Der am 13. April veröffentlichte ZARA-Report 2025 dokumentiert 1.539 gemeldete Fälle von Rassismus in Österreich. Laut ZARA macht er sichtbar, „wie sich Rassismus zeigt, wie Rassismus strukturell wirkt und welche konkreten Maßnahmen notwendig sind“. Das ist ein großer Anspruch. Noch größer klingt der Titel: „Analyse zu rassistischen Übergriffen & Strukturen in Österreich.“ Der Schwerpunkt: „Bildung mit Ballast: Wie Rassismus Lebenswege prägt.“
Doch wer den Bericht liest, stößt auf eine erstaunliche Leerstelle: Antisemitismus. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ist Judenhass massiv gestiegen. Im ZARA-Bericht bleibt er trotzdem fast unsichtbar.
Regierung Stoppt Foerderung Fuer Linke Ngo Zara
Viel Kopftuch, wenig Judenhass
Gleich im Editorial nimmt ZARA das Kopftuchverbot für Schülerinnen unter 14 Jahren ins Visier. Dieses greife eine „konkrete religiöse Praxis“ heraus und markiere muslimische Mädchen „ganz spezifisch als ‚anders‘“. Die Regelung erzeuge „Fremdbestimmung, Stigmatisierung und Ausgrenzung“, verstärke Vorurteile, „normalisiert antimuslimischen Rassismus“ und erhöhe das Risiko von Anfeindungen gegen muslimische Mädchen und Frauen.
Eine politische Maßnahme, die mit dem Kindeswohl argumentiert, wird hier als rassistisch dargestellt.
Zum massiv gewachsenen Antisemitismus findet man hingegen keinen eigenen Abschnitt, keine systematische Analyse jüdischer Betroffenheit, keine vergleichbare Behandlung jüdischer Schüler, Studenten, Professoren, Künstler oder sichtbarer Juden im öffentlichen Raum.
Babler Rettet Zara Aber Beim Sport Fehlen 30 Millionen
Palästinenser im Fokus – Juden am Rand
Auch im Hochschulteil ist die Richtung erkennbar. In einem Interview über „Whiteness“ und BIPoC-Organisierung (BIPoC steht für Black, Indigenous and People of Color) heißt es: „Palästinensische Vortragende und auch Studierende sind an Universitäten massiven Repressionen ausgesetzt. Ihre Perspektiven erhalten wenig Raum, vor allem in der deutschsprachigen Akademie.“
Eine entsprechende Passage über jüdische Studenten, israelische Vortragende oder jüdische Wissenschaftler nach dem 7. Oktober sucht man vergeblich.
Besonders auffällig ist der einzige ausführlicher dargestellte Antisemitismus-Fall. In einer Instagram-Gruppe, die die Freigabe israelischer Geiseln aus Hamas-Gewalt fordert, werden laut ZARA antisemitische Beiträge veröffentlicht. Eine jüdische Betroffene meldet diese. Doch die Überschrift lautet nicht einfach „Antisemitische Beiträge“. Sie lautet: „Antisemitische und islamfeindliche Beiträge in Instagram-Gruppe“. Denn die Beraterin sei „auch auf islamfeindliche Beiträge“ gestoßen.
So wird Antisemitismus nicht als eigenes Problem sichtbar. Er wird sofort mit Islamfeindlichkeit gekoppelt.
Zara Muslim Jugend Gemeinsamer Auftritt Wirft Neue Fragen Auf
ZARA gibt die Grenzen selbst zu
Der Bericht räumt immerhin ein, man arbeite „ausschließlich meldungsbasiert“. Die Zahlen erlaubten daher „keine Aussage darüber, wie verbreitet Rassismus ist“.
Noch deutlicher wird es an anderer Stelle. ZARA könne „nicht alle relevanten Informationen von allen Beteiligten einholen“, sehe dies auch „nicht als unsere Aufgabe“ und arbeite „in erster Linie betroffenenzentriert“. Der Fokus liege auf den „Sichtweisen und Realitäten der von Rassismus betroffenen Menschen“.
Für eine Beratungsstelle mag das legitim sein. Für einen Bericht, der sich als Analyse rassistischer Strukturen in Österreich präsentiert, ist das problematisch.
Die Meldestelle: 1.532 antisemitische Vorfälle
Wie groß diese Leerstelle ist, zeigt der Jahresbericht der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Für 2025 dokumentierte sie 1.532 antisemitische Vorfälle. Das war der höchste jemals registrierte Wert. Im Schnitt waren das 4,2 Vorfälle pro Tag. Erfasst wurden 19 physische Angriffe, 27 Bedrohungen, 205 Sachbeschädigungen, 439 Massenzuschriften und 842 Fälle von verletzendem Verhalten.
