Jetzt wird es für das Wiener Rathaus ungemütlich: Volksanwalt Christoph Luisser (FPÖ) leitet ein amtswegiges Prüfverfahren zu den überhitzten Wiener „Saunaklassen” ein. Im Zentrum steht eine rätselhafte Studie aus dem Jahr 2021 – und der Vorwurf, dass Lehrern ein Maulkorb verpasst wurde.
Die Stadt Wien hatte laut Medienberichten 2021 eine Studie beauftragt, um herauszufinden, wie die extremen Raumtemperaturen in den Klassenzimmern gesenkt werden können. Fünf Jahre später wurde das Ergebnis öffentlich – die Krone berichtete am 1. Juli: Die Studie empfiehlt Lüften, LED-Beleuchtung, Beschattung und Unterricht im Freien. Kostenpunkt: 50.000 Euro Steuergeld.

„Die armen Schüler und Lehrer dürfen weiter schwitzen und leiden"
Für Luisser eine Farce: „Die Wiener Stadtregierung kümmert die Gesundheit der Schüler und Lehrer augenscheinlich überhaupt nicht. Anstatt das Geld sinnvoll zu investieren, wie zum Beispiel in Klimaanlagen oder Ventilatoren, wird eine nichtssagende Studie in Auftrag gegeben. Die armen Schüler und Lehrer dürfen zwischenzeitlich in ihren ‚Saunaklassen’ unter der hochsommerlichen Glut weiter schwitzen und leiden.”
Der Volksanwalt kündigt an: „Diese ominöse Studie wird von mir akribisch durchleuchtet werden. Sämtliche Aspekte und Umstände dieser Causa gehören vollumfänglich aufgeklärt.”
Fast 41 Grad in der Klasse – exxpress berichtete
Parallel dazu bearbeitet Luisser zwei Beschwerden von Eltern der Volksschule Eßlinger Hauptstraße in Wien-Donaustadt, wo zuletzt fast 41 Grad gemessen wurden.
Schule Als Backofen Wiener Kinder Schwitzen Bei Bis Zu 37 Grad Im Unterricht
: Wegen der Bauweise des neuen Schultrakts ist keine Querlüftung möglich, im Turnsaal soll trotz Hitze über Wochen weiter geheizt worden sein. Selbst das Angebot der Eltern, eine Klimaanlage auf eigene Kosten zu finanzieren, lehnte die Stadt ab.
Die Stadt Wien wurde vom Volksanwalt umgehend zur Stellungnahme aufgefordert – eine Antwort ist bislang nicht eingelangt. Besonders brisant: Lehrer sollen laut den betroffenen Eltern nicht mehr über die Temperaturen in ihren Klassen sprechen dürfen. Luisser: „Auch dieser Vorwurf wurde in meinem Schreiben an das Rathaus thematisiert und wird genauestens beleuchtet werden. Ich werde an der Sache dranbleiben, bis eine dauerhaft akzeptable Lösung gefunden wurde.”
Pikant: NEOS bewarben die Anti-Klimaanlagen-Studie einst selbst
Während die NEOS in der Hitzedebatte nun laut über Kühlung für die Klassenzimmer nachdenken, zeigt ein Blick ins Archiv: Die Partei hat die Anti-Klimaanlagen-Linie der Stadt jahrelang selbst mitgetragen – und beworben. Auf dem NEOS-Wien-Blog präsentierte der damalige pinke Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr im Juli 2021 unter dem Titel „Coole Schule” ein Projekt der Stadt Wien-Energieplanung, das Empfehlungen für heiße Klassen erarbeiten sollte – ausdrücklich ohne „stromintensive Klimageräte”. Exakt jenes Projekt, dessen Ergebnis der Volksanwalt nun durchleuchtet.
Das Muster zieht sich durch die gesamte rot-pinke Klimapolitik seit 2020: Der von den NEOS mitbeschlossene Klimafahrplan setzt auf Begrünung und Beschattung, die Wiener Umweltanwaltschaft rät bis heute vom Klimagerät ab, und die Stadt fördert zwar Sonnenschutz mit bis zu 1.500 Euro – Klimaanlagen hingegen gar nicht. Im Gemeindebau waren Klimageräte bis vor Kurzem überhaupt nur in Ausnahmefällen erlaubt, erst heuer spricht Wiener Wohnen von einem „Paradigmenwechsel”. Und in den Schulen? Dort ist laut Falter selbst das Aufstellen eines Ventilators ein Behördenweg, die Wartung von Klimaanlagen wäre laut zuständiger MA 56 „unverhältnismäßig”.
Ferien verschieben statt Klassen kühlen
Statt auf Kühlung setzte NEOS-Bildungsstadträtin und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling zuletzt auf einen anderen Vorschlag: die Sommerferien vorverlegen. Ihr Parteichef, Bildungsminister Christoph Wiederkehr, kündigte laut Medienberichten einen Gesetzesentwurf für eine „hitzefrei”-Regelung an. Übersetzt heißt das: Wenn es zu heiß wird, sollen die Kinder heimgeschickt werden – die Klassenzimmer bleiben Backöfen.
Wie widersprüchlich die pinke Linie ist, zeigen ausgerechnet die eigenen Parteifreunde: In Wiener Neustadt, wo die NEOS in Opposition sind, fordern sie einen Aktionsplan für Klimaanlagen in allen Schulen und Kindergärten – mit dem bemerkenswerten Satz: „Wir brauchen keine endlosen Studien, Prüfberichte oder Ausreden.” Ein Satz, der in Wien wie eine Abrechnung mit der eigenen Stadtregierung klingt.
Ob die 50.000-Euro-Studie tatsächlich mehr war als teures Papier gegen das Schwitzen – das klärt jetzt der Volksanwalt.

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