Genau in jenen Wochen, in denen sich von Niederösterreich bis Tirol reihenweise Bürger gegen den Bau riesiger Windkraftanlagen wehren, greift eine Regierungsvertreterin zum Spott. Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) veröffentlichte auf ihrem Instagram-Account ein Sujet, das mehr als 1000 Worte sagt:
„Macht euch nicht über Kinder lustig, die an die Zahnfee glauben”, heißt es da. „Es gibt Politiker, die glauben, ein Windrad würde Schlafstörungen, Herzrasen oder Angstzustände auslösen.” Dazu die Bildunterschrift: „Ohne Wind schaffen wir die Energiewende nicht.
Wer die Debatte der vergangenen Monate verfolgt hat, erkennt die Stoßrichtung sofort. Genau die Symptome, die Zehetner ins Lächerliche zieht – „Schlafstörungen, Herzrasen oder Angstzustände” –, sind jene, die Windkraft-Kritiker und die FPÖ dem von Windrädern erzeugten Infraschall zuschreiben. Zehetners Botschaft ist damit unmissverständlich: Wer gesundheitliche Bedenken äußert, wird auf eine Stufe mit gutgläubigen Kindern gestellt. Das Problem für die Staatssekretärin: Die Bedenken sind weder aus der Luft gegriffen noch bloße Bauchgefühle – sie stützen sich mittlerweile auf handfeste Zahlen.
Eine Region wehrt sich – und die Regierung fährt drüber
Wie ernst die Lage vor Ort ist, zeigt sich exemplarisch im Bezirk Korneuburg. In Harmannsdorf und Leobendorf plant das Unternehmen ImWind – seit November 2025 zu 100 Prozent im Eigentum der Wien Energie – rund zehn Windkraftanlagen, etwa fünf pro Gemeinde. Und diese Dimensionen haben es in sich: Laut den zugespielten Unterlagen sollen Anlagen des Typs Vestas V172 mit einer Nabenhöhe von 199 Metern und einer Gesamthöhe von bis zu 285 bis 289 Metern errichtet werden. Zum Vergleich, den die Bürger selbst anstellen: Damit würden die Rotoren rund 400 Meter über dem Ortsgebiet liegen, etwa 180 Meter über dem Michelberg und 250 bis 320 Meter über der Adlerwarte der Burg Kreuzenstein. Am 22. Juni fanden dazu zeitgleich zwei Informationsveranstaltungen statt, organisiert vom Projektwerber selbst im Schautafel-Format.
exxpress war nicht vor Ort, hat aber umfangreiche Unterlagen und Berichte zugespielt bekommen. Der Tenor: massive Skepsis. Kritiker bemängeln die enorme Höhe der Anlagen, die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und ein Info-Format, bei dem kritische Fragen in Zweier- oder Vierergesprächen an den Ständen versanden, statt öffentlich diskutiert zu werden. Angeboten werden den Gemeinden laut den Unterlagen rund 250.000 Euro. Beide Bürgermeister – Alexander Raicher in Harmannsdorf und Magdalena Batoha in Leobendorf – betonen indes, dass ohne breite Bürgerbeteiligung nichts entschieden werde; eine Volksbefragung ist im Gespräch.
Vor allem aber treibt die Anrainer eine Sorge um, die weit über die Optik hinausgeht: jene um die eigene Gesundheit. Denn die riesigen Rotoren erzeugen Infraschall – und genau an diesem Punkt wird es für die Regierung und ihren Zahnfee-Spott unangenehm.

Der Widerstand ist kein Einzelfall
Und das ist nur einer von vielen Schauplätzen – der Widerstand zieht sich quer durch die Republik. In Traismauer (Bezirk St. Pölten) formierte sich die Bürgerinitiative „3 Gemeinden – 1 Ziel” gegen acht geplante Windräder und pocht auf eine Volksbefragung – der ORF widmete dem Konflikt im März sogar eine eigene „Ein Ort am Wort”-Sendung. In der Stadtgemeinde Geras (Bezirk Horn) laufen Bürger gegen sieben 261 Meter hohe Anlagen im Wald Sturm, im Waldviertel bündeln neun Bürgerinitiativen ihren Protest. Bereits im April hatte eine ähnliche ImWind-Veranstaltung in Hagenbrunn für Unmut gesorgt.
Und es bleibt nicht bei Niederösterreich. Im steirischen Liesingtal sammelte die Initiative „Für ein lebenswertes Liesingtal” binnen eineinhalb Wochen mehr als 900 Unterschriften gegen eine geplante Eignungszone für bis zu 15 Windräder; alle vier betroffenen Gemeinden stimmten im Gemeinderat dagegen. In Tirol, wo sich bis heute kein einziges Windrad dreht, scheiterte ein Projekt nach dem anderen am Widerstand vor Ort – von der Simmeringalm in Obsteig über Assling bis zu den Feldringer Böden. Und in Kärnten sprachen sich bei einer landesweiten Volksbefragung Anfang 2025 knapp 51,6 Prozent gegen weitere Windräder auf Bergen und Almen aus – ein Votum, das der Verfassungsgerichtshof später wegen der suggestiven Fragestellung aufhob, das die Stimmung im Land aber unübersehbar dokumentierte.
