Gleichzeitig zeigt die Geschichte ein anderes, oft übersehenes Bild: Während Polen geteilt wurde, hat das Osmanische Reich diese Teilungen politisch nicht anerkannt. Am Hof des Sultans blieb symbolisch ein Platz für den polnischen Gesandten frei. Auf die Frage nach seiner Abwesenheit lautete die Antwort sinngemäß: „Der Gesandte von Lehistan ist noch unterwegs.“

Das war keine bloße Formalität, sondern Ausdruck eines politischen Prinzips: Ein Staat verschwindet nicht aus der Geschichte, nur weil er geopolitisch zerschlagen wurde.

Diese Haltung setzte sich auch praktisch fort. Nach den polnischen Aufständen von 1830/31 und 1863 fanden mehrere tausend polnische Patrioten Zuflucht im Osmanischen Reich.

Geschichte sollte nicht instrumentalisiert werden

Wenn historische Figuren aus ihrem komplexen Kontext herausgelöst und in aktuelle gesellschaftliche Debatten eingebettet werden, besteht die Gefahr der Instrumentalisierung. Dann wird Geschichte nicht mehr als Brücke genutzt, sondern als Trennlinie.

Sobieski ist Teil der europäischen Geschichte. Aber er darf nicht Teil neuer gesellschaftlicher Frontlinien werden. Wenn Erinnerung nicht dem Gemeinwohl dient, verliert sie ihren verbindenden Charakter.

„Ich halte es für zu einfach, ein historisches Denkmal pauschal als „türkenfeindlich“ oder „islamophob“ zu bezeichnen“

Nicht nur die SPÖ, auch die Grünen und die NEOS waren dagegen. Wenn ich mich nicht irre, waren es etwa hundert Abgeordneten – ungefähr siebzig stimmten dagegen, rund dreißig dafür. Das zeigt bereits: Es handelt sich nicht um eine Randmeinung, sondern um eine demokratisch breit getragene Skepsis. Ich halte es dennoch für zu einfach, ein historisches Denkmal pauschal als „türkenfeindlich“ oder „islamophob“ zu bezeichnen. Jan III. Sobieski war eine historische Figur des 17. Jahrhunderts, die in einem militärischen Konflikt agierte. Diesen historischen Kontext muss man zunächst nüchtern anerkennen.

Die entscheidende Frage liegt jedoch nicht im 17. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart. Geschichte ist niemals statisch. Sie wird in jeder Epoche neu interpretiert, politisch eingeordnet und gesellschaftlich aufgeladen. Gerade die Ereignisse rund um 1683 wurden in Europa über Jahrhunderte hinweg unterschiedlich genutzt – nicht nur als Erinnerung an eine militärische Auseinandersetzung, sondern auch als symbolische Erzählung von „Wir“ und „den Anderen“.

Bedeutung eines Denkmals könne sich verschieben

Wenn ein Denkmal heute in einem gesellschaftlichen Klima steht, in dem Fragen von Migration, Identität und Religion stark emotionalisiert sind, dann kann sich seine Bedeutung verschieben. Dann geht es nicht mehr nur um Geschichte, sondern um ihre Verwendung im politischen Raum.

Ich würde daher nicht sagen: Das Denkmal ist per se islamophob. Aber ich sage: Ein Denkmal kann in einem bestimmten Kontext so wirken, wenn es Teil eines Narrativs wird, das gesellschaftliche Gruppen gegeneinanderstellt.

Gerade in einem solchen Klima entsteht die Gefahr selektiver Instrumentalisierung. Wenn man 1683 betont, aber spätere Phasen der Zusammenarbeit, der Versöhnung und der gemeinsamen Geschichte ausblendet, entsteht ein verkürztes Bild.

Alte Frontlinien sollten symbolisch nicht neu belebt werden

Gerade deshalb sollte man heute vorsichtig sein, historische Konfliktbilder zu reaktivieren. Wer alte Frontlinien symbolisch neu belebt, handelt nicht im Sinne des Gemeinwohls, der res publica – also des gemeinsamen Interesses aller Bürgerinnen und Bürger.

Die Aufgabe moderner Erinnerungskultur sollte nicht darin bestehen, vergangene Gegensätze neu aufzuladen, sondern historische Reife zu zeigen: durch Einordnung, Ausgewogenheit und die Fähigkeit, aus Konflikten gemeinsame Zukunft zu gestalten. Und genau deshalb ist Verantwortung gefragt.

Wenn man 1683 betont, aber 1772, 1793 und 1795 – die Teilungen Polens durch Russland, Preußen und Österreich – ausblendet, entsteht ein einseitiges Bild. Wenn man Konflikte hervorhebt, aber gleichzeitig Phasen der Kooperation, des Exils und gegenseitiger Hilfe ignoriert, dann wird Geschichte verkürzt. Das widerspricht dem Gedanken des Gemeinwohls.

Geschichte lasse sich nicht auf „einfaches Freund-Feind-Bild“ reduzieren

Wenn man all diese Aspekte berücksichtigt, wird klar: Geschichte ist komplex. Sie lässt sich nicht auf einfache Freund-Feind-Bilder reduzieren.

