Jedes Jahr meldete das Wiener Marktamt einen neuen Besucherrekord auf den Wiener Märkten. Doch Insider-Informationen stellen die Zahlen infrage – der exxpress berichtete. So zeigt etwa eine interne Schulungsunterlage, dass unter den erfassten „Besuchern“ auch zahlreiche Passanten sein können, die lediglich auf dem Weg zur U-Bahn, zum Bus oder zur Straßenbahn sind. Überdies werden dieselben Personen mehrfach gezählt.

Nun liegen der Redaktion erstmals konkrete Unterlagen vor, darunter Excel-Dateien, eine E-Mail-Kette und ein internes Methodenpapier. Sie werfen weitere Fragen auf. Darüber hinaus schildern anonyme Mitarbeiter der MA 59 detailliert die Vorgangsweise und üben scharfe Kritik. Sie erklären, selbst an den Zählungen und an der Veröffentlichung der Ergebnisse beteiligt gewesen zu sein.

Der exxpress konfrontierte das Marktamt mit den Vorwürfen, erhielt bis Redaktionsschluss aber keine Stellungnahme.

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Schwere Vorwürfe aus dem Marktamt

Im Zentrum der Anschuldigungen steht Alexander Hengl, Mediensprecher und Leiter der Gruppe Koordination. Bis zum 17. Juli war er zudem erster Stellvertreter des mittlerweile zurückgetretenen Marktamtsdirektors Andreas Kutheil.

Hengl habe bei der Zusammenführung und Berechnung der Besucherzahlen eine zentrale Rolle gespielt, berichten die Hinweisgeber. Noch bevor die Zählungen begonnen und die Ergebnisse ausgewertet worden seien, habe er von zweistelligen Steigerungen gegenüber dem Vorjahr gesprochen. Bei zu niedrigen Zählständen seien Beschäftigte aufgefordert worden, die Zahlen nach oben zu beeinflussen.

Auch während der „Langen Nacht der Wiener Märkte“ habe Hengl laufend Zwischenstände abgefragt und bei zu niedrigen Werten „mehr Klicks“ verlangt. Seine Devise habe sinngemäß gelautet: „Hauptsache mehr.“

Eine transparente Kontrolle und ein nachvollziehbares Mehr-Augen-Prinzip bei der Auswertung habe es nicht gegeben, berichten die Mitarbeiter. Intern sei deshalb von der „Hengl’schen Formel“ gesprochen worden.

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Offiziell keine neue Zähl-Methode – intern schon

Hengl nahm zu den Vorwürfen nicht Stellung. Überprüfen lassen sich die schwersten Anschuldigungen bislang nicht. Die dem exxpress vorliegenden Unterlagen bestätigen jedoch andere Teile der anonymen Darstellung.

Bis 2023 wurde laut einem internen MA-59-Papier an drei Tagen durchgehend gezählt: Donnerstag und Freitag jeweils von 6 bis 19 Uhr, Samstag von 6 bis 17 Uhr. Insgesamt waren das 37 Stunden.

Seit 2024 werden nur noch elf einzelne Stundenfenster erhoben. „Seit 2024 wurde die Methodik angepasst und es wird nun zu spezifischen Spitzenzeiten gezählt“, heißt es im Papier, das ausdrücklich von einer „angepassten Methodik“ spricht, einer „neuen Zählweise“ und einer „Umstellung“. Aus diesen Stichproben wird anschließend ein Wochenwert hochgerechnet.

Brisant: Im September 2025 fragte ÖVP-Gemeinderätin Elisabeth Olischar, ob die Erhebungsmethode im Laufe der Jahre signifikant geändert worden sei. Die von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling unterzeichnete Antwort lautete: „Die Erhebungsmethode wurde nicht geändert.“ Interne Methodendokumentation und amtliche Gemeinderatsantwort widersprechen einander damit klar.

Erst hochrechnen, dann multiplizieren

Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Im ersten Jahr der Umstellung sprang der veröffentlichte Wochenwert von 409.857 auf 527.147 – um 28,6 Prozent.

Die Excel-Dateien zeigen, wie aus elf gemessenen Stunden der veröffentlichte Wochenwert entsteht. Die Methode macht eines deutlich: Es handelt sich nicht um vollständig gemessene Besucherzahlen, sondern um mehrstufig hochgerechnete Schätzwerte.

Zunächst werden die aktuellen Werte mit den entsprechenden Vorjahresstunden verglichen. Daraus wird für Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils ein Quotient errechnet. Mit ihm werden die nicht gemessenen Stunden anhand des Vorjahresverlaufs modelliert.

Danach werden die Zahlen jedes Marktes mit einem unterschiedlichen Faktor zwischen 1,1 und 3,0 multipliziert. Beim Gersthofer und Nußdorfer Markt beträgt er 1,1, beim Naschmarkt 1,8, beim Karmelitermarkt 2,5. Beim Brunnenmarkt, Meiselmarkt und Floridsdorfer Markt wird das zuvor errechnete Ergebnis verdreifacht.

Wie die einzelnen Faktoren ermittelt wurden und weshalb sie so stark auseinanderliegen, geht aus den vorliegenden Dokumenten nicht hervor. Die unterschiedliche Größe der Märkte allein erklärt die Bandbreite nicht. Auch die Öffnungstage liefern keine schlüssige Erklärung, denn sie sind bei allen Märkten gleich.

