Bereits im vergangenen Jahr ist die Zahl der Insolvenzen in Österreich deutlich geringer gewesen als 2019. Mit ähnlich wenigen Pleiten wird auch heuer gerechnet. Grund dafür sind die COVID19-Maßnahmenpakete, die viele Unternehmen künstlich am Leben erhalten. „Wir hatten in den ersten beiden Monaten 2021 bei den eröffneten Insolvenzen ein Minus von 60 Prozent gegenüber 2020“, erläutert Marina Machan, Finanzexpertin der Kreditversicherung Acredia, die aktuelle Situation. „Unter der Annahme, dass die Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung noch bis zum Ende des Sommers weitergehen und sich dieser Trend bis dahin so fortsetzt, könnte das Jahr 2021 ein Minus von 39 Prozent bringen. Das entspricht der Größenordnung aus dem Vorjahr.“

Seit dem ersten Lockdown haben sich die Zahl der Firmenpleiten halbiert

Nur 473 Firmen melden im ersten Vierteljahr heuer Insolvenz an, hat der KSV 1870 hochgerechnet. Das ist ein Einbruch von 59 Prozent und der niedrigste Wert seit 1977. Die Zahl der eröffneten Privatinsolvenzen ist im selben Zeitraum um knapp 9 Prozent auf 1.744 Fälle gesunken.

Seit dem ersten Lockdown im März 2020 haben sich die Firmenpleiten pro Woche etwa halbiert. “Wann es zu einer Trendumkehr kommen wird, ist offen und hängt auch von weiteren künstlichen Eingriffen der Bundesregierung ab”, heißt es vom KSV.

Allerdings prognostizieren die Experten einen deutlichen Anstieg an Insolvenzen ab dem Ende des dritten Quartals, für 2022 wird überhaupt ein Zuwachs von 25 bis 27 Prozent gegenüber 2019 befürchtet. „Wir gehen dabei von zwei Effekten aus: Einmal ein Nachholeffekt und dann die durch die Pandemie bedingten Insolvenzen“, sagt Machan. Acredia-Vorstand Ludwig Mertes ergänzt: „Es ist paradox: Trotz einer der größten Wirtschaftskrisen sind Insolvenzen in Österreich so niedrig wie zuletzt vor 30 Jahren. Das zeigt, wie stark die Insolvenzentwicklung von der tatsächlichen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und dem aktuellen Zustand der Unternehmen entkoppelt ist. Die Insolvenzentwicklung ist derzeit nicht von Marktmechanismen, sondern von der weiteren Entwicklung und dem Fortbestand der Unterstützungsmaßnahmen abhängig. Das wird nicht ewig so weitergehen – ein unmittelbarer und sprunghafter Anstieg ist aber noch nicht in Sicht.“

Niedrige Insolvenzzahlen geben Grund zur Besorgnis

Besorgt ob der niedrigen Insolvenzzahlen zeigen sich auch die Gläubigerschützer: “Die undifferenzierte Großzügigkeit gehört gestoppt, bevor auch gesunde Unternehmen von finanzschwachen Firmen in den Abwärtsstrudel getrieben werden”, warnt KSV-Insolvenzexperte Karl-Heinz Götze. Sein Verband plädiert für “ein sofortiges Ende des praktizierten Gießkannen-Prinzips, um nicht noch mehr Firmen zu gefährden”.

Positiv werten Experten allerdings, dass sich das Wirtschaftsklima in Österreich gut entwickelt und sich auch heimische CEOs in aktuellen Befragungen optimistisch zeigen. Ludwig Mertes ist überzeugt, dass es „gerade jetzt wichtig ist, dass die Unternehmen einerseits ihre Finanzen ganz genau im Blick behalten und andererseits heute schon strategische Weichen für die Zukunft stellen.“

InsolvenzenGrafik: APA / Quelle KSV