Besonders brisant: 77,4 Prozent der Vorfälle waren israelbezogener Antisemitismus.
Auch die Täter-Milieus passen nicht in einfache Schablonen. Von den 1.532 Vorfällen wurden 433 dem linken Spektrum, 416 einem muslimischen Hintergrund, 375 dem rechten Spektrum und 308 keinem eindeutigen Hintergrund zugeordnet. Bei den 19 Angriffen waren 11 muslimisch motiviert. Bei den 27 Bedrohungen kamen 12 von Personen mit muslimischem Hintergrund.
Diese Größenordnung bleibt bei ZARA praktisch unsichtbar.
Der BMI-Bericht zeigt das ganze Bild
Noch gewichtiger ist der Lagebericht Hate Crime 2024 des Innenministeriums. Er dokumentiert nicht NGO-Meldungen, sondern polizeilich erfasste vorurteilsmotivierte Straftaten. Im Jahr 2024 wurden 6.786 vorurteilsmotivierte Straftaten mit 7.614 Vorurteilsmotiven registriert. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) hebt im Vorwort ausdrücklich die Zunahme antisemitischer Vorfälle hervor.
Tatsächlich zeigt der BMI-Bericht eine andere Schwerpunktlage als ZARA. Das häufigste Vorurteilsmotiv war „Weltanschauung“ mit 3.935 Fällen. Danach folgten „nationale/ethnische Herkunft“ mit 1.581 Fällen und „Religion“ mit 763 Fällen. Erst danach kamen Hautfarbe, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Religion ist damit ein zentrales Feld – und innerhalb der Religion dominiert Antisemitismus.
Der BMI-Bericht hält ausdrücklich fest: Beim Vorurteilsmotiv „Religion“ betrafen beinahe die Hälfte der Motive die Opfergruppe „Juden“ – konkret 347 Vorurteilsmotive, also 46 Prozent. Muslime waren mit 246 Vorurteilsmotiven, also 32 Prozent, die zweitgrößte Gruppe.
Noch klarer: Seit 2022 dominiert laut BMI in der Kategorie Religion „deutlich die Registrierung von Antisemitismus“. 2024 gab es einen „rasanten Anstieg der Judenfeindlichkeit um 32 Prozent“, während Muslimfeindlichkeit um sieben Prozent stieg.
Der Pro-Kopf-Schock
Noch dramatischer wird der Vergleich, wenn man die Größe der betroffenen Gruppen berücksichtigt. Die Antisemitismus-Meldestelle verweist auf weniger als 15.000 jüdische Menschen in Österreich. Bei 347 antisemitischen BMI-Vorurteilsmotiven ergibt das mehr als 2.300 Motive pro 100.000 Juden.
Für Muslime weist Statistik Austria für 2021 745.600 Personen aus, also 8,3 Prozent der Bevölkerung. Bei 246 antimuslimischen BMI-Vorurteilsmotiven ergibt das rund 33 Motive pro 100.000 Muslime.
Selbst vorsichtig gerechnet ist die polizeilich registrierte antisemitische Belastung pro Kopf damit mindestens rund 70-mal so hoch wie die antimuslimische. Das bedeutet nicht, dass antimuslimischer Rassismus unwichtig wäre. Aber es bedeutet: Wer religiösen Hass in Österreich analysiert und Antisemitismus nicht ins Zentrum rückt, verfehlt die Realität.
Wozu dann noch ZARA?
Der BMI-Lagebericht liefert, was ZARA nur behauptet: ein breites Lagebild über vorurteilsmotivierte Kriminalität in Österreich. Er differenziert nach Motiven, Delikten, Tatorten, Opfergruppen, Tatverdächtigen und Regionen.
Die Antisemitismus-Meldestelle wiederum beansprucht gar nicht, ein Gesamtbild aller Diskriminierungsformen zu liefern. Sie dokumentiert Antisemitismus. Der BMI liefert den staatlichen Vergleichsrahmen.
ZARA hingegen tritt mit dem großen Anspruch einer „Analyse zu rassistischen Übergriffen & Strukturen in Österreich“ auf. Doch genau dort, wo die offiziellen Zahlen besonders alarmierend sind, bleibt der Bericht auffallend leise.
ÖVP-Ministerin Claudia Bauer strich ZARA kürzlich die Förderung. Es folgte Kritik von NEOS-Chefin und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Vizekanzler Andreas Babler und Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (beide SPÖ) kündigten an, die Finanzierung für 2026 aus ihren Ressorts zu übernehmen. Nur: Wofür genau wird hier politisch so heftig gekämpft – wenn ausgerechnet der massivste religiöse Hasskomplex des Landes im ZARA-Bericht kaum sichtbar wird?

Kommentare
Lädt Kommentare...