Chef weg. Vize weg. Innerhalb weniger Tage verlor das Wiener Marktamt seinen Direktor und dessen Stellvertreter. Die bisherige Führungsspitze der MA 59 war damit binnen weniger Tage Geschichte.
Der Umbruch kommt mitten in einer wachsenden Affäre. Gegen den bisherigen Marktamtsleiter Andreas Kutheil stehen schwere Vorwürfe im Raum. Gegen seinen Stellvertreter Alexander Hengl wurden Anschuldigungen rund um mutmaßliche Fake-Profile bekannt.
Parallel deckte exxpress fragwürdige Methoden hinter den offiziell gefeierten Besucherrekorden der Wiener Märkte auf.
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Schwere Vorwürfe gegen Kutheil
Am 16. Juli ersuchte Kutheil laut Magistratsdirektion, „aus persönlichen Gründen mit sofortiger Wirkung“ von der Leitung der MA 59 enthoben zu werden. Christian Seiringer übernahm interimistisch.
Der Rückzug erfolgte wenige Tage, nachdem schwere Vorwürfe gegen Kutheil öffentlich geworden waren. Mitarbeiter berichteten von einem „Klima der Angst“, Mobbing sowie rassistischen und sexistischen Äußerungen. Weitere Medienberichte nennen zudem den Vorwurf eines körperlichen Übergriffs. Die Anschuldigungen sind nicht erwiesen.
Die Magistratsdirektion bereitet aufgrund des Stands der Revisionserhebungen und der Informationen rund um die Leitung der MA 59 eine Sachverhaltsdarstellung zur möglichen Einleitung eines Disziplinarverfahrens vor. Gegen wen sich ein solches Verfahren richten könnte, wurde nicht bekannt gegeben. Ein Disziplinarverfahren ist damit noch nicht eröffnet.
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Auch der Vize verliert seinen Posten
Am Mittwoch folgte die nächste Personalentscheidung. Der bisherige Abteilungsleiter-Stellvertreter sei bereits in der Vorwoche seiner Funktion enthoben worden, teilte die Stadt mit. Mit 21. Juli wurde er in eine andere Magistratsabteilung versetzt – ohne Führungsaufgaben.
Die Magistratsdirektion nannte den Betroffenen nicht beim Namen. Nach exxpress-Informationen und übereinstimmenden Medienberichten handelt es sich um Alexander Hengl, den bisherigen Stellvertreter und Mediensprecher des Marktamts.
Anders als Kutheil ersuchte Hengl nicht selbst um seine Enthebung. Die Stadt traf die Personalentscheidung. Den konkreten Grund nannte sie nicht.
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Fake-Profil-Vorwürfe gegen Hengl
Kurz vor der Versetzung wurden Vorwürfe gegen Hengl bekannt. Laut Falter soll er unter mehreren erfundenen Social-Media-Profilen – etwa „Edi Talinger“ oder „Stefanie Weber“ – positive Kommentare zu Beiträgen des Marktamts veröffentlicht haben.
Über dieselben Profile sollen zudem mögliche Gewerbeverstöße, etwa bei Nagelstudios, ausgeforscht worden sein. Ein Mitarbeiter wird mit der Aussage zitiert, in Hengls Büro hänge eine Liste mit den Zugangsdaten der falschen Identitäten.
Hengl äußerte sich gegenüber Medien nicht zu den Anschuldigungen. Die Vorwürfe sind nicht erwiesen. Ob sie den Ausschlag für seine Enthebung und Versetzung gaben, teilte die Stadt nicht mit.
Hinweisgeber wusste fünf Tage vorher Bescheid
Bemerkenswert ist der zeitliche Ablauf. Bereits am 17. Juli schrieb ein anonymer Hinweisgeber an den exxpress, Hengl übe seine Funktion als Stellvertreter Kutheils nicht mehr aus.
Fünf Tage später bestätigte die Stadt offiziell, dass der bisherige Vize bereits in der Vorwoche seiner Funktion enthoben worden war. Die anonyme Quelle bezeichnete Hengl außerdem als zentralen Verantwortlichen für die Außenwirkung des Marktamts und als „Chef über die Zahlen“. Sie ließ dem exxpress auch zu den Besucherzahlen interne Informationen zukommen.
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Der exxpress deckte fragwürdige Besucherzahlen auf
So gerieten parallel zur Führungskrise auch die offiziell gefeierten Besucherrekorde der Wiener Märkte unter Druck. Der exxpress veröffentlichte interne Schulungsunterlagen der MA 59. Daraus geht hervor: Bei den Frequenzzählungen werden nicht einzelne Menschen erfasst, sondern Übertritte über fiktive Zähllinien. Überquert dieselbe Person die Linie später erneut, wird sie ausdrücklich nochmals gezählt.
Je nach Lage der Zähllinie können darunter auch Passanten auf dem Weg zur U-Bahn oder zum Bus sein, die den Markt gar nicht besuchen.
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Weitere interne Dokumente – unter anderem zur „Langen Nacht der Wiener Märkte“ – zeigen Hochrechnungen mit Multiplikatoren und einem zusätzlichen Zuschlag von zehn Prozent. Aus gezählten Ausgangswerten wurden auf diese Weise deutlich höhere Besucherzahlen errechnet.
Wesentliche Fragen ließ die Stadt bislang unbeantwortet: Wie werden Doppelzählungen bereinigt? Nach welchen Formeln werden Stichproben hochgerechnet? Wer kontrolliert und genehmigt die veröffentlichten Ergebnisse?
Welche Rolle Hengl dabei tatsächlich spielte, ist nicht abschließend geklärt. Die Bezeichnung „Chef über die Zahlen“ stammt vom anonymen Hinweisgeber. Ein Zusammenhang zwischen der Besucherzahlen-Recherche, den Fake-Profil-Vorwürfen und den Personalentscheidungen ist bislang nicht belegt.
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Kutheil verschwindet aus Aufsichtsratsliste
Trotz seines Rückzugs von der Leitung der MA 59 wurde Kutheil zunächst weiterhin im Impressum der Großmarkt Wien Betrieb GmbH als erster Stellvertreter des Aufsichtsratsvorsitzenden geführt.
Der exxpress fragte deshalb bei der Muttergesellschaft WSE nach. Das Unternehmen erklärte, man befinde sich „bezüglich eines allfälligen Widerrufs der Bestellung“ bereits in Abstimmung mit der zuständigen Magistratsabteilung. Zu möglichen Vergütungen konnte die WSE zunächst keine Angaben machen.
Ein neuerlicher Abruf des Impressums durch die Redaktion zeigt: Kutheils Name ist in der Zwischenzeit aus der Aufsichtsratsliste verschwunden. Ob Kutheils Bestellung damit auch formell widerrufen wurde, blieb trotz Nachfrage offen.
Offen ist auch, welche Vergütungen, Sitzungsgelder oder sonstigen Bezüge Kutheil in den Jahren 2024, 2025 und bislang 2026 für das Mandat erhielt.
Was für ein Kontrast: „Sheriff“ im Video
Und dann ist da noch dieses Video. 2021 produzierte das Marktamt mit der Band Wiener Wahnsinn und der Produktionsfirma Helly Hanzen ein offizielles Musikvideo: die „Marktamtshymne“.
Darin spielt Kutheil selbst einen von zwei Kontrolleuren, die eine inszenierte Pfuscherküche aufdecken. Fast wirkt es, als gebe Kutheil den „Dirty Harry“ des Marktamts. Dienstwagen, rote Kontrollwesten, verdorbene Lebensmittel und eine dramatische Konfrontation bilden die Kulisse.
Am Ende heben die dargestellten „Betrüger“ die Hände – vor Kutheil als entschlossenem Ordnungshüter.