Deshalb sollte die Diskussion nicht auf Schlagworte reduziert werden. Die eigentliche Frage ist viel grundsätzlicher: Trägt dieses Denkmal heute zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei – oder verstärkt es bestehende Spannungen?

Wenn Geschichte dazu dient, Brücken zu bauen, erfüllt sie ihren Zweck. Wenn sie jedoch dazu genutzt wird, symbolische Frontlinien zu ziehen, dann verliert sie ihre konstruktive Funktion.

Und genau deshalb plädiere ich für einen verantwortungsvollen, ausgewogenen und am Gemeinwohl orientierten Umgang mit unserer gemeinsamen Geschichte.Wie blickt die Wiener türkische Community auf das Denkmal? Ist es überhaupt ein Thema?

Für die große Mehrheit der Menschen im Alltag ist dieses Thema kein zentrales Anliegen.

Die Menschen beschäftigen sich mit Arbeit, Bildung, wirtschaftlicher Sicherheit und der Zukunft ihrer Kinder. Eine Debatte über ein Denkmal aus dem 17. Jahrhundert entsteht nicht aus der Mitte der Gesellschaft heraus, sondern vor allem im politischen und medialen Raum.

„Die Wiener türkische Community ist keine homogene Gruppe“

Das bedeutet aber nicht, dass sie ohne Wirkung bleibt. Wenn historische Narrative öffentlich stark betont werden, können sie das gesellschaftliche Klima beeinflussen.

Viele Menschen mit türkischem Hintergrund in Wien sehen sich als Teil dieser Gesellschaft. Sie arbeiten, zahlen Steuern, engagieren sich und ziehen hier ihre Kinder groß. Wenn in diesem Kontext historische Bilder auftauchen, die einseitig als Konflikt zwischen „Türken“ und „Europa“ interpretiert werden, dann kann das bei manchen das Gefühl erzeugen, nicht vollständig dazuzugehören. Das ist keine Massenreaktion, aber eine mögliche Wirkung, die man ernst nehmen sollte.

„Die zentrale Frage ist: Hilft diese Debatte unserer Gesellschaft?“

Die Wiener türkische Community ist keine homogene Gruppe. Es gibt unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Grade an Interesse. Einige sagen: Das ist Geschichte. Andere fragen nach der heutigen Bedeutung. Aber fast alle eint ein Punkt: die Erwartung, dass politische Entscheidungen im Sinne des Zusammenlebens getroffen werden.

Die zentrale Frage ist daher nicht, ob jemand dafür oder dagegen ist. Die zentrale Frage ist: Hilft diese Debatte unserer Gesellschaft – oder lenkt sie von den eigentlichen Herausforderungen ab?

Wenn eine Diskussion keinen konkreten Mehrwert für das Zusammenleben bringt, sondern symbolische Spannungen erzeugt, dann sollte man sehr sorgfältig überlegen, ob sie wirklich notwendig ist.

Wien ist heute eine vielfältige Stadt. Damit diese Vielfalt funktioniert, braucht es gegenseitigen Respekt, Verantwortung und einen bewussten Umgang mit sensiblen Themen.

Für die meisten Menschen ist dieses Thema im Alltag nicht entscheidend. Aber die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird, ist sehr wohl entscheidend. Denn sie sagt viel darüber aus, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen wollen.Die Beziehungen zwischen Polen und Türken waren historisch immer gut. Können Sie mehr darüber berichten?

Die Beziehungen zwischen Polen und dem Osmanischen Reich – und später zur Republik Türkei – sind tatsächlich ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass Geschichte niemals eindimensional ist.

Es gab Konflikte, ja. Aber es gab ebenso lange Phasen von Respekt, Diplomatie und gegenseitiger Unterstützung. Bereits im 15. Jahrhundert bestanden stabile diplomatische Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem Königreich Polen-Litauen. Diese Beziehungen waren über lange Zeit von einem gewissen Gleichgewicht geprägt.

Ein polnisches Dorf in der Türkei

Ein besonders sichtbares Symbol dieser Beziehung ist das Dorf Polonezköy, auf Polnisch Adampol, bei Istanbul.

Gegründet im Jahr 1842 auf Initiative von Fürst Adam Czartoryski, entstand dort ein polnisches Dorf mit eigener Kirche, Schule und kultureller Identität – mitten im Osmanischen Reich.

Dieses Dorf existiert bis heute. Es ist kein Museum, sondern ein lebendiger Ort, an dem polnische Kultur über Generationen hinweg erhalten geblieben ist. Bis heute gehört es zur diplomatischen Tradition, dass polnische Staatspräsidenten bei Besuchen in der Türkei auch Polonezköy besuchen und dort ihre historische Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Wenn man all diese Aspekte zusammen betrachtet, wird eines deutlich:

Die Geschichte zwischen Polen und dem Osmanischen Reich besteht nicht nur aus militärischen Konflikten, sondern in erheblichem Maße aus Solidarität, politischer Unterstützung und gegenseitigem Respekt.

Und genau das ist für die Gegenwart entscheidend. Wenn wir Geschichte im Sinne des Gemeinwohls betrachten, dann sollten wir nicht nur die Momente der Konfrontation hervorheben, sondern auch jene der Zusammenarbeit. Denn diese zeigen uns, dass selbst in schwierigen Zeiten Brücken möglich sind.