Am Montagnachmittag wollte er endgültig Schluss machen: Der mutmaßliche Obdachlosen-Mörder Phillip S. (17) beschloss, sich seine Schuld von der Seele zu reden. „Er wollte nicht mehr mit dieser Last leben“, berichtete Gerhard Winkler, der Leiter des Ermittlungsdienstes des Landeskriminalamts Wien, bei einer Pressekonferenz. Der drogensüchtige Schulabbrecher aus zerrütteten Familienverhältnissen gab sich gegenüber Polizisten als der gesuchte Serienmörder zu erkennen. Daraufhin wurde er an das Landeskriminalamt Wien überstellt, wo er ein „umfassendes Geständnis“ ablieferte.

Es ging dem Tatverdächtigen nicht um die Obdachlosigkeit, sondern die Wehrlosigkeit seiner möglichst ungeschützten Opfer.APA/ROLAND SCHLAGER

„Er hat in der Nacht nach seinen Opfern gezielt Ausschau gehalten“

Offenbar war er von Frust und Zorn erfüllt – und das wollte er an Menschen auslassen, die sich nicht wehren konnten: „Er hat gezielt nach Menschen Ausschau genommen, die drei Kriterien erfüllt haben: leichte Verfügbarkeit, Ungestörtheit – also keine Zeugen in der Nähe – und Wehrlosigkeit. Um die Obdachlosigkeit ging es ihm nicht“, sagte Winkler.

Dabei soll der verdächtige Killer überdies planvoll vorgegangen sein und „gezielte Vorbereitungshandlungen“ getroffen haben. „Er hat in der Nacht nach seinen Opfern gezielt Ausschau gehalten und sich dabei vermummt“. Auch nach Videoüberwachungsanlagen soll er Ausschau gehalten haben, und sich mit einem schalähnlichen Tuch seine Identität verdeckt haben. Die Tatwaffe sei ein Messer mit feststehender Klinge – also kein Klappmesser – das jeder im Handel kaufen könne. Der geständige Tatverdächtige habe es am Fuß verborgen gehalten.

Die Schreckensbilanz: zwei Tote, eine Verletzte.APA/dpa/Henning Kaiser

„Er hat ein Ventil für seine Aggression gesucht“

Die Polizei leitete umgehend weitere Untersuchungen ein und führte zwei Hausdurchsuchungen durch. Immerhin hätte sie es auch mit einem Wichtigtuer zu tun haben können, der die mediale Aufmerksamkeit suchte. Nun ist sie sich aber offenbar sehr sicher: Der junge Mann ist „der“ Obdachlosen-Mörder. Aufgrund seines Alters nahm die Polizei sofort mit der Staatsanwaltschaft Wien Kontakt auf und verhaftete Phillip S.

Zum rätselhaften Tatmotiv erklärte der Leiter des Ermittlungsdienstes: „Er hat ein Ventil für seine Aggression gesucht, und ebenso nach Aufmerksamkeit“. Er habe „Wut und Traurigkeit in sich verspürt“. Den einen, einzigen Auslöser habe es aber nicht gegeben. Die private Situation des Verdächtigen habe sich seit Februar dieses Jahres verschlimmert. Er brach die Schule ab, überdies verschlechterte sich auch seine Drogensucht. Nachdem er zunächst Party-Drogen wie Ecstasy eingenommen hatte, kamen nun harte Drogen wie Heroin hinzu.

Die Freundin spielte offenbar eine wichtige Rolle beim Geständnis

Die Tatwaffe sei gut versteckt gewesen. Im Zuge einer Razzia wurde sie von der Polizei gestern im Haus seines Vaters im Weinviertel gefunden – im Kinderzimmer. Der junge Mann wurde überdies im Krisenzentrum im 18. Wiener Gemeindebezirk betreut. Mit der Polizei war er erstmals im September in Kontakt geraten – wegen seiner Drogensucht. Überdies verletzte er kürzlich seine Mutter, als ein Streit mit ihr eskalierte.

Zuletzt hörte das Morden auf. Phillip S. wollte „sein Leben wieder in Ordnung bringen“, berichtete er den Polizei. Er begann mit einer Lehre. Ausschlaggebend für die Wende dürfte vor allem der Beginn einer Beziehung gewesen sein. Bei seiner Freundin soll er Geborgenheit und Liebe gefunden haben, womit auch die innere Unruhe und Aggression verschwanden.

Drei Taten in wenigen als drei Wochen

Zehn Tage später, am 22. Juli, ereignete sich der zweite Angriff im Venediger-Au-Park. Eine weitere Obdachlose (51) wurde mit einem Messer attackiert, überlebte jedoch knapp dank schneller medizinischer Hilfe. Der letzte tödliche Angriff ereignete sich schließlich am 9. August am Hernalser Gürtel. Ein schlafender Obdachloser (55) wurde brutal erstochen und erlag später seinen Verletzungen.