Fünf Jahre später wirkt die Szene unfreiwillig ironisch: Ausgerechnet die Behörde, die sich darin als kompromisslose Kontrollinstanz präsentiert, wird nun selbst von der Internen Revision durchleuchtet.

Der „Sheriff“ – produziert im Auftrag
Seit Jänner 2021 ist die „Marktamtshymne“ auf der Website der Stadt abrufbar. Wiener Wahnsinn erklärte damals, das Marktamt habe um ein Lied über seine Arbeit gebeten; die Nummer sei „im Auftrag produziert“ worden.
Kutheil erklärte dazu: „Das Video handelt von überlagerten Lebensmitteln, schmutzigen Küchen, bunten Märkten und natürlich auch von Teigtascherln. Die Teilnahme beim Videodreh war freiwillig, es kam kein Betrieb tatsächlich zu Schaden.“
Hengl war die Schaltstelle
Videoproduzent Helmut Hauswirth berichtet dem exxpress: „Die gesamte Kontaktaufnahme und operative Kommunikation – vom ersten Angebot über die Beauftragung bis zur organisatorischen Abstimmung – erfolgte schriftlich per E-Mail über Herrn Alexander Hengl.“
Hengl sei sein Ansprechpartner und Vermittler gewesen. Wer den Auftrag innerhalb der MA 59 genehmigte, konnte Hauswirth als externer Produzent nicht sehen.
Die Handlung entwickelte Hauswirth selbst. Danach wurde sie bei einem Briefing mit der MA 59 besprochen. Dort lernte er Kutheil erstmals persönlich kennen. Kutheil nahm an dem Briefing teil, bei dem die einzelnen Szenen besprochen wurden, und trat später selbst als Kontrolleur auf. Wer seine konkrete Rolle festlegte, weiß Hauswirth nicht.
Die Rechnung ging an die MA 59. Die Kosten waren überschaubar: 2.700 Euro für das Musikvideo, 320 Euro für spätere Änderungen und Retuschen. 2022 bestellte das Marktamt über Hengl noch einen Teaser für das Sommerkino. Kosten: weitere 240 Euro. Macht insgesamt 3.260 Euro.
Die Marktamtsmitarbeiter wirkten laut Auskunft der MA 59 freiwillig mit.
Ein Blockbuster war es nicht. Offene Fragen – und Stoff für eine Fortsetzung – gibt es trotzdem genug.

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