Danach nochmals zehn Prozent

Besonders pikant: Nach dem Multiplikator werden pauschal weitere zehn Prozent addiert. Auf dem handschriftlichen Rechenblatt zur „Langen Nacht“ wird dieser Aufschlag als „Schwund“ bezeichnet.

Warum ein Schwund die Zahl erhöht, weshalb für alle Märkte genau zehn Prozent gelten und was der Aufschlag zusätzlich zu den bereits verwendeten Multiplikatoren ausgleichen soll, wird in keinem vorliegenden Dokument nachvollziehbar erklärt. Fest steht: Dadurch steigen sämtliche Ergebnisse nochmals um zehn Prozent.

Das interne Methodenpapier erwähnt weder die unterschiedlichen Multiplikatoren noch den zusätzlichen Aufschlag. Auch für Mitarbeiter sei das Modell intransparent und nicht nachvollziehbar, berichten die anonymen Hinweisgeber.

Die Excel-Rechnung führt praktisch exakt zu allen 17 veröffentlichten Marktwerten für 2024 und zur Gesamtsumme von 527.147. Die Tabelle war somit die Grundlage der Rekordmeldung.

36 Werte weichen ab

Kurios ist noch etwas anderes: Zwischen einer separaten Datei mit den als Zählergebnisse ausgewiesenen Werten und der Berechnungstabelle bestehen Unterschiede. 36 von 181 direkt vergleichbaren Einzelwerten weichen voneinander ab. Betroffen sind sechs Märkte.

Mit anderen Worten: In diesen Fällen wurde mit anderen Zahlen gerechnet als mit jenen, die in der separaten Ergebnisdatei für die Zählungen vor Ort festgehalten sind.

Beim Viktor-Adler-Markt, Hannovermarkt und Johann-Nepomuk-Vogl-Markt wurden in der Berechnung ausschließlich höhere Werte verwendet. Beim Brunnenmarkt, Meiselmarkt und Floridsdorfer Markt waren die abweichenden Zahlen durchgehend niedriger.

Ob es sich um fachliche Korrekturen, Übertragungsfehler, eine weitere Dateiversion oder tatsächlich um Manipulationen handelt, lässt sich nicht sagen. Wer die Werte wann und warum änderte, ist nicht dokumentiert.

„Richtschnur“ schon nach der ersten Stunde

Eine interne E-Mail zeigt, dass Hengl bereits während der laufenden Zählung über die Entwicklung informiert wurde. Nach dem ersten Zeitfenster von 6 bis 7 Uhr erhielt er die Zahlen mit dem Hinweis: „Da weiß man dann, wohin die Richtung geht und du kannst es mit dem Vorjahr vergleichen. Als erste ‚Richtschnur‘.“

Dass es sich bei den erfassten Personen zwischen 6 und 7 Uhr großteils um Passanten gehandelt haben könnte, legen die anonymen Hinweisgeber nahe. Sie verweisen darauf, dass um 6 Uhr so gut wie kein Marktstand geöffnet sei.

Darüber hinaus fehlten immer wieder Zählwerte, etwa wegen Krankenständen ohne Ersatz und unbesetzten Zählstellen. Ob und wie diese Lücken später ausgeglichen wurden, bleibt offen.

Ereignisse statt Menschen

Die Schulungsunterlage hält ausdrücklich fest: „Der Begriff Passant*in bezieht sich somit nicht auf die Person, sondern auf das Ereignis.“

Überquert dieselbe Person eine bestimmte Linie später erneut, wird sie ein weiteres Mal gezählt. Mehrere Zähllinien liegen bei U-Bahn-Zugängen, Rolltreppen oder allgemeinen Durchgängen, die auch von Menschen benutzt werden, die den Markt gar nicht besuchen.

Ob oder wie Rückwege, Durchgangsverkehr und Mehrfachquerungen vor der Veröffentlichung bereinigt werden, lässt sich aus den Unterlagen nicht erkennen. Damit stellt sich die Frage, was die Zahlen tatsächlich aussagen.

Für den wirtschaftlichen Erfolg der Märkte wären andere Kennzahlen aussagekräftiger: Transaktionen, Käuferzahlen und inflationsbereinigte Umsätze. Eine Person kann mehrfach gezählt werden, ohne etwas zu kaufen. Ob Käuferzahlen und reale Umsätze ähnlich stark gestiegen sind wie die veröffentlichten Marktfrequenzen, ist unbekannt.

Drei Anfragen – keine Antwort zu den Zahlen

Der exxpress konfrontierte die Stadt Wien und Hengl am 16., 20. und 21. Juli ausführlich mit der Zählweise, den Multiplikatoren, den abweichenden Dateien und den anonym erhobenen Vorwürfen.

Alle drei konkreten Anfragen zur Herstellung der Besucherzahlen blieben unbeantwortet. Auch Hengl nahm nicht Stellung. Andere Fragen im Zusammenhang mit der Marktamt-Affäre beantwortete die Stadt zumindest teilweise. Zu den jährlich gefeierten Besucherrekorden und ihrer Berechnung herrscht hingegen weiterhin Schweigen.

Damit stehen schwere Vorwürfe im Raum. Die internen Unterlagen zeigen jedenfalls eine mehrstufige Berechnung, deren Ergebnis stark von teils unklaren Ausgangswerten und nicht erklärten Faktoren abhängt.