Zwei milde Urteile sorgten zuletzt für scharfe Kritik. In beiden Fällen handelte es sich um Attacken durch Jugendbanden bzw. gewalttätige Gruppen junger Täter. Auf Anfrage des exxpress reagiert nun das Justizministerium – und stellt sich gegen die öffentliche Empörung, insbesondere jene Stimmen, die vor wachsender Jugendgewalt warnen.

Ein genereller Anstieg der Jugendkriminalität sei nicht eindeutig feststellbar, heißt es in der Stellungnahme. Vieles hänge vom gewählten Vergleichszeitraum ab.

Corona-Effekt verzerrt Zahlen

Der jüngste Anstieg sei auch darauf zurückzuführen, dass die Kriminalitätsrate während der Pandemie ungewöhnlich niedrig gewesen sei und danach wieder angestiegen ist. Beziehe man jedoch die Jahre davor mit ein, ergebe sich ein anderes Bild.

Wörtlich erklärt das Ministerium unter Anna Sporrer (SPÖ): „Betrachtet man einen längeren Zeitraum, etwa die vergangenen zehn Jahre, relativiert sich diese Entwicklung deutlich: Die aktuellen Zahlen bewegen sich circa auf dem Niveau, das bereits in den 2010er-Jahren erreicht wurde.“

Zudem verweist das Ressort auf geänderte Methoden: Seit 2018 werde nicht mehr pro Kopf gezählt, sondern ein komplexerer Index verwendet, der Täter, Delikte und Opfer kombiniert.

Brutale Realität in Wien

Die Stellungnahme folgt auf zwei besonders schockierende Fälle: Ein 15-Jähriger wurde brutal zusammengeschlagen und erlitt Schädelbruch sowie Hirnblutungen. In einem weiteren Fall attackierte eine Jugendbande wahllos Passanten – ein Opfer wurde bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, es steht sogar versuchter Mord im Raum.

Trotzdem: Haftstrafen fallen kurz aus oder bleiben im zweiten Fall faktisch aus, weil die Untersuchungshaft angerechnet wird.

Fokus auf Resozialisierung

Im Justizministerium verweist man auf die Grundlogik des Systems: „Das Jugendstrafrecht in Österreich ist grundsätzlich getragen von weitgreifenden Unterstützungs-, Förderungs- und Resozialisierungsmaßnahmen vieler verschiedener Stakeholder.“

Auch die Regierung setzt laut ihrem Programm vor allem auf sozialpädagogische Maßnahmen – darunter „Normverdeutlichungsgespräche“, Betreuung und Prävention.

Am Standort Wien-Münnichplatz wurde zudem eine eigene Justizanstalt für Jugendliche eröffnet. „Hier stehen eine resozialisierungsorientierte Ausrichtung und ein Fokus auf Bildung, Beschäftigung und Betreuung jugendlicher Insassen im Mittelpunkt.“

Und strengere Strafen? Der Strafrahmen sei „Ergebnis eines umfassenden Gesetzgebungsprozesses“ und ermögliche es den Gerichten, „im Einzelfall eine schuldangemessene Strafe zu verhängen“.

Flatz: „Demütigung der Opfer“

Ganz anders sieht das Strafverteidiger Sascha Flatz. Für ihn sind die jüngsten Urteile ein fatales Signal: „Das Urteil ist für die Opfer völlig unverständlich und eine nachträgliche Demütigung.“

Zur Wirkung sagt er: „Die Signalwirkung ist ebenfalls verheerend, da es diesen Jugendlichen zeigt, dass man nur geringe Strafen erhält.“ Eine Bewährungsstrafe sei „für diese Jugendlichen sowieso keine Strafe“.

Lausch: „Keine Abschreckung“

Auch FPÖ-Justizsprecher Christian Lausch sieht ein klares Versagen: „Strafen sollen generalpräventiv und spezialpräventiv wirken.“ Doch: „In beiden Fällen ist das nicht erfüllt – weder general- noch spezialpräventiv. In keinster Weise.“

Wenn Täter nach der Verhandlung nach Hause gehen, habe das „keinerlei Abschreckung“. Und: „Das versteht die Bevölkerung absolut nicht mehr.“

„Neues Täterschema“

Flatz warnt zudem vor neuen Mustern: „Wir haben ein neues Täterschema, das es vor zehn Jahren nicht gab.“ Einer locke das Mädchen unter falschem Vorwand in eine Wohnung oder ein Hotel, danach tauchten mehrere andere auf. Die Täter suchten sich laut ihm oft schüchterne, willensschwache oder sogar leichtbehinderte Mädchen aus.

Auch Lausch sieht eine klare Entwicklung: Die Täter seien jünger, brutaler, „immer verrückter“. Viele würden früh die Kontrolle verlieren: kein Schulbesuch, Herumtreiben in Parkanlagen, erste Straftaten – bis die Gewalt eskaliert. Dazu komme Alkohol oder Drogenkonsum: „Man wirft sich etwas ein und fühlt sich dann als Held und als der Starke.“

Zwei Welten – eine Frage

Zwei Sichtweisen prallen aufeinander: Das Ministerium verweist auf Statistik, Resozialisierung und langfristige Trends. Praktiker wie Flatz und Lausch warnen vor wachsender Brutalität und fehlender Abschreckung.

Die zentrale Frage: Verliert das Strafrecht bei Jugendgewalt seine Wirkung – oder wird das Problem größer dargestellt, als es tatsächlich ist, wie das Ministerium nahelegt?