Seit Tagen wohnen die Österreicher einem interessanten Schauspiel mit unklarer Richtung bei: Während US-Präsident Donald Trump Fakten schafft – mal in Südamerika, mal Richtung Arktis –, reagiert Wien mit allem, was gerade greifbar ist: Deeskalation, Moral, Ohnmachtserklärungen, Allmachtsträumen und innenpolitischen Verirrungen.

Das Ergebnis wirkt weniger wie eine Strategie, mehr wie eine Mehrfachbesetzung: Alle spielen mit – nur niemand weiß, welches Stück eigentlich aufgeführt wird.

Trump schafft Fakten, Wien erklärt in Rätseln.GETTYIMAGES/Craig Hudson/Politico/Bloomberg

Deeskalation im Nebel

Auf den Sturz von Maduro macht Kanzler Christian Stocker (ÖVP) den Anfang – im bewährten Sicherheitsmodus. „Alle Seiten“ sollen deeskalieren. Welche Seiten genau, bleibt offen. Wer gerade eskaliert hat, auch. Dafür sitzen Völkerrecht, UN-Charta und enger Austausch mit Partnern perfekt.

Außenpolitik wie aus dem Lehrbuch für diplomatische Unauffälligkeit: moralisch korrekt, politisch risikolos.

Klartext mit Fußnote

Beate Meinl-Reisinger (NEOS) wird deutlicher: Völkerrechtlich ist Trumps Vorgangsweise nicht gedeckt. Doch gleich danach folgt der Zusatz, der alles relativiert: Europa habe derzeit zu wenig Mittel und zu wenig Stärke, um das Völkerrecht auch durchzusetzen.

Übersetzung: Wir wissen, was richtig wäre – wir können es nur nicht erzwingen.

Die große Bühne

Ganz anders Andreas Babler (SPÖ): Obwohl weder Kanzler noch Außenminister, nimmt er den größten Anlauf. Es gehe um einen bewaffneten Angriff, eine schwere Verletzung der UNO-Charta und um die Glaubwürdigkeit Europas. Die Flagge der internationalen Rechtsstaatlichkeit müsse hochgehalten werden, ein Gegenmodell zum Recht des Stärkeren sei nötig.

Das klingt entschlossen – aber weniger realistisch als bei Meinl-Reisinger. Es bleibt eine einfache Frage offen: Womit genau soll dieses Gegenmodell in der Realität durchgesetzt werden – außer mit Worten?

Innenpolitik mit Tropenhelm

Dann übernimmt Nico Marchetti, ÖVP-Generalsekretär – und damit wie Babler ebenfalls kein Außenpolitiker. Venezuela wird zur Kulisse, der eigentliche Kampf findet in Wien statt: Marchetti nutzt die Ereignisse, um frontal die „Kickl-FPÖ“ zu attackieren.

Aus Kickls Schweigen zu Venezuela wird der neue Skandal. Sein – sagen wir: kreativer – Schluss: „Das ohrenbetäubende Schweigen der Kickl-FPÖ zu Venezuela offenbart, wozu sie Fahndungslisten und Festungen braucht.“ Aha. Aus Nicht-Reden wird also Innenpolitik – inklusive Festungsbau.

Marchettis Logik: Weil Kickl Trump nicht kritisiert, will er „Fahndungslisten und Festungen“.APA/ HELMUT FOHRINGER

Und dann gleich die große Weltkette: „Von Putin über Orbán bis hin zu Trump“ biedere sich Kickl demokratiefeindlichen Kräften an. Wohlgemerkt: Putin ist der geopolitische Verlierer von Trumps Eingreifen in Venezuela.

Wir halten fest: Aus Schweigen wird Gesinnung, aus Gesinnung Schuld – und aus drei Namen eine rhetorische Klammer. Außenpolitik? Eher Parteipolitik mit internationalem Bühnenbild.

Der Gegenangriff

Die FPÖ kontert prompt. Generalsekretär Christian Hafenecker wirft Marchetti Doppelmoral vor: Er verteidige Maduros linke Diktatur und beschimpfe gleichzeitig demokratisch gewählte Regierungschefs wie Trump und Orbán. Mehr noch: Bei USA-Besuchen von ÖVP-Politikern ist von dieser scharfen Kritik an Trump nichts zu hören – daheim laut, im Ausland höflich.

Hafenecker kontert: Der ÖVP-Generalsekretär verteidigt Maduros linke Diktatur, attackiert aber rechte Politiker, die demokratisch gewählt wurden. APA/EVA MANHART

Schweigen als Staatskunst

Umso pikanter: Zu Trumps Vorstößen Richtung Grönland ist auch das Schweigen der ÖVP ohrenbetäubend. Dabei betrifft dieser Fall Europa ungleich direkter – und ein demokratisches Land.

Europäisches Territorium, Trump meldet Interesse an – und Wien? Funkstille. Kein Appell, keine UN-Charta, kein „alle Seiten“. Stocker fällt hier nichts ein. Zu Venezuela wird geredet, zu Grönland wird geschwiegen.

Sanktionen aus der Cloud

Wem hier wieder am meisten einfällt, ist der SPÖ-Chef. Babler spricht in der ZiB2 offen über Maßnahmen: Sanktionen gegen US-Tech, Strafzölle, Investitionsbeschränkungen. Man müsse Stärke zeigen, sich nicht einschüchtern lassen.

Doch auch hier scheitert das Vorhaben am Reality-Check – und zwar besonders deutlich. Europas Alltag läuft auf US-Clouds, US-Software, US-Plattformen. Oder anders gesagt: Man kündigt Washington den Wirtschaftskrieg – per Microsoft Teams.

Trump testet die Welt – und Wien antwortet mit Deeskalation, Ohnmacht, Moral, Gesinnungstests und Sanktionsfantasien. Alles gleichzeitig, nichts abgestimmt. Drei Stimmen. Null Linie.