Nach Angaben des Handelsblatt schulden die USA der WHO 130 Millionen US-Dollar. Zusätzlich stehen mehrere hundert Millionen Dollar an zugesagten, freiwilligen Zahlungen im Raum, die nun ebenfalls nicht mehr fließen sollen. Nach Einschätzung von Lawrence Gostin, Professor für globales Gesundheitsrecht an der Georgetown University, ist nicht damit zu rechnen, dass Washington offene Beiträge noch begleichen wird. „There’s no chance that the U.S. is going to pay before it leaves“, sagte Gostin gegenüber STAT News.

Der Austritt geht auf einen Executive Order von Präsident Donald Trump vom 20. Jänner 2025 zurück. Darin wurde die US-Bundesregierung angewiesen, sämtliche künftigen Geldflüsse an die WHO zu stoppen. Eine einjährige Kündigungsfrist lief nun aus – seit Donnerstag gilt der Austritt als vollzogen.

In einer offiziellen Stellungnahme heißt es dazu: “Diese Maßnahme (der Austritt) reagiert auf die Misserfolge der WHO während der COVID-19-Pandemie und zielt darauf ab, den Schaden zu korrigieren, den diese Versäumnisse dem amerikanischen Volk zugefügt haben. Versprechen gemacht, Versprechen gehalten.”

Gemeinsame Erklärung von Außenminister Rubio und dem Minister für Gesundheit und Soziales Kennedy (am 22. Januar 2026) zur Beendigung der U.S. Mitgliedschaft in der Weltgesundheitsorganisation (WHO). (Deutsche Übersetzung)U.S. department of health and human services/Screenshot

„Bürokratischer Blähbauch, Interessenkonflikte, Machtpolitik“

Politisch flankiert wurde der Schritt von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der im Mai 2025 in einer Videobotschaft an die 78. Weltgesundheitsversammlung eine scharfe Abrechnung mit der WHO präsentierte.

Kennedy sprach von einer Organisation, die in „bürokratischem Blähbauch“, „verkrusteten Denkweisen“, Interessenkonflikten und internationaler Machtpolitik gefangen sei. Obwohl die USA über Jahre den größten Teil der Finanzierung getragen hätten, hätten andere Staaten – allen voran China – einen unverhältnismäßigen Einfluss auf Entscheidungen gewonnen, so Kennedy.

Besonders schwer wiegt ein weiterer Vorwurf: Die WHO habe den Bezug zu ihren eigentlichen Auftraggebern verloren. Mitgliedsstaaten müssten ihren eigenen Bürgern rechenschaftspflichtig bleiben – nicht transnationalen oder wirtschaftlichen Interessen, sagte Kennedy wörtlich. Am Ende rief er andere Länder dazu auf, neue, „schlanke, transparente und rechenschaftspflichtige“ Institutionen zu schaffen oder bestehende Strukturen grundlegend zu reformieren.

MAHA: Kennedys Gegenmodell zur WHO

Der Austritt aus der WHO ist für Kennedy kein isolierter Schritt, sondern Teil einer umfassenderen gesundheitspolitischen Neuausrichtung. Unter dem Schlagwort MAHA – „Make America Healthy Again“ verfolgt der US-Gesundheitsminister eine Strategie, die den Fokus von globalen Strukturen hin zu nationaler Prävention, Ernährung und chronischen Erkrankungen verschiebt.

Grundlage ist der MAHA-Report sowie die im September 2025 veröffentlichte „Make Our Children Healthy Again Strategy“, ausgearbeitet von der eigens eingerichteten MAHA-Kommission. Der Maßnahmenkatalog umfasst über 120 Vorschläge – von der Überarbeitung der US-Ernährungsrichtlinien über Einschränkungen für stark verarbeitete Lebensmittel, Pestizide und Zusatzstoffe bis hin zu einer Neuausrichtung von Forschung, Schulverpflegung und Agrarpolitik.

Auch bestehende Strukturen im Medizin- und Pharmabereich sollen überprüft werden, darunter der Impfplan, Entschädigungsfonds sowie die Rolle großer Fachjournale. International setzt MAHA nicht, auf multilaterale Organisationen, sondern auf bilaterale Kooperationen, etwa bei Generika, Technologie oder Forschung – und explizit auf die Ermutigung anderer Staaten, den US-Weg jenseits der WHO zu prüfen.

Streit um offene Rechnungen

Der US-Ausstieg trifft die WHO nicht nur politisch, sondern auch finanziell. Nach Medienberichten stehen rund 278 Millionen Dollar an verpflichtenden US-Beiträgen aus den vergangenen zwei Jahren offen, dazu kommen weitere zugesagte freiwillige Mittel, die Washington nicht mehr überweisen will.