Für einen bemerkenswerten Kontrast sorgt ausgerechnet die Nachbarstadt Klosterneuburg. Dort will die ÖVP-geführte Stadtregierung unter Bürgermeister Christoph Kaufmann sogar kleine Windräder im „Landschaftsschutzgebiet Wienerwald” faktisch verbieten – mit der Begründung, die „technisch-dominanten und bewegten Elemente” würden das Orts- und Landschaftsbild beeinträchtigen (auch, wenn die Stadt zusätzlich auf zu geringe Windgeschwindigkeiten verweist). Während also die eine ÖVP wenige Meter hohe Anlagen zum Schutz der Optik untersagt, wirbt die Partei auf Bundesebene für Windräder von fast 290 Metern – die Höhe scheint eine Frage der Perspektive zu sein.
Was die Kritiker auf ihrer Seite haben
Und diese Angst ist, anders als es der Zahnfee-Vergleich suggeriert, nicht aus der Luft gegriffen. Denn ausgerechnet zu jenen Symptomen, die Zehetner verspottet, gibt es eine aktuelle Untersuchung – und sie war alles andere als eine Kleinigkeit. Auf dem 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) im April präsentierte die Arbeitsgruppe Infraschall der Uni Mainz um den renommierten Herzchirurgen Prof. Christian-Friedrich Vahl eine epidemiologische Untersuchung, über die unter anderem der Blog tkp.at des Physikers Peter F. Mayer berichtet – Mayer war dazu auch im
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. Verglichen wurden vier Gemeinden im deutschen Kreis Paderborn: zwei mit massivem Windkraftausbau (224 Anlagen, 533 Megawatt) und zwei mit nahezu keiner Windkraft als Kontrollgruppe. Ausgewertet wurden echte Krankenkassendaten der Neuerkrankungen an Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.
Das Ergebnis, so die Forscher: In den windkraftbelasteten Gemeinden lag die Zahl neuer Herzschwäche-Fälle im Jahresmittel um 20 bis 68 Prozent höher – bei einem statistischen Signifikanzniveau von p < 0,0001, also weit jenseits des Zufalls. Auch gefährliche Rhythmusstörungen traten signifikant häufiger auf. Vahls Gruppe fordert, die Bevölkerung in Windkraft-Nähe systematisch aufzuklären und die Grenzwerte für Infraschall neu zu definieren; früher hatte der Mediziner Mindestabstände von 2.000 Metern empfohlen.
Der Mechanismus dahinter ist der Infraschall – tieffrequente Druckwellen unterhalb der Hörschwelle. Laut den Berechnungen der Bürgerinitiative in Harmannsdorf und Leobendorf liegen die relevanten Frequenzen bei etwa 0,5 Hertz; die Wellen breiten sich sowohl über die Luft als auch als seismische Druckwelle über den Boden aus – und das über eine Distanz von mindestens 20 bis 25 Kilometern rund um die Anlagen. Betroffen wären damit rein rechnerisch nicht nur die beiden Gemeinden, sondern auch größere Städte wie Korneuburg und Klosterneuburg sowie nordwestliche Teile Wiens.
Rückenwind bekommen die Kritiker zudem aus Frankreich: Das Zivilgericht Straßburg sprach im November 2025 einem Ehepaar 13.300 Euro Entschädigung zu und bezeichnete eine nahe Windkraftanlage als „direkte und sichere Ursache” für dessen Beschwerden –
Stress Und Krankheit Durch Windkraft Gericht Bejaht Zusammenhang
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„Chance verpasst" – oder Bürger überhört?
Statt auf diese Sorgen einzugehen, setzt die Regierung auf Tempo: Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), das im Juni mit den Stimmen der Grünen die nötige Verfassungsmehrheit erhielt, sollen Genehmigungsverfahren radikal verkürzt werden. Zehetner sprach vom „Energiewende-Turbo” und bedauerte, dass die FPÖ „die Chance verpasse”, sich für heimische Energie einzusetzen. Die Freiheitlichen, die zuletzt von anderen Parteien und Medien für ihren Anti-Windkraft-Kurs scharf attackiert wurden, halten dagegen und fordern Aufklärung über die Gesundheitsrisiken des Infraschalls.
Wie viel ist einer Regierung die Gesundheit und die Heimat ihrer Bürger wert, wenn deren Sorgen mit einem Zahnfee-Vergleich abgetan werden? Ein Blick in die Umfragen liefert zumindest einen Hinweis darauf, wie diese Rechnung aufgeht. In der jüngsten Lazarsfeld-Erhebung vom 16 Juni liegt die FPÖ bei 38 Prozent, während die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS nur 45% zusammen haben. Die Zahlen sprechen für sich. Wer weiter aus dem Elfenbeinturm regiert und die Sorgen der Bürger vom Schautafel-Stand bis zur Volksbefragung mit Spott quittiert, dürfte diesen Trend kaum brechen – sondern fortschreiben.

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