Ganz Amerika amüsiert sich derzeit über das schwitzende Europa: Das „Wall Street Journal” staunte in einem vielbeachteten Bericht über den europäischen „Kampf gegen die Kühlung” – exxpress berichtete –, Elon Musk teilte einen Spott-Beitrag über die Klimaanlagen-Verweigerung der Europäer, der es auf fast 20 Millionen Aufrufe brachte. Die nüchterne Zahl hinter dem Gelächter, laut Internationaler Energieagentur: Rund 90 Prozent der US-Haushalte haben eine Klimaanlage – in Europa sind es 20 Prozent.

Mitten in diese Debatte hinein veröffentlicht die SPÖ ihr YouTube-Format „Halbzeit” zur Rekordhitze. Und weiß auch schon, wer an den 40 Grad in Wien schuld ist: Donald Trump, Herbert Kickl, Elon Musk, „die Superreichen mit ihren Privatjets”. Die Liste der Angeklagten ist lang. Nur ein Name fehlt auffällig: die SPÖ selbst – jene Partei, die die Bundeshauptstadt seit Jahrzehnten regiert und dort Klimaanlagen bis vor Kurzem de facto blockierte.

Doch der Reihe nach.

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„Die Wissenschaft ist sich einig" – ist sie das?

„Die Wissenschaft ist sich einig, gäbe es keine Klimakrise, wäre so etwas im Juni unmöglich”, heißt es im Video. Ein steiler Satz – der von der zitierten Quelle selbst nicht gedeckt ist. „Die Wissenschaft” ist hier eine einzige Schnellanalyse der Gruppe World Weather Attribution, veröffentlicht am 26. Juni, während die Hitzewelle noch lief, erstellt teils auf Basis von Prognosen und ohne Peer-Review.

Und die Studie sagt etwas anderes: Verglichen mit dem Klima von 1976 wären die heurigen Juni-Temperaturen „praktisch unmöglich” gewesen – eine Wahrscheinlichkeitsaussage im Vergleich zu einem historischen Referenzjahr. Ein Ereignis wäre demnach tagsüber rund 3,5 Grad kühler ausgefallen. Aus „praktisch unmöglich vor 50 Jahren” macht die SPÖ ein absolutes „ohne Klimakrise unmöglich”.

Auch beim „neuen traurigen Hitzerekord in Österreich” nimmt es das Video nicht genau: Die 40,0 Grad in der Wiener Innenstadt am 28. Juni sind laut GeoSphere Austria ein Wien-Rekord und ein Juni-Rekord – der österreichische Allzeitrekord von 40,5 Grad aus Bad Deutsch-Altenburg (2013) hielt. Und der zweimal beschworene „kühlste Sommer für den Rest unseres Lebens”? Ein Aktivisten-Slogan, den kein Klimamodell hergibt.

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Wenn wir schon in Deutschland sind

Als Kronzeugen präsentiert das Video einen viral gegangenen Rettungssanitäter – aus Deutschland, wohlgemerkt. Dazu Ausschnitte aus einer STRG_F-Doku (funk, also ARD/ZDF) und ZDF-Material. Ein österreichisches Parteivideo über österreichische Hitze, dessen gesamte Beweisführung aus dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zusammengeschnitten ist.

Und hört man dem Sanitäter tatsächlich zu, wird es für die SPÖ erst richtig unangenehm. Denn der Mann sagt kein einziges Wort über Klimawandel, CO2 oder Reiche. Er beschreibt Zustände: „Wir bringen überhitzte Patienten in überhitzte Notaufnahmen zu überhitztem Pflegepersonal.” Er fordert, endlich zu „agieren” statt zu „reagieren”, zu „akzeptieren, dass wir Hitzeperioden im Sommer haben” – und er versteht nicht, „warum es dafür politisch keine Normen gibt, keine Richtlinien”.

Das ist keine Klimaschutz-Rede. Das ist eine Anpassungs-Klage: Der Sanitäter beklagt exakt das, worüber Amerika gerade lacht – ungekühlte Spitäler und Notaufnahmen mitten in Europa. Sein Problem ließe sich nicht mit einer Vermögenssteuer lösen, sondern mit dem Gerät, das in jedem amerikanischen Spital Standard ist: einer Klimaanlage. Die SPÖ schneidet ihn trotzdem als Beleg für die Klimakrise ins Video – und merkt offenbar nicht, dass ihr eigener Kronzeuge die verweigerte Kühlung anprangert.