Zwar sieht der US-Beitrittsbeschluss von 1948 vor, dass finanzielle Verpflichtungen vor einem Austritt zu erfüllen sind, doch die US-Regierung hat unmissverständlich klargestellt, dass keine weiteren Zahlungen erfolgen werden. Die WHO prüft rechtliche Schritte, Beobachter halten eine tatsächliche Blockade des Austritts jedoch für unwahrscheinlich. Damit verschärft sich ein bekanntes strukturelles Problem: Die WHO ist stark von freiwilligen, zweckgebundenen Zahlungen abhängig – ein Modell, das sie anfällig für politischen und finanziellen Druck macht. exxpress hatte zuletzt bereits über intransparente Spendenstrukturen rund um die WHO Foundation berichtet:

Gavi ist nicht WHO – aber Teil desselben Systems

Der US-Austritt betrifft ausschließlich die Weltgesundheitsorganisation. Die Vereinigten Staaten sind damit aber nicht automatisch aus allen globalen Gesundheitsstrukturen ausgestiegen. Denn die internationale Gesundheitsarchitektur funktioniert arbeitsteilig und über mehrere, eng miteinander verknüpfte Ebenen.

Ein zentrales Beispiel dafür ist Gavi, die Vaccine Alliance. Gavi ist keine UN-Organisation, sondern eine eigenständige öffentlich-private Partnerschaft, die Impfprogramme in ärmeren Ländern finanziert. Zu den prägenden Akteuren zählt seit der Gründung die Gates-Stiftung als größter privater Geldgeber, zugleich ist sie strukturell in der Governance verankert.

Die Rollenverteilung innerhalb dieses Systems ist dabei klar definiert: Die WHO liefert die fachlichen Standards und spricht Empfehlungen aus, Gavi stellt die Finanzierung sicher und ermöglicht die Umsetzung, während die operative Beschaffung und Verteilung über bspw.UNICEF läuft. Auf diese Weise entsteht ein arbeitsteiliges System.

Diese Struktur ist zugleich Ausdruck der Globalisierung im Gesundheitssektor. Forschung, Entwicklung und Zulassung von beispielsweise Impfstoffen liegen häufig bei großen westlichen Pharmaunternehmen, während die industrielle Herstellung vielfach in anderen Weltregionen erfolgt, etwa in Indien, wo Produktionskapazitäten günstiger und skalierbarer sind. Globale Impfprogramme beruhen damit auf internationalen Lieferketten, die politische Zuständigkeitsgrenzen überschreiten.

Diese Hersteller spielen eine zentrale Rolle bei Forschung, Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und tragen maßgeblich zur Weiterentwicklung des globalen Impfstoffmarktes bei.Marketsandmarkets/Screenshot

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte US-Handelsminister Howard Lutnick, die klassische Form der Globalisierung sei für die Vereinigten Staaten gescheitert. Unabhängig von dieser Einschätzung basiert die globale Gesundheitsversorgung jedoch weiterhin auf genau jener internationalen Arbeitsteilung.

Politisch brisant wird diese Konstellation aus US-Sicht gleich doppelt. Während Präsident Trump per Executive Order die WHO-Finanzierung kappt, sieht der Kongress in den Budgetunterlagen für das Fiskaljahr 2026 weiterhin einen Beitrag für Gavi in Höhe von rund 300 Millionen Dollar vor – ausdrücklich im Gegensatz zu den Kürzungsplänen des Weißen Hauses. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Mittel auch tatsächlich fließen, wohl aber, dass eine entsprechende Ausgabenermächtigung vorliegt. Der WHO-Austritt betrifft damit die Organisation selbst, nicht jedoch automatisch das komplexe System aus Standards, Partnern, Finanzierungsströmen und Lieferketten, das die globale Gesundheitspolitik trägt.

Der Haushaltsentwurf für das Fiskaljahr 2026 sieht rund 50 Milliarden US-Dollar für das US-Außenministerium und weitere außenpolitische Programme vor.US Senat/Screenshot

Österreichische Kritik: „Nicht gesundheitsförderlich“

Kritik an der WHO kommt nicht nur aus den USA. Im Interview mit exxpress äußerte sich, neben vielen weiteren, nationalen und internationalen Stimmen, die Ärztin und MEHA-Initiatorin Maria Hubmer-Mogg kritisch über die Rolle der Weltgesundheitsorganisation, insbesondere während der Corona-Pandemie. Die WHO habe Empfehlungen ausgesprochen, die aus ihrer Sicht nicht gesundheitsförderlichgewesen seien.

Hubmer-Mogg verweist dabei auf strukturelle Probleme innerhalb der Organisation sowie auf die zentrale Rolle des WHO-Generaldirektors. Auch internationale Regelwerke wie die Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) und der geplante Pandemievertrag sieht sie skeptisch.