Es ist ein Projekt ohne Debatte – aber mit klarem Zeitplan. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Oktober 2025 offiziell beschlossen, in die nächste Phase des digitalen Euro überzugehen. Der Fahrplan ist politisch klar getaktet: Wenn die EU-Rechtsvorschriften 2026 in Kraft treten, soll Mitte 2027 ein Pilotprojekt mit ersten Transaktionen starten. 2029 will das Eurosystem für eine potenzielle Erstausgabe „bereit sein“.

Heißt: Das ist kein ferner Zukunftstraum mehr, sondern ein konkret terminiertes Großprojekt – mit massiven Folgen für das europäische Geldsystem. Trotzdem findet darüber bislang kaum eine öffentliche Debatte statt.

Digitales Zentralbankgeld als Ergänzung zu Bargeld?

Der digitale Euro ist laut EZB als Ergänzung konzipiert – nicht als Ersatz für Bargeld. Offiziell begründen EZB und Österreichische Nationalbank den digitalen Euro mit einer zusätzlichen Wahlmöglichkeit neben Bargeld, strategischer Autonomie gegenüber US-Zahlungsdiensten, mehr Resilienz im Zahlungsverkehr – und teils sogar mit dem Argument, er könne mehr Privatsphäre bieten als heutige Kartenzahlungen.

Es melden sich aber immer mehr kritische Stimmen, und sie warnen davor, den digitalen Euro als harmloses Technik-Upgrade zu verkaufen. Denn hier wird digitales Zentralbankgeld für alle Bürger vorbereitet – also eine neue Form staatlichen Geldes.

Zentralisierung besonders umstritten

Ökonom Hanno Lorenz von der Wiener Denkfabrik Agenda Austria kommentiert: „Es handelt sich dabei nicht um ein harmloses Payment-Update, sondern um ein staatliches Zahlungssystem, das technisch mehr kann als Bargeld – und damit auch mehr, als eine freie Gesellschaft brauchen sollte.“

„Mehr als Bargeld“ bedeutet: programmierbare Zahlungslogik, zentrale Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten, neue Formen der Datenverarbeitung, eine dauerhafte Machtverschiebung hin zur EZB und zu staatlich kontrollierten Zahlungsinfrastrukturen.

Wirtschaftsgutachten und Branchenanalysen warnen: Damit entstehen neue, hochzentralisierte Infrastrukturen – mit enormer Systemrelevanz in Krisen oder politischen Konflikten.

Banken schlagen Alarm: Milliardenkosten & Einlagen-Risiko

Immer heftiger Widerstand kommt aus dem Bankenumfeld. Die European Banking Federation (EBF) warnt vor zwei zentralen Problemen:

1) Gefahr von Bankabflüssen
In Krisenzeiten könnten Bürger ihr Geld massenhaft von Bankkonten in „sicheres Zentralbankgeld“ verschieben. Deshalb diskutiert die EZB seit Jahren über Obergrenzen („Holding Limits“) pro Person – ein Eingriff, der selbst wieder neue politische Streitpunkte schafft.

2) Enorme Kosten
Interne Berechnungen und Branchenstudien gehen davon aus, dass allein die technische Umstellung für Banken über 2 Milliarden Euro initial kosten könnte – im Euroraum insgesamt sogar bis zu 18 Milliarden Euro, je nach Modell.

Hinzu kommen laufende Wartungs-, Compliance- und Sicherheitskosten. Kurz: Der digitale Euro könnte teuer werden – und zugleich das bestehende Bankensystem destabilisieren.

Finanzprofis sagen: „Nicht notwendig – geringe Akzeptanz – hohes Risiko“

Wie skeptisch selbst Fachleute sind, zeigt eine Umfrage des Center for Financial Studies (CFS) unter Fach- und Führungskräften im Finanzsektor:

62,3 Prozent halten den digitalen Euro nicht für notwendig, da bestehende Zahlungssysteme ausreichen
Rund 67 Prozent erwarten eine geringe oder sehr geringe Akzeptanz bei Privatkunden
Knapp 70 Prozent sehen das Risiko von Hackerangriffen als hoch oder sehr hoch
Beim Datenschutz ist das Bild gespalten: zirka 49,6 Prozent sehen ein hohes Risiko, etwa 45 Prozent halten das Risiko für eher gering
Mehr als 65 Prozent erwarten negative Effekte auf die Profitabilität der Banken

CFS-Direktor Prof. Volker Brühl fasst zusammen: „Die Umfrage verdeutlicht, dass die Finanzindustrie dem digitalen Euro in seiner gegenwärtig angedachten Form skeptisch gegenübersteht. Die meisten gehen von einer niedrigen Akzeptanz bei den Kunden aus.“

Datenschützer warnen: Privatsphäre wie Bargeld – sonst gefährlich

Auch die europäischen Datenschutz-Spitzenbehörden schlagen Alarm. Das Eurosystem verweist mit Blick auf den Datenschutz auf ein bargeldähnliches Schutzniveau bei Offline-Zahlungen sowie strenge Vorgaben zur Datenminimierung. Doch der Europäische Datenschutzausschuss (EDPB) und der Europäische Datenschutzbeauftragte (EDPS) fordern, dass die Privatsphäre beim digitalen Euro nicht nur versprochen, sondern technisch garantiert werden müsse – idealerweise mit Schutzmechanismen „ähnlich Bargeld“.

Die französische Datenschutzbehörde CNIL warnt zudem. Ein zu zentralisiertes Design erhöht die Versuchung, Datenzugriffe oder Nutzungsregeln später politisch auszuweiten.

Nutzung vs. Kontrolle – Risiko der Machtkonzentration

Zentralisierung wird oft als Effizienz verkauft. Doch in Wahrheit bedeutet sie Machtkonzentration in den Händen staatlicher und digitaler Infrastrukturen, warnen Kritiker. Diese Macht kann technisch festlegen: welche Zahlungen erlaubt sind, welche blockiert werden, welche Daten gespeichert oder ausgewertet werden, wie Geld politisch gesteuert wird.

Als Warnbeispiel gilt häufig Chinas digitaler Yuan, wo Zahlungen, Überwachung und staatliche Kontrolle miteinander verschmelzen.

Lorenz mahnt: „Je zentraler das System, desto größer der Schaden bei Fehlern, Angriffen oder politischem Druck.“

2026 wird zum politischen Nadelöhr

Politisch steht das Projekt auf der Kippe: 2026 muss das EU-Gesetzespaket durch Parlament und Rat. In Brüssel wächst der Widerstand – vor allem wegen: Kostenexplosion, Datenschutzrisiken, staatlicher Konkurrenz zu privaten Bezahlsystemen, mangelndem klaren Nutzen. Sogar Kompromissmodelle wie ein reiner Offline-Euro werden diskutiert.

Während EZB und EU auf Souveränität, Resilienz und technologische Zukunft verweisen, wächst außerhalb der Institutionen das Misstrauen. Immer mehr Fachleute – und zunehmend auch Bürger – fragen: Braucht Europa dieses System wirklich? Und zu welchem Preis für Freiheit, Wettbewerb und Sicherheit?