Wenn wir schon bei deutschen Beispielen sind, liefern wir auch die Zahlen nach, die im Video fehlen: Die dort regelmäßig vermeldeten „Hitzetoten” sind keine gezählten Todesfälle, sondern statistische Schätzungen. Das räumt das Robert Koch-Institut selbst ein: Hitze werde „auf dem Totenschein normalerweise nicht als die zugrunde liegende Todesursache angegeben”, stattdessen müssten „statistische Methoden angewendet werden, um das Ausmaß hitzebedingter Sterbefälle abzuschätzen”.

Danke, SPÖ: Wer hat die Klimaanlage blockiert?

Der eigentliche Treppenwitz des Videos kommt am Schluss: Vizekanzler und Wohnminister Andreas Babler „prüft”, wie man den Einbau von Klimaanlagen „gesetzlich leichter durchbringen kann”. Denn Kühlung dürfe „nicht vom guten Willen des Vermieters abhängen”.

Vom guten Willen des Vermieters? In Wien hieß der größte Vermieter jahrzehntelang: Stadt Wien. Wiener Wohnen handhabte Klimaanlagen-Außengeräte im Gemeindebau lange restriktiv – erst nach der Rekordhitze gibt es ein Antragsverfahren, und laut ORF Wien wurden bisher gerade einmal rund 20 Geräte genehmigt, während in rund 130 Fällen noch nicht einmal die Unterlagen vollständig vorliegen. Teils muss das Bundesdenkmalamt mitreden.

Auch programmatisch war die Klimaanlage in Wien lange unerwünscht: Der rot-pinke Klimafahrplan (2022) setzt für die Klimaneutralität 2040 auf Fernwärme und Fernkälte – private Klimaanlagen galten als Stromfresser und Energiesünder, der nicht ins Konzept passt.

Dass Wien mit seinen versiegelten, nachverdichteten Gründerzeitvierteln zur „Hitzestadt” wurde und Schüler in „Saunaklassen” schwitzen –

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–, ist das Ergebnis jahrzehntelanger roter Stadtpolitik. Im Video: kein Wort davon.

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Die Neidkultur

Bleibt das Reichen-Bashing. Elon Musks Privatjets, das „reichste 1 %”, die „Top 10 %, die die Hälfte aller Emissionen verursachen” – sämtliche Zahlen stammen aus Kampagnenmaterial der NGO Oxfam beziehungsweise des World Inequality Lab. Der Haken: In die globalen Top 10 % fällt bereits, wer ein durchschnittliches österreichisches Vollzeiteinkommen bezieht. Die SPÖ präsentiert ihren Zusehern also eine Statistik, in der diese selbst stecken – als Beleg gegen „die Superreichen”. Und das „CO2-Budget”, das am 10. Jänner „verbraucht” war, ist ein normatives Rechenkonstrukt, kein physikalischer Messwert. Österreichs Anteil an den globalen Emissionen liegt übrigens bei rund 0,2 Prozent.

Wer Privatjets anprangert, sollte zudem die eigene Blase nicht vergessen: Zur Klimakonferenz

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reiste die internationale Politprominenz vergangenen November zu Zehntausenden an – und laut Medienberichten von taz bis PULS 24 wurde dort rechtzeitig zur Konferenz eine vierspurige Autobahn fertig, für die eine 13 Kilometer lange Schneise durch geschützten Amazonas-Regenwald gerodet wurde, rund 68 Hektar Wald. Die brasilianische Regierung bestreitet zwar einen Zusammenhang mit der COP – fertig wurde die jahrelang wegen Umweltbedenken auf Eis gelegte Straße trotzdem genau rechtzeitig zum Gipfel.

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Werbung um Wähler, die längst weg sind

Dass die SPÖ im Video den Anwalt der „kleinen Leute” gibt, hat freilich einen Grund: Genau diese Wähler hat sie verloren. Bei der Nationalratswahl 2024 war die FPÖ laut Wahltagsbefragungen mit großem Abstand stärkste Kraft unter Arbeitern – die Sozialdemokratie weit abgeschlagen.

Bleibt die Frage: Wenn 40 Grad in Wien wirklich „kein normaler Wetterbericht mehr” sind – warum hat dann ausgerechnet die Partei, die diese Stadt seit 1945 fast durchgehend regiert, den Wienern die Klimaanlage so lange verwehrt?